Italo-Regisseur Aldo Lado erschuf mit seinem nach dem doch eher dem Mystery-Thriller-/Horror-Bereich zuzuordnenden „Malastrana“ zweiten Spielfilm „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ im Jahre 1972 einen relativ eindeutig als Giallo erkennbaren Film in italienisch-deutscher Koproduktion. Bildhauer Franco (Ex-„James Bond“ George Lazenby, „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“) lebt von seiner Frau (Anita Strindberg, „Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key“) getrennt in Venedig. Seine kleine Tochter Roberta (Nicoletta Elmi, „Profondo Rosso“) kommt ihn besuchen, wird jedoch kurz darauf umgebracht. In verzweifelter Trauer macht sich Franco auf, den Mörder zu finden...
„The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ beginnt mit einer Rückblende ins Jahr 1968, in dem in einem Skigebiet ein junges Mädchen Opfer eines sich hinter einem Schleier verbergenden Mörders wird, um anschließend im Venedig des Jahres 1972 einzusteigen. Die Szenen, die das glückliche Vater-Tochter-Verhältnis zeigen, werden in wunderschön sowohl mit künstlichem als auch dem natürlichen Sonnenlicht ausgeleuchteten Bildern, die die unbeschwerte Lebenskultur der romantischen Stadt zeigen, eingefangen. Doch nach dem Mord an Roberta verändert sich die Optik des Films. Wirkte der überragende „Malastrana“ wie eine Liebeserklärung an die „goldene Stadt“ Prag, scheint Lado mit Venedig das genaue Gegenteil vorzuhaben: In gedeckten Farben entromantisiert er die Lagunenstadt und inszeniert sie als einen Ort der Trauer und Tristesse, des sterbenden Lebensmuts, der düsteren Schatten und schmutzigen Gassen. Diese atmosphärische Meisterleistung, das Erzeugen dieser unwirtlichen Stimmung, ist die größte Stärke des Films, der als Giallo überwiegend mehr zum Krimi denn zum Psycho- oder gar Horror-Thriller tendiert, wenngleich die subjektive Kameraführung aus Sicht des Mörders für sehr unheimliche Momente sorgt.
Untermalt von einem zwischen fröhlich und enervierend pendelndem Kinderchor-Soundtrack des Maestros Ennio Morricone und mit einer schön wie selten erscheinenden Anita Strindberg als Augenschmaus und subtilen Erotikfaktor versehen, wird der Zuschauer Zeuge eines souverän aufspielenden, jegliche Erinnerungen an „James Bond“ hinter sich lassenden Lazenbys, den das Drehbuch verzweifelt und kraftzehrend von Indiz zu Indiz, von Nebendarsteller zu Nebendarsteller und von Ort zu Ort hetzen lässt, getrieben von nur noch einem einzigen Lebensinhalt. Dies geschieht intensiv und konsequent ernst genug, um ein empathiebegabtes Publikum die geringe Anzahl an Morden und den generell niedrigen Gewaltfaktor des Films, der sich wenig exploitativ gibt, schnell verzeihen zu lassen und mit einer deprimierenden Handlung zu fesseln. Leider – und das ist wiederum die größte Schwäche des Films – hat man letztlich kein wirklich starkes, überzeugendes Finale zu bieten, so dass „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ in erster Linie als ungewohnte Konfrontation mit den dunklen Seiten Venedigs, als trauriges Kriminaldrama italienischer Handschrift, im Gedächtnis bleibt, während die Auflösung hingegen womöglich schnell verdrängt werden wird. Damit wirkt Lados Film etwas unrund, die Geschichte nicht 100%ig ausgegoren, was eine italophile Zielgruppe, die diese Art von Filmen bzw. ihre Regisseure, Kameraleute und Komponisten in erster Linie für ihre Ästhetik schätzt, aber nicht sonderlich tangieren dürfte. Zudem scheint „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ recht deutlich Inspirationsquelle für den populäreren „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gewesen zu sein, dessen eigene Kreativleistung sich dadurch relativiert.
Allein schon wegen der rothaarigen, unter tausenden Kindern unverkennbaren Göre Nicoletta Elmi als ausnahmsweise einmal ganz normales Mädchen sehenswert.