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Oberflächlich gesehen ist „Barfuss“ zunächst einmal vor allem ein perfider kleiner Tränenzieherfilm. Bei jeder der zahlreichen emotionalen Szenen werden gnadenlos die Musikregler hochgezogen und auf die Macht der Musik über die Tränedrüsen vertraut. Näher betrachtet ist „Barfuss“ allerdings noch sehr viel mehr: Ein höchst symphatischer Film über Freundschaft und Liebe über das Erwachsenwerden zweier Menschen und über die Bedeutung von Märchen und Humor. Dabei bekommt Regisseur Til Schweiger über weite Strecken das Kunststück fertig, an dem so viele deutsche Filme scheitern. Er wildert in mehreren Genres ohne dass seine Geschichte aufgesetzt oder affektiert wirkt.
Taugenichts Nick Keller (Til Schweiger) bewahrt bei seinem ersten und einzigen Arbeitstag in einer Psychiatrie das geistig zurückgebliebenen Mädchen Leila (Johanna Wokalek) vor dem Selbstmord. Leila verliebt sich in ihren Retter und folgt ihn fortan barfuss auf Schritt und Tritt. Nach anfänglichen Versuchen, die hartnäckige Leila loszuwerden, übernimmt Nick nach und nach Verantwortung für seine Begleiterin und stellt fest, das die beiden sich im Grunde gar nicht mal so unähnlich sind.
Bis zum eher märchenhaften Finale des Films haben beiden Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes eine lange Reise vor sich. Nach 20 Minuten eher schwermütiger Einleitung, die in dem vereitelten Selbstmordversuch von Leila gipfelt, entwickelt sich der Mittelteil des Films zu einem leichtfüßigen Roadmovie, in dem das Pärchen wider Willen witzige Situation meistern dürfen und Nick seine Leila nebenbei besser kennen- und schätzen lernen darf. Im letzten und schwächsten Drittel hechelt der Film dann etwas durch die zahlreichen Plottwists, kommt ein wenig überdramatisch daher. Hier Nick dann Erkenntnis gewinnen, endlich Verantwortung für sein Leben übernehmen, eine folgenschwere Entscheidung treffen und so den Weg für ein wunderschönes und versöhnliches Finale bereiten.
Neben einer sehr dezenten Liebesgeschichte, die in ihrer Märchenhaftigkeit in gewisser Weise an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ (2001) erinnert, bildet vor allem das Erwachsenwerden der beiden Protagonisten das Zentrum des Films. Leila, im Film 25 Jahre alt und geistig auf dem Stand einer 6-jährigen, macht den ersten Schritt dahin in ihrer naiven Liebe zu Nick. Nick hingegen ist auf seine Art und Weise nicht viel reifer als seine Begleiterin, wächst aber durch die selbst aufgebürdete Verantwortung und spürt zum aller ersten Mal so etwas wie einen Sinn in seinem Leben.
Klingt jetzt irgendwie nach schwerer Kost, dank der exzellenten Schauspieler werden diese existenzialistischen Fragen, aber in eine äußerst bekömmliche und oftmals heitere Form gegossen. Johanna Wokalek schafft es, ihre Rolle als geistig zurückgebliebene Leila durchgängig sympathisch und vor allem unpatentiös zu spielen. Til Schweiger kauft man rein optisch und altersmäßig seine Rolle als Mamas Alptraum und Luftikus weniger ab, seine Darstellung lässt hingegen ebenfalls keinen Anlass zur Kritik. In den Neben- und Kleinstrollen steht, wie schon in „Der Eisbär“ (1999) die deutsche Schauspiel- und Comedyelite Schlange und veredelt so manche eher banale Szene.
Musikalisch verlässt sich Til Schweiger stilsicher auf die Strahlkraft seiner Songs, die oft und lange eingesetzt werden und teilweise die Szenen regelrecht dominieren.
Einziger Kritikpunkt stellt in meinen Augen, die etwas überladene Story dar. Gerade im Endteil werden viel zu schnell bloße Storyinformationen abgespult und von einem Schauplatz zum nächsten gehetzt. Hier vermisst man schmerzlich die ruhigen Momente, emotionalen Pausen und suggestiven Abschweifungen, die zuvor die größte Stärke des Films dargestellt haben. Trotzdem ist dieser Film jedem uneingeschränkt ans Herz zu legen.

Daran werde ich mich noch lange erinnern:
Der gemeinsame Abend auf dem Rummelplatz, an dem Nick bemerkt, dass er etwas für Leila empfinden kann.

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