Lars von Trier hatte die Idee: Ein Regisseur, bzw. eine Regisseurin aus jedem der damals 25 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (noch ohne Bulgarien und Rumänien) liefert einen Kurzfilmbeitrag für einen Omnibusfilm zum Thema Europa ab - Gleichberechtigung im Hinblick auf das Budget wurde ebenso angestrebt, wie die Beschränkung der Laufzeit auf jeweils ca. 5 Minuten abverlangt. Freie Themenwahl und völlige künstlerische Freiheit (abgesehen von Budget und Laufzeit) sollten ein freies Händchen der jeweiligen Filmgrößen garantieren.
Die Idee ist nicht ohne Reiz, das Ergebnis war jedoch vorauszuahnen: wie bei einer bunten Tüte entpuppt sich das Endergebnis als uneinheitlich bzw. abwechselungsreich (das mag man werten wie man will), wobei die Spannbreite von guten bishin zu recht mäßigen Beiträgen reicht... womit das Gesamtwerk letztlich in den Durchschnitt rutscht.
Verglichen mit den größeren, ambitionierten Kurzfilmsammlungen der jüngsten Zeit (etwa "Chacun son cinéma ou Ce petit coup au coeur quand la lumière s'éteint et que le film commence" (2007), "Ten Minutes Older: The Cello" (2002), "Ten Minutes Older: The Trumpet" (2002)) ist "Visions of Europe" sicherlich die unbefriedigendste.
Von den wenigen Höhepunkten dieser Filmsammlung mal abgesehen (es sind kaum mehr als ein halbes Dutzend) ist das Interessanteste am Film sicherlich der Umstand, dass sich die einzelnen Nationalitäten in der Präsentation durch die jeweiligen Filme vielfach kaum unterscheiden: mehrfach wird ein und dasselbe Thema abgehandelt, das Thema der Integration durchzieht die meisten Beiträge und zudem widmen sich die jeweiligen Filmschaffenden nicht nur nicht sonderlich häufig ihrem Heimatland, sondern oftmals eben der EU oder - was erwähnenswerter ist - einfach einem ganz anderen Land der EU (so etwa Kaurismäki mit seinem Beitrag "Bico").
Von dieser nicht allzu überraschenden Einsicht abgesehen steht und fällt das Werk nunmal mit der Qualität seiner Beiträge.
Jan Troell schickt mit "The Yellow Tag" den schwedischen Beitrag als Einstieg ins Rennen: Troell widmet sich der Kennzeichnung und Registrierung von Kühen, Schafen und Ziegen mittels einer gelben Marke am Ohr, wie es von der EU beschlossen worden ist. Er macht sich dabei einen Heidenspaß daraus, die Neuregelung als unnötigen Auswuchs bürokratischer Bemühungen hinzustellen, beginnt mit der ursprünglichen Beziehung zwischen Farmern und Tieren in Schweden, widmet sich der eingeführten Marke, präsentiert deren als pervers vorgeführten Folgen (gesunde Tiere ohne Marke werden wegen der unüberprüfbaren Identität erschossen) und endet zu den Klängen von "Freude schöner Götterfunken" mit den traditionellen Abbildungen von Schafen und Kühen - nun mit greller gelber Marke am Ohr - und schließlich mit herabregnenden Bürokraten vor dem Berlaymont-Gebäude.
Troell wehrt sich in seinem Selbstverständnis als Schwede gegen den Einfluss der EU, verteidigt traditionelle Lebensweisen des Landes gegen die Macht der Union und weist dabei treffsichere Gags auf. Die Gegenseite kommt freilich nicht zu Wort. Troell liefert eine angriffslustige Polemik ab, die - ungeachtet der Frage, ob sie nun berechtigt ist oder bloß Anzeichen festgefahrener Ansichten und der Unfähigkeit zur Umstellung - sicherlich Spaß macht.
Formal bleibt er dabei jedoch auf dem Niveau eines ungezwungenen Fernsehmagazin-Beitrags. Als Beitrag für das NDR-Abendprogramm würde sich Troells Kurzfilm sicherlich geschmeidig einfügen, als "Europäische Vision" der womöglich führenden Regiegröße Schwedens der Zeit nach Bergman bleibt er allerdings hinter den Erwartungen zurück.
Gute 6/10.
Boe liefert mit "Europe does not exist" den dänischen Beitrag ab, der ebenso stilvoll wie geistreich ausfällt, allerdings auch arg verrätselt daherkommt und in seiner Aussage trotz des interessanten Ansatzes kaum mehr ist, als eine Kritik am "Visions of Europe"-Projekt. Boe geht zurecht davon aus, dass in fünf Minuten nichts ungeheuer wissenswertes über Europa vermittelt werden kann und macht dies dann auch zum Thema: eine gealterte Führungspersönlichkeit, die einen Vortrag über Europa halten muss, ist nicht fähig das Wort über die Lippen zu bringen; auch die Anleitung durch eine schöne junge Frau hilft da nicht viel weiter. Ironischer Umgang mit sexistischen Stereotypen, detailverliebte Bildbearbeitung und eine Prise Humor machen aus der Episode einen gelungenen Spaß, der über den (Un-)Sinn des zugrunde liegenden Projekts sinniert, was dem Ganzen dann wieder etwas unangemessen doppelbödiges verleiht.
Gute 6/10.
Laila Pakalnina, die als Filmschaffende Lettlands sicherlich eine Neuentdeckung für die allermeisten Zuschauer sein dürfte, enttäuscht leider mit "It Will be Fine" auf ganzer Linie. Gehaltloser, spannungsarmer und ästhetisch beliebiger ist kaum einer der anderen Beiträge. Was einem hier fünf Minuten lang präsentiert wird, sind schlicht und ergreifend ein knappes Dutzend statische Einstellungen, in denen "Menschen wie Du und ich" weitestgehend regungslos in die Kamera schauen. Es wird nicht gesprochen, es gibt keine Texttafeln, die wechselnde Musikuntermalung kommentiert die Bilder nicht und erzeugt mit ihren Wechseln auch keine einprägsame Stimmung. Da schweigt sich selbst das Presseheft sprachlos aus.
Auch wenn Andy Warhols "Screen Tests" sicherlich langatmiger sind, so sind sie in ihrem Minimalismus, den zumeist schönen s/w-Bildern und den oftmals charismatischen Personen doch ungemein kurzweiliger als diese Präsentation normaler Menschen.
4/10
Fatih Akin, der mit "Gegen die Wand" (2004) hierzulande groß rausgekommen ist, inszenierte mit "Die alten bösen Lieder" nach Heinrich Heine und Robert Schumann den deutschen Beitrag. Das titelgebende Lied (von Caspar Brötzmann und von FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten neu bearbeitet), vorgetragen von Idil Üner, ruft dazu auf, die alten bösen Lieder der Vergangenheit zu Grabe zu tragen - und diese bekommt der Zuschauer & Zuhörer dann auch per Schallplatte zu hören: Marschlieder aus Kriegszeiten, die hier ertönen und in Üners Kopf herumspuken, während Akin zugleich eine Multi-Kulti-Gesellschaft als erstrebenswertes Ideal andeutet. Künstlerisch ambitioniert und auf Ton- wie Bildebene gleichermaßen interessant gehört der auch aussagekräftige (der zudem auch eine spannende Behandlung der Intermedialität-Thematik darstellt) Film zu den qualitativ hochwertigen Beiträgen.
6,5/10
Villaverdes "Cold Wa(te)r" gehört zu den unangenehmeren Beiträgen und reiht Dokumentaraufnahmen aneinander, die die Küstenwache dabei zeigt, wie sie angespülte Leichname illegaler Einwanderer aus dem Wasser fischt und Überlebende verhört. Die Bilder sind nicht neu, Villaverde verweigert sich jedoch dem Tempo üblicher Berichterstattungen und lässt sie in leichter Zeitlupe ablaufen um den Schrecken zu überhöhen, der in den Nachrichten auf dem Bildschirm meist ausgeblendet wird.
Das schlägt durchaus auf den Magen und rückt die Dinge in ein neues Licht, wirkt ansonsten aber ein wenig rat- und hilflos.
6/10
Suliks "Miracle" ist der Beitrag aus der Slowakei und kann insofern punkten, dass er nach fünf vorangegangenen Beiträgen als erster Kurzfilm eine ganz einfache, konventionelle Geschichte mit konventioneller Dramaturgie, die in einer Pointe endet, ohne rätselhafte Elemente abliefert. Das gönnt dem Zuschauer eine kurze Verschnaufspause - hier kann er sich entspannt zurücklehnen in der Erwartung, nun einmal ausschließlich unterhalten zu werden, nachdem er zuvor im Fünf-Minuten-Takt immer wieder von vorne mitdenken, interpretieren und in seinem Hinterköpfchen nach dort vergrabenem Faktenwissen kramen musste.
Dass die Geschichte einer jungfräulichen Empfängnis, in der ein Mädchen von einem Geistlichen vor den Eltern der Lüge bezichtigt und gedemütigt wird, bis der Gottesmann am Ende erleben muss, dass die Teetasse der jungen Frau wie durch ein Wunder über seinen Tisch dahinschwebt, letztlich kaum etwas mit der vorgegebenen Thematik zu tun hat und zudem unerfreulich religiös daherkommt, ist nicht allzu schlimm. Man kann dem Beitrag zwar ankreiden, dass er - auch wenn die Institution Kirche hier nicht unbedingt gut wegkommt - in seiner zutiefst religiösen Abneigung gegenüber einer Säkularisierung selbst unter den Gläubigen unerfreulich naiv und rückständig wirkt (er ähnelt damit dem - allerdings noch eine Spur originelleren und ästhetisch spannenderen - polnischen Beitrag); aber er liefert in seinen fünf Minuten durchaus einen unterhaltsamen Witz ab, zudem in einer soliden Inszenierung mit einigen hübschen Bildern.
Ein solcher Beitrag hätte nicht viel später kommen dürfen und ist damit nahezu ideal platziert.
6/10
Comencini präsentiert mit "Anna viva a Marghera, Italia" Ausschnitte aus dem Leben einer jungen Frau zwischen Chemiestudium, Katholizismus und Demonstrationen und anderen politischen Aktivitäten in Marghera, von ein Chemiekonzern mit Giftmüllabfällen für Umweltverschmutzung, Erkrankungen und Todesfälle verantwortlich gemacht werden soll. Politisches Engagement wird hier als sinnvolle und selbstlose Alltagsgestaltung präsentiert, am Beispiel der Hauptfigur wird eine Jugendkultur von vielen präsentiert und der Zuschauer erfährt nichts, was er nicht schon wüsste - sieht man mal von dem Fall von Umweltverschmutzung ab, der sicherlich nicht erfreulich ist, den meisten Zuschauern (vor allem ausserhalb Italiens) aber bloß als nur beschränkt verwertbare Information erscheinen muss. Comencinis Beitrag nutzt eher den Rahmen des "Visions of Europe"-Konzeptes um auf ein ihr wichtiges, konkretes Anliegen zu verweisen; sie macht ihren Beitrag zu einem Mittel des Protestes und spannt den idealen Zuschauer quasi als Druckmittel für ihr Vorhaben ein - kurz: Film und idealer Zuschauer dienen ihrem Anliegen, aber nicht unbedingt der Gesamtheit der Zuschauer, welche in dem Film - der weder einer Dramaturgie folgen, noch ästhetisch interessant sein will - eher einen auf fünf Minuten ausgedehnten Nachrichtenbeitrag von gemäßigt hoher Brisanz sehen dürften.
5/10
"Children Loose Nothing" ist sicherlich einer der schöneren Beiträge, allerdings kann sich Sharunas Bartas mit einem "Thema verfehlt!" schmücken. Was er hier in dunkelrot-/ocker-/sepiafarben viragierten s/w-Bildern präsentiert, ist die Geschichte einer zärtlichen Annäherung eines jungen Mädchens und eines Jungen, ihre Naturverbundenheit - ihr Spielen mit Fröschen und Kröten, ihr Liegen im Laub, ihr Eintauchen ins Wasser des Flusses - und eine Konfliktsituation mit einem weiteren Jungen. Das ist schön gefilmt worden und angenehm ruhig erzählt, als Beitrag zum Thema "Europa" kommt er über Platitüden wie "Die Zukunft gehört den Kindern" oder "Einiges wird immer gleich bleiben, soviel sich ansonsten auch verändern mag" und ähnliches nicht hinaus. Letzteres war offenbar tatsächlich die angestrebte Aussage von Bartas, der mit dem kontinuierlich fließenden Wasser und den klischierten menschlichen Verhaltensweisen Konstanten in einer sich beständig wandelnden Umgebung hervorkehren wollte - aber der Film bringt diesen Gedanken kaum merklich hervor und dem Thema der EU-Mitgliedschaft wird solch eine profunde Feststellung (einiges verändert sich, anderes bleibt bestehen) ohnehin kaum gerecht.
Schön anzusehen und durchaus warmherzig, enttäuscht der Beitrag somit leider auf inhaltlicher Ebene vor seinem Hintergrund.
Gute 6/10.
Constantine Giannaris liefert mit "Room for all" den griechischen Beitrag ab und präsentiert zu diesem Zweck über Split Screen Verfahren diverse Einwanderer, die von ihren Erfahrungen berichten und über den Austausch von Kulturen sinnieren, was bei einem knappen Dutzend Personen und 5 Minuten Laufzeit entsprechend wenig informativ ausfällt.
Sicherlich gut gemeint, wirkt der Beitrag reichlich bemüht und krankt wie einige andere an der Vorgabe der fünf Minuten. Das Split Screen Verfahren erweist sich (nicht immer, aber mitunter) als inhaltsleere Spielerei...
5/10
"Prologue" von Bela Tarr hebt das Niveau erstmals deutlich an. Als Regisseur, der für die Präsentation seiner Stoffe viel Zeit benötigt (in den letzten Jahren zwischen über 2 und über 7 Stunden pro Film), beschränkt er seinen Inhalt auf ein Minimum, ist also insofern nicht sonderlich komplex ausgefallen. Formal ist es hingegen einer der konsequentesten und strengsten Beiträge der Sammlung, der ganz in der Tradition von Tarrs letzten Filmen steht und den Einfluss Tarkowskis deutlich erkennen lässt. In den fünf Minuten Laufzeit fährt die Kamera ohne jeden Schnitt zu melancholischer Musik an einer langen Schlange von Menschen vorbei, die mit mal starrem, geduldsamen, mal traurigem Gesicht auf ein dem Zuschauer noch unbekanntes Ereignis warten. Die Kamera nähert sich ohne Hast dem Ziel dieser Menschenschlange, die kein Ende zu nehmen scheint: dort überrascht das Ziel den Zuschauer, indem es die Erwartungshaltung kaum erfüllt und gerade dadurch durchaus betroffen macht - ein Fenster öffnet sich, eine junge Frau mit freundlichem Lächeln im Gesicht überreicht jedem zwei Brötchen und ein Getränk, hakt jedesmal einen Eintrag auf einem Zettelchen ab und wirkt angesicht dieser endlos langen, monotonen Arbeit erstaunlich (und überzeugend) freundlich.
Tarr schafft es, seine langen Einstellungen und ihre mysthische Überhöhung des Festgehaltenen mit den profanen Details des Vorgangs in Einklang zu bringen: die Pflicht des Abhakens und ebenso auffällige wie unbedeutende Bildelemente (bestimmte Markennamen der Kleidungsstücke) bringen das Unbedeutende des Alltags zusammen mit einer Erhabenheit, die in der demütigen Geduldsamkeit der Wartenden und der ehrlichen Freundlichkeit und Humanität der Verteilenden liegt. Bela Tarr tritt hier in seiner reinsten Form in Erscheinung und schafft es, empfindsame Zuschauer zutiefst zu berühren.
In seiner Aussage bleibt er im Grunde pessimistisch: was immer in Ungarn bzw. der EU überhaupt auch geschehen mag - am Schicksal der Bedürftigen wird sich im Grunde am wenigsten verändern. Mit diesen Menschen sympathisiert Tarr einmal mehr und die tiefe Menschlichkeit, die er hier vorführt, versöhnt mit dem traurigen Anblick ohne ihn dabei zu verharmlosen.
Tarrs Beitrag ist nicht nur so ziemlich der beste geworden, sondern auch der erste von den vier aufeinanderfolgenden besten Beiträgen, die das Gesamtprodukt nach einem insgesamt wenig umwerfenden Einstieg für einige Zeit gehörig aufwerten.
8/10
Aisling Walshs "Invisible State" widmet sich der Thematik illegaler Einwanderung und geht ausdrücklich und mit vehementen Einsatz auf die menschlichen Aspekte des Themas ein. Sprachgewaltig und mit Zitaten von Beckett bishin zu Joyces "Finnegans Wake" ist dieser irische Beitrag auf verbaler Ebene der beeindruckendste von allen. Insofern verdankt der Film am meisten seinem Autoren und Sprecher Gerard Mannix Flynn, der mit beeindruckender Betonung seinen perfekt durchkomponierten Text vorträgt, der sich mit dem Schicksal von Asylbewerbern und illegalen Einwanderern beschäftigt und den "Ausländern", "Fremden", "Flüchtlingen", "Asylanten", "Schmarotzern" wieder Menschlichkeit und Würde zu geben gedenkt, der das "Schmuggelgut", die "menschliche Ware" wieder zu Mitmenschen macht, der bewusst macht, dass es sich um Individuen handelt und nicht nur um Statistiken. Das Anprangern des Verlustes der Menschlichkeit gelingt ihm äußerst pointiert, sein wütender Vortrag trifft nahezu immer ins Mark und ist keinesfalls sentimental sondern grimmig und voll galligen Humors, über den man freilich nicht lachen kann. Auf visueller Ebene ist der Film immer dann am besten, wenn man Flynn reden sieht und sein Mienenspiel betrachten kann. Unnötige Bebilderungen, die flach und platt die "menschliche Ware" als verpackte, in Containern an Haken hängende Männer und Frauen präsentieren, sind eher ärgerlich, laufen sie doch bisweilen Gefahr, den Monolog ins Lächerliche zu ziehen.
Dieser Mangel nimmt jedoch nur wenig Platz ein und zieht den Film nur selten etwas runter. Alles in allem durchaus noch einer der besten Beiträge.
7/10
Malgorzata Szumowskas "Crossroad" gibt sich nostalgisch und beäugt den voranschreitenden Fortschritt kritisch - oder vielleicht besser: unwohlwollend. Sie wählt dazu einen ebenso wehmütigen wie humoristischen Stoff aus und verfolgt die Geschichte eines Platzes, eines Kreuzweges, an dem ein altes Holzkreuz mit angeschlagener Jesus-Figur steht, vor dem zu Beginn eine Gruppe alter Frauen bedächtig singt. Es folgen unterschiedliche Situationen: ein Liebespaar das sich nachts im Auto neben dem Holzkreuz näherkommt, ein junger Mann der zum Urinieren am nächsten Baum sein Auto anhält und sich vom Heiland beobachtet fühlt, ein Religionslehrer der seine Zöglinge am Kreuzweg entlangführt und am Kreuz zum Gruß anstimmt usw. Dann schließlich kommt ein großer Lieferwagen angefahren und zu einem Trauermarsch bringen zwei Männer einen neuen Heiland an: aus dem alten, hölzernen, geschnitzten Jesus ist nun ein unförmiger, quietschbunter Kitsch-Jesus geworden - doch am nächsten Tag singt immernoch der alte Frauenchor vor dem Kreuz.
Man mag die religiöse Grundhaltung dieser Episode ablehnen und kann sicherlich auch eine Abwertung moderner Kunst in diesem Beitrag beobachten (was womöglich aber auch eine bloße Überinterpretation ist) und die unkritische Nostalgie Szumowskas ist wohl auch nicht jedermanns Sache: aber als leicht polemischer Beitrag, der auf wehmütig-humorvolle Weise dazu anregt, der Vergangenheit nachzutrauern funktioniert der Film ausgesprochen gut - und das ist letztlich auch kein Problem, solange diese Haltung nicht als einzig zulässige, allgemeingültige verstanden wird.
7,5/10
"Paris by Night" von Tony Gatlif folgt dem Tonfall aus Heiterkeit und Traurigkeit der vorangegangenen Episode, ist dabei jedoch weniger sentimental, dafür aber von einem angenehm galligen Humor: Drei illegale Einwanderer reisen nach Paris und rauschen in kontrastreichen s/w-Bildern durch die Stadt während ausgelassene Chansons auf der Tonspur dahinschallen - verstecken sich vor Polizei, kämpfen gegen eine sich entzündende Verletzung des einen Mannes an, flehen auf der Straße um Hilfe, trauen sich aber freilich nicht ins Krankenhaus, waschen sich in der Seine (wovon der Chanson fröhlich trällert, während der Anblick eher unangenehm ist) - und um sie herum tobt das Leben.
Das Ende der Episode bleibt dann so versöhnlich wie nur möglich: das junge Paar der Dreiergruppe steht vor dem Moulin Rouge, lässt ein Foto von sich machen und schickt es als eine fröhlich gestimmte Ansichtskarte in die Heimat.
In der ausgelassenen, heiter vorgeführten Gegenüberstellung von Wohlstand und Elend ist der Film auf schreckliche Art und Weise erheiternd und dabei zugleich äußerst unangenehm; ein hübsch in Szene gesetztes Wechselbad der Gefühle, das Probleme schildert, betroffen macht ohne den Zeigefinger zu erheben und sich vor den Antworten der aufgeworfenen Fragen allerdings herumdrückt - was angesichts der Laufzeit auch zu entschuldigen ist (auch das sind Mängel, die so eine Kurzfilmsammlung mit sich bringt). Als nachdenklich stimmende, fühlbar menschliche Unterhaltung jedoch ausgesprochen stimmig.
7,5/10
Auch Van Gogh schwächelt mit seinem "Euroquiz", mit welchem er bewusst die Ästhetik gängiger TV-Spielshows nachahmt um dem dann inhaltlich kaum etwas abzugewinnen.
In "Euroquiz" moderiert Rose, ein Neuling, die Spielshow und will die erste Kandidatin vorstellen: eine Holländerin, deren Vorstellung etwas entgleist (wie sich herausstellt, fährt sie ohne Gurt und betrunken, hat damit einen Unfall mit Todesfolge verursacht, hasst Kinder und äußert sich so unmöglich über den Holocaust wie nur möglich), woran dann die erste (und letzte Frage) anschließt: die Frage nach der Hauptstadt von Albanien. Hier folgt viel Überlegen, die Antwort ist jedoch unbekannt.
Gewiss, Van Gogh vereint hier die Pointe des Mad-TV-Sketches über den letzten Überlebenden der Titanic mit einer mitunter treffenden Satire über die Auswüchse und negativen Eigenschaften des Spielshow-Fernsehens, was aber letztlich nicht allzu komisch und nur geringfügig aussagekräftig ist. Und mit dem Thema "Europa" hat eigentlich nur der Titel noch etwas zu tun.
5/10
Christos Georgiou beschäftigt sich in "My Life on Tape" - wie nicht anders zu erwarten - mit der frischen Grenzöffnung zwischen dem Süden und dem Norden Zyperns. Zwei Freunde - einer nutzt die Chance und zieht in die alte Heimat im Norden zurück, der andere bleibt daheim. Der Reisende erlebt Verbrüderungen, kann die Veränderungen der ehemaligen Heimat betrachten und nimmt all dies auf Video auf. Wieder zurück, führt er dieses seinem Freund vor.
Eine angenehm verständliche Präsentation der Situation in Zypern, die sich durchaus als Politik-Unterrichts-tauglich erweist. Formal nicht gerade der große Wurf, auch wenn sich die Videokamera durchaus als Stilmittel deutlich bemerkbar macht, gerät der Film seltsamerweise auf emotionaler Ebene kaum sehr ergreifend, was wohl auch daran liegt, dass Dialoge und Dramaturgie insgesamt etwas durchschnittlich wirken.
Trotz guter Vorraussetzungen und löblichen Anliegens nicht unbedingt übermäßig gelungen, aber durchaus eine interessante und lehrreiche Schilderung eines wichtigen Kapitels in der Geschichte Zyperns.
5,5/10
Obwohl einer der renommiertesten und populärsten Filmemacher neben Tarr, Kaurismäki, Troell (und womöglich noch Akin, Walsh und Van Gogh), liefert Peter Greenaway mit "The European Showerbath" einen der schwächsten Beiträge ab. Formal weist das Werk durchaus greenawaytypische Manierismen auf (ein schlichter Messingduschkopf vor pechschwarzem Hintergrund, nackte pralle Leiber, stilvoll-prunkvolle Musikuntermalung, Wasserstrahlen), die aber diesen Kurzfilm nicht tragen können: Nacheinander betreten Frauen und Männer eine große Dusche, auf ihren Leibern die Fahne ihres Landes gemalt. Es sind vor allem die alten EU-Länder, die als erste unter die Dusche treten: Deutscher, Franzose (beide fett), Belgier, Italiener, Luxemburger, Holländer usw. Alle mit eigenen physischen Eigenschaften und Verhaltensweisen: mal dick, mal dürr, mal behäbig, mal ausgelassen, aber allesamt alles andere als kontaktscheu; als dann die "jüngeren" Mitgliedsländer hinszukommen (Tschechien, Estland (ein kleines Mädchen), Ungarn (ein junger Mann)), geht das Wasser aus... es herrscht allgemeine Ratlosigkeit.
Einige Bilder sind freilich leicht zu deuten: dass Größe und Alter der Figuren einen gewissen Einfluss wiederspiegeln, wird ebenso vermittelt wie die Annahme, dass die später Hinzukommenden am wenigsten abbekommen; dazu muss man sich zwar - sofern man nicht die Reihenfolge der Beitritte, die Größe der Länder und die Gestaltung der jeweiligen Flaggen wie das kleine 1x1 beherrscht - mit dem Brockhaus vor Greenaways wie gewohnt recht elitären Film setzen, aber das ist ja kein Problem.
Aber die Bedeutung einzelner Elemente ist letztlich ungünstig und irritierend: Wofür steht das Wasser, von dem Tschechien, Estland und Ungarn nichts mehr abbekommen und das bei denen, die am längsten Duschen, die aufgemalten Flaggen dahinschwinden lässt? Wann hört die Zuschreibung tatsächlicher Eigenschaften (Größe eines Landes, Zeitpunkt des EU-Beitritts) auf und wo beginnt die Wertung (des stillen Hollands, des selbstsicher-eitlen Luxemburgs, des ausgelassenen herumhampelnden Italiens) und wo das Klischee des typischen Einwohners des jeweiligen Landes (der dicke Deutsche mit Schnauzbart). Hier verursacht Greenaway Ratlosigkeit, bei deren Auflösung sich Fakten, Wertungen und Stereotype ungünstig vermischen - was der Zuschauer am Ende sicher herauslesen kann, ist das, was er zu diesem Zweck bereits gewusst haben muss: welches Mitgliedsland ist wann hinzugekommen, wie groß ist es und wie sieht seine Flagge aus.
Das ist reichlich enttäuschend und formal ist das Werk weder so prunkvoll wie die meisten seiner Filme, noch so stilvoll gegliedert wie seine Fingerübungen in Sachen Minimalismus.
5/10
Arvo Ihos "Euroflot", der Beitrag aus Estland, kommt zwar im Hinblick auf die Form in unansprechender TV-Sketch-Ästhetik daher, kann als satirsche Flughafen-Odyssee durchaus kurzweilig unterhalten: nicht nur rennt die vom bürokratischen Irrsinn geplagte Anne, die eigentlich nur nach Brüssel fliegen wollte, von Schalter zu Schalter und fällt in die Hände sexistischer, amerikanischer Sicherheitsmänner, sondern wird von diesen als terrorverdächtig eingestuft und gegen ihren Willen nach Magadan verschickt. Ein Beitrag mit mal mehr, mal weniger sinnigen Seitenhieben, den man insgesamt sicher nicht zu ernst nehmen sollte.
5,5/10
Barbara Albert legt mit "Mars" Österreichs Beitrag vor, der inhaltlich wie formal (im Bezug auf die sperrige Monatge) einer der eigenwilligeren ist. "Mars" ist der Versuch, einen komplett neuen Blick auf den Alltag zu erreichen, welcher die vermeintliche Andersartigkeit von türkischen oder afrikanischen Mitmenschen in Österreich als eine Andersartigkeit beschreibt, die nicht objektiv gegeben ist, sondern sich erst in den Köpfen der Menschen zusammensetzt. Der Bericht einer Marssonde in den Monitoren einer Straßenbahn dringt nachaltiger in den Alltag ein als ein um Spenden bittender Obdachloser, von dem man nicht einmal das Gesicht sieht. Die Erinnerung an Tagebucheinträge aus der Kindheit ist realer als aktuelle Gespräche direkt neben der Protagonistin. Eine Taube vor dem Fenster fesselt ihre Aufmerksamkeit und die eines farbigen Asylbwerbers stärker als der Vorsitzende es zu tun vermag - mit ihm hat sie in diesem Moment auch weniger gemeinsam als mit dem Bewerber. "Mars" ist eine interessante, völlig unkonventionelle Infragestellung gängiger Alltagseindrücke, eine Neuanordnung von Eindrücken, ein Alternativsystem der Wirklichkeitsbildung, über welches der Nachweis gelingt, dass Fremdes mitunter nicht fremd ist sondern bloß in Gedanken verfremdet wird. Dieser Beitrag ist außerordentlich bemerkenswert, leidet aber wie einige andere auch unter der Fünf-Minuten-Vorgabe, die hier besonders destruktiv wirkt; denn in der kurze Zeitspanne entwickelt das Konzept nicht die notwendige Überzeugungskraft, bleibt nur interessantes Gedankenspiel, das seine Ausführung in Spielfilmlänge dringend benötigt. Albert steht hier durchaus Haneke und Kluge nahe, auch an einiges von Godard mag man sich erinnert fühlen. Es ist wirklich traurig, diesen kreativen Beitrag durch die engen Vorgaben so "zerstört" zu sehen.
6/10
Kenneth Sciclunas "The Isle" ist Maltas Beitrag und berichtet in an die Stummfilmära erinnernden (Farb-)Bildern von einer klassischen Geschichte um Liebe, Außenseitertum und Fremdenfeindlichkeit: ein Fotograf kommt nach Malta (das der im Film verschiedenartig zitierten Toteninsel Böcklins gleicht), lernt eine junge Frau kennen, zieht den Ärger ihrer Verwandschaft auf sich und ist am Ende tot - oder er ist schon zu Beginn tot und die Insel tatsächlich eine Toteninsel, auf der sich gespensterhaft die letzten Stunden wiederholen. Kryptische Mischung aus Liebesdrama und Mysteryfilm, ein klassisches Beispiel von Fremdenfeindlichkeit nacherzählend, künstlerisch merklich ambitioniert - allerdings reichlich undurchsichtig.
6/10
Stijn Coninx schickt in dem belgischen Beitrag "Self Portrait" zwei naive Fragesteller durch den Alltag, die mit reichlich Elan die Fragen stellen, die man sonst nur von Kindern hört und die mehrfach Themen wie Asyl, Grenzziehungen, Obdachlosigkeit oder die Definition von "Europäisch" streifen und - wenn überhaupt, dann - ausgesprochen eigenwillige Antworten abliefern. Der Film ist laut und bunt und die Hauptfiguren geben sich pausenlos heiter - vor allem aber ist er weitestgehend nichtssagend und einfältig.
5,5/10
Bauschs "The Language School" ist eine weitere Komödie in dieser Sammlung, diesmal angereichert mit Situationskomik und kauzigen Gestalten und weniger auf eine Pointe hin ausgerichtet. Ein Zuhälter schleift in Luxemburg einige Prostituierte von ausserhalb in eine improvisierte Sprachschule, wo sie die für sie wichtigsten Wörter der Landessprache erlernen sollen. Eine von ihnen verliebt sich dort und erhält Unterstützung von ihren Kolleginnen. Der Zuhälter lässt sie wiederwillig ziehen. Eine mal grelle, mal lakonische Komödie, die ein wenig an Almodovar erinnern mag, insgesamt jedoch nicht sonderlich aussagekräftig und nur begrenzt lustig.
5,5/10
Kozole vertritt mit "Evropa" Slowenien und liefert einen sympathischen kleinen Beitrag ab, der zwischen Bebilderung eines historischen Augenblicks und Binsenweisheit angesiedelt ist, angenehm zurückhaltend und versöhnlich mit löblichen Anliegen: Zwei Arbeiter stellen am Grenzverlauf zwischen Slowenien und Kroationen die neuen EU-Mitgliedsschilder auf, ein Kroate schaut von der anderen Seite herüber und nach anfänglichem Zögern entwickelt sich ein Gespräch: der Kroate würde lieber in die EU als in die Fussballweltmeisterschaft gehen, die Slowenen würden lieber zur Fussballweltmeisterschaft. Man ist halt nie zufrieden mit dem, was man hat.
Feinfühlig - ohne jedoch wirklich zu berühren - und kurzweilig, formal ziemlich unbeeindruckend.
5,5/10
In Gedeons "Unisono" singen in Tschechien lebende und arbeitende Führungskräfte aus anderen EU-Ländern (darunter Stephan Nobbe, der Direktor des Goethe Instituts in Prag) die Tschechische Nationalhymne (jeder für sich alleine). Das ist kurzweilig und nicht sehr fordernd, aber auch nicht viel mehr als das. Hier hat man als Zuschauer den Eindruck, der Mitschnitt der Saalwette einer "Wetten dass..."-Sendung hätte sich in das Kurzfilmprojekt geschlichen.
5/10
Kaurismäki widmet sich mit "Bico" überraschenderweise Portugal: nach einem Schnelldurchlauf der Besiedelungsgeschichte Portugals geht es um die Geschichte des Dorfes Bico, in welches in den 70ern erst der Strom gebracht worden ist, dann (in den 80ern) angelegte Straßen, auf welchen die jüngeren Generationen fortgezogen sind. In Bico hüten nun die Verbliebenden ihre Tiere, gehen in Nachbardörfern ihren Arbeitsmöglichkeiten nach.
Ein schöner Film mit wundervollen Landschaftsaufnahmen und sehr liebevollen Zeichnungen der einfachen Bevölkerung, der den beschriebenen Wandel in keiner Weise bewertet. Alles in allem ziemlich untypisch vor dem Hintergrund des restlichen Schaffens Kaurismäkis, aber dennoch keinesfalls eine Enttäuschung.
6,5/10
Miguel Hermoso schließt den Omnibusfilm mit seinem Beitrag "Our Kids" ab. Inhaltlich passt sein Beitrag gut ans Ende, ansonsten liefert er aber einen enttäuschenden Abschluss ab: Einwohner in Mijas, einer Provinz Málagas, aus 14 europäischen Ländern bilden das Thema, bzw. ihr Nachwuchs in der 5. Klasse einer Grundschule. 5 Minuten aus dem Schulalltag liefert Hermoso und zeigt immer wieder Kinder, die in der Sprache des ursprünglichen Herkunftslandes vor einer Tafel von diesem berichten. Formal ziemlich uninspiriert ist auch der dargestellte Schulalltag inhaltlich wenig ergiebig. Hier wird eine Multi-Kulti-Gesellschaft präsentiert und gefeiert, die als Vorbild für uns alle hochgehalten wird: "Good Luck!" lautet die letzte Botschaft des Beitrags, die letzte Botschaft des Gesamtwerkes in knallbunten Buchstaben; dahinter die Kinder, das Victory-Zeichen machend oder den Daumen nach oben richtend. Kurz: ein optimistischer Ausklang der die voranschreitende Vereinheitlichung der Kulturen in der EU erträumt.
Löblich, aber ansonsten inhaltsleer und formal unbeeindruckend.
5/10
Schwache 6/10 für das Gesamtwerk.