Review

Die Geschichte von den drei Musketieren und ihrem Zuwachs D'Artagnan gehört zu den beliebtesten Erzählstoffen der Filmgeschichte und bis jetzt wird sie alle Jahre wieder immer mal neu erzählt. Nicht ohne Grund, denn sie enthält alles, was so dazugehört: Humor, Tragik, (unterschwellige) Erotik und jede Menge Kampfgetümmel. Die von platten Sprüchen angefüllte Verfilmung mit Kiefer Sutherland war ja nun ein Griff ins Klo, wenn man das mal so sagen darf. "The Musketeer", ein paar Jahre später erschienen, legte viel Wert auf möglichst spektakuläre Kampfszenen, mit erkennbarem asiatischen Einfluss; er konnte nebenbei noch Mena Suvari und Catherine Deneuve aufbieten, war aber im Gesamtergebnis nicht so einprägsam, wie man hätte erwarten können. Zuwenig wurde in den letzten Bearbeitungen des Stoffes die immense Tragik der Beziehung zwischen Athos, dem Conte de la Fère, und der schönen, aber skrupellosen "Mylady" de Winter aufgearbeitet. Die Verfilmungen mit Gene Kelly und Lana Turner sowie mit Michael York und Faye Dunaway werden wohl die großen Referenzen bleiben.
Daran ändert auch dieser neue Film mit Vincent Elbaz als D'Artagnan, Tchéky Karyo als Richelieu, Stefania Rocca als Königin Anna und Emmanuelle Béart als Mylady nichts. Man hat sich bemüht, neue Aspekte einzuflechten, worunter aber andere Handlungsstränge spürbar leiden müssen oder gleich ganz weggelassen werden. Was nicht schlimm wäre, wenn die neuen Aspekte denn überzeugend wären. Leider kann man das nicht sagen. Lady de Winter, die Intrigantin im Bunde mit Richelieu, wird hier als Verbündete des Teufels dargestellt, die ihr Kind dem Leibhaftigen geopfert habe, um dämonische Fähigkeiten zu erlangen. Das Problem ist nur, dass diese Fähigkeiten nirgendwo zum Vorschein kommen, die Dame ist ganz normal auf Morde und Intrigen angewiesen, wie man es eben kennt. Nirgendwo scheinen ihr die neugewonnenen Kräfte zu helfen. Das Satansgetue stößt also letztlich ins Leere - lediglich ungewöhnliche Kampfkräfte scheint die Mylady vom Teufel abbekommen zu haben. Die verhängnisvolle Liebe zwischen Athos und Mylady kommt kaum zur Sprache, zwischen D'Artagnan und ihr tut sich gar nichts, die Geschichte mit Lord Buckingham nimmt einen unerwartet harmlosen Ausgang, das alles bleibt sehr unbefriedigend. Dafür darf ein paranoides Mönchlein geheimnisvoll über den besagten Teufelspakt orakeln, ohne dass diese Informationen irgendwohin führen würden.
Eine Besonderheit habe ich verschwiegen: Der Film ist in Coproduktion mit dem deutschen Fernsehen entstanden. Deshalb dürfen auch ein paar deutsche Schauspieler mitwirken: Heino Ferch als Athos, Diana Amft als Constance und Julia Thurnau als Gesellschafterin von Mylady. Leider ist Ferch der einzige Mitwirkende, der seinem Vaterland Ehre einbringt. Die beiden Damen stellen im wesentlichen unter Beweis, dass sie nicht viel mehr können als gut aussehen, haben sich anscheinend selbst synchronisiert (hört sich gar nicht gut an...) und ziehen den Gesamteindruck unnötig herab. Die Béart und die Rocca hingegen sind wahre Hingucker, sichtlich gereiften Alters, aber von einem Charisma und einer mimischen Präsenz, von denen eine Nachwuchsakteuse wie Diana Amft leider nur träumen kann. Es gibt übrigens eine lustige Szene, in der Constance der Königin gedankenversunken ins erregt auf- und abschwellende Dekolleté schaut, was war denn da los?
Aber bevor ich hier entscheidend vom Thema abkomme: Die männlichen Rollen inklusive der Nebenmusketiere sind durchgehend gut besetzt, bis auf den milchbubihaften Darsteller des Lord Buckingham, dessen verhängnisvolle Eingebildetheit Simon Ward in Richard Lesters Film einst so hervorragend dargestellt hatte. In der neuen Verfilmung verkommt Buckingham zur charakterlichen Nullnummer. Der versuchte Mord an ihm ist vielleicht die schlechteste Szene des Films, so doof und unlogisch geht es schon fast nicht mehr. Hier beweist auch der Film seine Tendenz, Figuren wie den puritanischen Kerkermeister (wiederum ein Hinweis auf Richard Lester, der dieses Handlungsmotiv grandios umsetzte!) einzuführen, um die Figur dann auf merkwürdige und billige Weise fallen zu lassen.
Ein weiterer gravierender Schwachpunkt des Films ist das Ende. Viele werden wissen, dass in der Handlung eine Hinrichtung vorkommt. Diese wird hier von einem recht wirren Gespräch eingeleitet, dann auf seltsam harsche Weise durchgeführt (im allgemeinen ist dieser Film aber eher harmlos, was Gewalt angeht). Dann sieht man die Musketiere ein paar Sekunden über eine grüne Wiese reiten und plötzlich erscheinen die Schlusstitel - es sieht aus, als sei plötzlich das Geld alle gewesen und man habe nicht mehr weiterdrehen können. Die guten Verfilmungen zeichneten sich durch eine Reflexion dieses Geschehens aus oder wenigstens dadurch, dass man sah, was nachher mit den Musketieren passierte, die sich ja außerhalb jeder Gesetzlichkeit gestellt hatten. Hier entsteht der Eindruck, als sei ihr Handeln ganz normal, jeglicher ethische Konflikt wird ausgeblendet. In George Sidneys Film von 1948 war die innere Zerrissenheit von Athos und D'Artagnan ergreifend dargestellt, in der 2005er Verfilmung bleibt nur der grinsende Ritt über die Wiese als Wiederherstellung einer heilen Welt. Der Abspann zieht dahin und hinterlässt das Gefühl, einen Musketier-Film auf Rosamunde-Pilcher-Niveau gesehen zu haben. Schade um so herrliche Darsteller wie Tchéky Karyo, Stefania Rocca, Emmanuelle Béart und auch Heino Ferch, die ihr bestes geben und so den Film ein wenig ansehbar machen.

Details
Ähnliche Filme