Neben dem gloriosen Safety Last (1923) ist The Freshman wohl Harold Lloyds bekanntester und beliebtester langer Stummfilm. Grund genug, ihn mir nach Jahren wieder einmal anzusehen, diesmal ohne Fan-Brille. Und da konnte ich doch einige erhebliche Schwächen darin entdecken.
Zunächst einmal ist die Figur, die Lloyd hier spielt, zum Fremdschämen. Der junge Harold Lamb überschreitet mit seiner Schwärmerei für die College-Welt und seinem Bestreben, sich bei den Mitstudenten beliebt zu machen die Peinlichkeitsgrenze derart stark, dass man sich nicht darüber wundert, dass die Kommilitonen sich über ihn lustig machen. Seine Figur sollte Mitleid erregen, bewirkt beim Zuschauer aber eher das Gegenteil.
Dass sich der Film praktisch nur um Football dreht, wirkt für Nicht-Sportbegeisterte wie mich zudem eher ermüdend.
Dann gibt es zu viele Sequenzen, die über Gebühr in die Länge gezogen werden und einen Gag derart ausmelken, bis man ihn satt hat.
Es gibt allerdings auch zwei wirklich herausragende Sequenzen in dem Film, die das Anschauen dann doch lohnen: Die eine ist die Begegnung mit der zukünftigen Geliebten im Zug, wo Lloyds geniale Fähigkeit des verknappten Erzählens sehr schön beobachtet werden kann; die andere ist eine ausgefeilte Sequenz, in der Harold in einem schlecht genähten Anzug an einem Ball teilnimmt; dort nehmen die witzigen Einfälle und Variationen um geplatzte Nähte und abgetrennte Ärmel schier kein Ende mehr, und obwohl von vornherein klar ist, dass Harold am Schluss in der Unterwäsche dastehen wird - was schliesslich auch geschieht - ist der Weg dorthin mit so vielen schönen Gags gepflastert, dass man das unvermeidliche Ende zu akzeptieren bereit ist.
Wer den heute praktisch vergessenen Stummfilmkomiker Harold Lloyd, der damals mit Chaplin und Keaton in einem Atemzug genannt wurde, besser kennenlernen möchte, macht um diesen Film besser einen Bogen und beginnt erstmal mit Safety Last.
Ich staune über die grosse Popularität, welche The Freshman in Amerika geniesst - das gestrige Wiedersehen weckte eher den Verdacht, dass er der schwächste stumme Langfilm dieses grossen Komikers ist... Um dies zu verifizieren, müsste ich die anderen alle auch wiedermal gucken.
(Hmmm.... keine schlechte Idee!)