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Ja, brat mir einer `nen Storch! Man kann es kaum fassen, aber Mark Forster hat endlich einen guten Film gemacht! Gibt es nicht? Gibt es doch! Was noch viel erstaunlicher ist: dieser Film ist bei den amerikanischen Kritikern gnadenlos durchgefallen, während Forsters weinerliches FINDING NEVERLAND euphorisch abgefeiert wurde - verkehrte Welt. Direkt nach der Sichtung mag STAY anfangs etwas verwirren und man muss schon ein paar Minuten lang das Gesehene reflektieren, um es in einen sinnvollen Kontext zu bringen. Entgegen der Ansicht mancher vom Film verwirrten Zuschauer stellt dies allerdings kein unlösbares Problem dar. Abschrecken sollte man sich also nicht lassen von den negativen Stimmen derer, die diesen Film zu verstehen nicht in der Lage sind und ihn deshalb als Nonsens kritisieren.

Es ist ein recht faszinierender metaphysischer Trip in einen seelischen Zustand zwischen Leben und Tod, zwischen Gedankenwelt und Realität - eine gänzlich visualisierte Exploration des menschlichen Geistes. In einer der Schlüsselszenen beschwert sich der von Ewan McGregor verkörperte Psychologe: „Ich kann den Zustand meiner Patienten nur theoretisch nachvollziehen, denn ich war nie in ihrer Lage“. Das ist genau der Ansatz, der STAY zugrunde liegt. Über den Inhalt der filmischen Handlung soll an dieser Stelle nichts verraten werden, da ein Wort zuviel das Kinovergnügen trüben könnte.

Erwähnt sei anstatt dessen die phänomenale Optik, welche in der Szene auf der Brooklyn Bridge ihren Höhepunkt findet, als Traum und Realität wieder eins werden: die Umgebung, in der die Protagonisten stehen, verschwimmt gänzlich: Brückenpfeiler sind nur noch als Lichtstreifen zu erkennen, die Umwelt löst sich förmlich auf. Sehr schön. Aber auch vorher überzeugt STAY durch seinen extravaganten visuellen Stil. Ein Stil, der zu keiner Zeit zum bloßen Selbstzweck oder zur Angeberei wird, denn in diesem Film herrscht eine starke Verbindung zwischen Form und inhalt. Genau hinsehen ist deshalb angesagt, wenn man sich Forsters Werk gibt: viele nicht gerade offensichtlichen Details stecken in den extravaganten Bildern und den teils krassen Szenenübergängen und „Umgebungswechseln“ (wer den Film gesehen hat, weiß was ich mit letzterem Begriff meine). Hat mir gut gefallen. Und die Atmosphäre ist brillant.
Auch die Darsteller können überzeugen. McGregor und Gosling spielen ihr extremes „Doppelsolo“ sehr gut, werden aber von Naomi Watts in den Schatten gestellt, die trotz einer relativ kleinen Nebenrolle einige der besten Momente des ganzen Films hat.

Einige Schwächen hat das Ganze aber schon. Das erste Drittel wirkt unheimlich zäh. Immer wieder schimmert Forsters altbekannte Schwäche in der Koordination von Dialogszenen durch. Teilweise wirkt es leicht hölzern, was da gezeigt wird. Je weiter die Laufzeit aber voranschreitet, desto fesselnder und interessanter wird der Film, bis ich am Ende recht zufrieden mit ihm war und in seine faszinierenden Bilder gänzlich abgetaucht bin.

Mein Fazit: sehenswertes und in den meisten inhaltlichen und formalen Belangen gut durchdachtes Werk, das zwar nicht übermäßig relevant ist, dem Zuschauer aber dafür ein außergewöhnliches, metaphysisches, atmosphärisch starkes Filmerlebnis beschert.

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