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Stay beginnt wie ein konventioneller Psychothriller, der sich bemüht, unkoventionell zu sein. Ein geistig verwirrter, verschlossener Kunststudent mit einer tragischen Vergangenheit, an die er sich aber nicht erinnern kann, trifft auf einen Psychiater, der zunächst kaum etwas mit ihm anfangen kann, dann aber immer mehr und mehr in die Geschichte und die Welt seines seltsamen Patienten gesogen wird. Soweit nichts besonderes, nur eine Variation des beliebten Themas "Mysteriöse Person tritt in das Leben anderer und bringt es völlig durcheinander".
Doch irgendwas ist da hinter der sterilen, modernen, glatten Fassade des Films. Anfang sind es nur die äußerst verspielten und trickreichen Schnitte und Überblendungen, die doch noch etwas Spezielles hinter diesem Film vermuten lassen, dann ist es die Liebesbeziehung des Psychiaters zu seiner Freundin, passenderweise einer Künstlerin. Er rettete sie einst vor ihrem Selbstmord und lernte sie so kennen. Die Beziehung ist herrlich verstockt, still, aber doch liebevoll. Naomi Watts als Lila und Ewan McGregor als Sam sorgen dafür, dass in dieser Beziehung "nicht die Geigen im Hintergrund fiedeln", wie McGregor sich dazu ausdrückt. Ein Lob dafür!
Hui, und dann geht's langsam los: Henry, der Patient, verkündet, dass er in drei Tagen, an seinem 21. Geburtstag Selbstmord begehen wird. Sam ist wenig erfreut und möchte mit ihm reden, doch Henry kommt und geht, wann es ihm passt. Schließlich verschwindet er für eine Zeit ganz und Sam beginnt plötzlich, Dinge zu sehen, die nicht existieren dürften. Er spricht mit der toten Mutter Henrys, erlebt Déjà-Vus am laufenden Band und fühlt sich schließlich fast wie Henry. Aha, Fight Club, anyone? Nein, so einfach macht sich's Marc Foster (Monster's Ball) nicht, einfach auf die beliebte "Doppelte Persönlichkeit"-Schiene auszuweichen.
Stattdessen geht's tiefer in die Mysterien und New York, Schauplatz des Geschehens, wird zunehmend zu einem unwirklichen Ort. Dies ist nicht nur zu erkennen an den immer verrückteren Begebenheiten, die Sam erleben muss und die ihn allmählich selbst zu einem psychischen Wrack machen, während der sporadisch auftauchende Henry sich schon wie der Pschiater aufführt, nein, auch die visuellen Spielereien nehmen zu. Die Schnitte (mit CGI möglich gemacht) werden immer einfallsreicher und gehören wirklich zum Interessantesten, was ich in letzter Zeit gesehen habe, das Bild verwischt in Schlieren, ständig sehen wir die Geschehnisse durch Glas oder in Spiegeln, als ob uns der Regisseur sagen wollte: "Denk mal nach! Sieh hinter das, was du siehst!" Jupp, schon klar. Das Ganze ist aber so verwirrend und schließlich gänzlich fantastisch gestaltet, dass dies nicht so leicht fällt.
Wenn dann die obligatorische Auflösung ansteht, die plötzlich viel zu einfach und plump wirkt für diesen Film, ist man nicht so recht zufrieden. Einerseits hatte man sich mehr erwartet, andererseits ist immer noch nicht klar, was eigentlich passiert ist. Natürlich, wer das Ende gesehen hat, kann sich ungefähr zusammenreimen, was passierte, aber so ganz befriedigend ist es nicht. Das muss nicht schlimm sein: Lynchfilme sind in der Regel auch nicht zu entschlüsseln, sondern sollen vielmehr ein ständiger Stein des Anstoßes sein, ein Perpetuum Mobile der Rezeption (hui, was für ein toller Begriff!). Nur ist die "gefühlte Bedeutsamkeit" dieser Filme deutlich höher. Man hat das Gefühl, eine Welt läge vor den eigenen Augen, die nur in dem Moment, wo man sie greifen wolle, entschlüpfte. Dies ist, auch wenn es wahrscheinlich beabsichtigt war, in Stay nicht der Fall. Gerade durch die Auflösung schrumpft die Welt auf einen plötzlich recht uninteressant scheinenden Mikrokosmos zusammen.

Trotz großartiger visueller Verspieltheit, guten Soundeffekten und einer Fülle verwirrender Details mag Stay nicht so recht gefallen. Schlecht ist der Film beileibe nicht, die Schauspielerleistungen sind sehr gut, nur ist mir der Look einerseits zu steril-modern (das ist aber reine Geschmackssache) und andererseits die erschaffene Welt bei aller Fantastik, Doppelbödigkeit und bemühter Größe zu flach und klein, um den Film zu dem zu machen, was er eigentlich sein möchte. Eine Empfehlung gibt's dennoch, denn auch wenn der Film schließlich die Erwartungen nicht erfüllt, bleibt ein häufig schön andersartiges Werk, das bis auf das Ende gut gelungen ist.

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