Review
von Alex Kiensch
Der neue Patient des Psychiaters Sam (Ewan McGregor) erweist sich als ein harter Brocken: Henry ist zwanzig, depressiv und schwer zugänglich. Im Laufe der Behandlung erweist er sich zudem als mysteriöser Mensch: Er scheint die Zukunft vorhersehen zu können und erklärt, dass er sich an seinem 21. Geburtstag, in drei Tagen, um Mitternacht umbringen wird. Als Henry plötzlich verschwindet, macht sich Sam besorgt auf die Suche - und nach und nach gerät sein Leben aus den Fugen.
Mit einer ebenso eleganten wie düsteren Bilddramaturgie entwickelt "Stay" von Beginn an eine spannungsgeladene, intensive Atmosphäre. Glaubt man sich anfangs noch in einer üblichen Psychiater-Patienten-Geschichte, nimmt die Story bald durch eine ganze Reihe subtiler, seltsamer Elemente einen völlig neuen Verlauf, bis sich der Film schließlich als der Tradition des Surrealismus verhaftet zu erkennen gibt. Und vom formalen Standpunkt her kann er durchaus mit den großen Vorbildern dieser Richtung mithalten: In seinen besten Momenten erinnert er an die Bildsprache eines David Lynch.
Die bizarr-surreale Atmosphäre entwickelt sich vor allem durch den gekonnten Einsatz psychedelischer Musik und Farbgestaltung, die einigen Szenen geradezu traumartige Züge verleiht. Auch die stellenweise originell und verstörend installierte Schnittmontage trägt dazu bei, die Story Stück für Stück immer mysteriöser und der Realität entfremdeter werden zu lassen: Da wiederholen sich plötzlich kleine alltägliche Dinge wie eine Begrüßung dreimal direkt hintereinander oder wird Sam auf einmal von stakkatohaften Bildschnipseln eines Autounfalls heimgesucht. Und je mehr sich der Film seinem Finale nähert, desto deutlicher treten die der freudschen Traumsymbolik verhafteten Elemente in den Vordergrund.
Mit seinen düsteren Bildern, der im Grundton zutiefst melancholischen Geschichte und einem passenden Soundtrack gelingt der Erzählung über eine endlose Odyssee neben dem Abdriften ins Irreale auch noch ein faszinierend verträumtes Abbild von urbaner Einsamkeit - die Menschen reden miteinander, sie beobachten sich, doch sie berühren sich nicht. Und so kommt die überraschende Schlussauflösung auch eher dem Finale einer griechischen Tragödie gleich.
Zugegebenermaßen fügt sich hier nicht alles zu einem logischen Gesamtbild - einige der Symbole scheinen im Nachhinein recht willkürlich gewählt und eine direkte Erklärung für die Ereignisse gibt es auch nicht. Doch angesichts der eindeutigen Verhaftung im Surrealen, Unbewussten scheint es mir hier wohl eher um Atmosphäre und Emotionen denn um vollständige Vernunft zu gehen. So mag "Stay" also kein allzu logischer Film sein - ein fesselnder und lange nachwirkender Beitrag zum Mystery-Genre bleibt er allemal.