Review

DER KLEINE DICKE MIT DEM SUPERSCHLAG

Damals - Anfang der 90er-Jahre - kam mein Bruder von der Schule heim und hatte von einem Kumpel eine VHS-Kassette ausgeliehen. Es war - in mieser Bild- und Ton-Qualität - ein Film namens DER KLEINE DICKE MIT DEM SUPERSCHLAG draufkopiert. Zigmal haben wir uns das Teil angeschaut, gelacht wie die Weltmeister und jetzt - 15 Jahre später - hab ich mir den Film einfach noch einmal besorgt. Leider habe ich nur das Original mit Untertiteln - nicht aber die klamaukig synchronisierte, deutsche Fassung - in die Finger bekommen…

Ah-Lung (Samo Hung) ist ein großer Fan der Martial Arts-Legende Bruce Lee. Leider ist er dick und fett und wohnt bei seinem Vater in der Provinz. Um Kung Fu zu trainieren, bleibt ihm nichts anderes übrig, als im Stall auf die armen Schweine einzuprügeln. Papa will, dass aus Ah-Lung etwas wird und so schickt er den Jungen nach Hong Kong, damit dieser Onkel (Fung Fung) und Cousin (Luk Chu-Sek) im Straßenrestaurant helfen kann. Natürlich macht der kleine Dicke nichts als Ärger, kommt mit der Polizei in Konflikt und legt sich zudem mit einer Schlägertruppe an, welche im Restaurant die Zeche prellen will. Nachdem das Restaurant in Trümmern liegt, gibt Onkel auf. Ah-Lung und sein Cousin können sich nach einem neuen Job umschauen. Doch die beiden stecken schon bald in ganz anderen Schwierigkeiten: Kunstliebhaber Professor Pai (Peter Yang Kwan) kommt in die Stadt, doch statt Antiquitäten will er lieber eine Freundin von Ah-Lung und seinem Cousin „kaufen“, da diese ihn an seine Jugendliebe erinnert. Da die Dame von dieser Idee nicht sonderlich begeistert ist, lässt Professor Pai sie kurzerhand vom Fälscherkönig Hong Kongs (Roy Chiao) entführen. Ah-Lung und sein Cousin können natürlich nicht tatenlos zusehen und so machen sie sich auf zur großen Befreiungsaktion…

Wurde Mitte bis Ende der 70er-Jahre noch krampfhaft versucht, einen Nachfolger für den unersetzbaren Bruce Lee zu finden, so ging Hauptdarsteller und Regisseur Samo Hung andere Wege. Er dachte sich: „Warum kopieren, wenn ich viel besser parodieren kann?“. Dieses Konzept macht DER KLEINE DICKE MIT DEM SUPERSCHLAG (1978) aus und wurde später noch einmal in SKINNY TIGER & FATTY DRAGON (1990) aufgegriffen…

Schon im Vorspann geht es los: ENTER THE DRAGON, äh, sorry, FAT DRAGON! Samo übernimmt Gestiken, Kampfschreie und -stellungen von Bruce und vermöbelt eine stattliche Anzahl von Angreifern. Als er einem der Angreifer in bester Bruce-Tradition auf den Brustkorb springen will, wacht er aus seinem Tagtraum auf und merkt, dass er den Boden der Dschunke durchgetreten hat, in welcher er - wie damals Bruce in DER MANN MIT DER TODESKRALLE (1973) - durch den Hafen schippert. Die Idee, einen Chinesen aus der Provinz in eine ungewohnte, ihm völlig fremde Großstadt zu verschlagen, entstammt übrigens dem Bruce-Klassiker DIE TODESKRALLE SCHLÄGT WIEDER ZU (1972).

Klatschnass in Hong Kong angekommen, wird in der ersten Hälfte des Films weiter fleißig Bruce parodiert sowie Slapstick-Unfug getrieben. Hier will ich jedoch nicht zu viel spoilern. Es sei nur verraten: die Szene mit dem Schwein und der Sonnenbrille ist wirklich gelungen, die „Autoverwechslung“ dürfte jedem Autobesitzer in der Seele wehtun und außerdem gibt es noch eine grandiose „Film-im-Film“-Abrechnung mit dem Wahn des „Bruce Lee-Clonings“! Samos Parodien ziehen den echten Bruce niemals durch den Kakao und verarschen ihn auch zu keiner Sekunde! DER KLEINE DICKE MIT DEM SUPERSCHLAG ist vielmehr als liebevolle Hommage an Bruce gedacht und das funktioniert auch über die komplette Laufzeit!

In der zweiten Hälfte des Films bekommen wir dann aber ein anderes Problem: Gags und Parodien werden ein wenig zurückgefahren und plötzlich baut man einen weiteren Subplot ein. Einige Szenen mit Professor Pai - dessen Geschäfte mit dem Fälscherkönig oder auch die Rückblenden mit seiner Jugendliebe - langweilen und in diesen Momenten kann man es kaum noch erwarten, wieder eine von Samos Comedy- oder Kung Fu-Einlagen zu sehen. Zwar vermischt Samo alle Zutaten gewohnt souverän, aber in diesem Fall nehmen einige belanglose Szenen dem Film in der zweiten Hälfte ein wenig an Fahrt. In späteren Werken wie z.B. SHANGHAI POLICE (1986) oder ACTION HUNTER (1988) fand Samo dann das perfekte Mischverhältnis.

Bruce Lee plante für seine ursprüngliche Version von GAME OF DEATH Szenen, in denen er sich in einer Pagode Stockwerk für Stockwerk nach oben kämpft. Hierbei sollten ihm verschiedene Kämpfer begegnen, die jeweils einen bestimmten Kampfstil repräsentieren. Samo variiert diese Idee im Finale und muss in einer Lagerhalle gegen die drei Leibwächter von Professor Pai antreten. Er bekommt es mit einem schwarzen Karateka, einem europäischen Boxer und einem chinesischen Kung Fu-Kämpfer zu tun. Auf den Kampf gegen den Kung Fu-Kämpfer (Leung Kar-Yan) gehe ich nicht weiter ein, denn „Kung Fu vs Kung Fu“ gibt es in nahezu jedem Eastern zu sehen. Der Kampf gegen den Boxer (David Nick in seinem einzigen Easternauftritt) bietet eine interessante Paarung und zudem einige harte Schlagabtausche sowie viele schicke Zeitlupen. Der Knaller jedoch ist die Jim Kelly-Parodie durch den schwarzen Karateka. Beim genauen Hinschauen kann man unter Afro-Perücke und Tonnen schwarzer Schuhcreme Lee Hoi-San entdecken, der schon - weit weniger verkleidet - durch unzählige Kung Fu-Filme tobte. Für Eastern-Kenner lohnt es sich darüber hinaus, die Augen offen zu halten: neben Roy Chiao, Leung Kar-Yan und Lee Hoi-San gibt es weitere bekannte Nasen wie z.B. die von Yuen Biao, Man Hoi und Eric Tsang zu entdecken - teilweise sogar in mehreren Nebenrollen.

Dass DER KLEINE DICKE MIT DEM SUPERSCHLAG in jede gutsortierte Eastern-Sammlung gehört, dürfte selbstverständlich sein! Trotzdem stören mich zum einen die etwas lahme zweite Filmhälfte und zum anderen der lahme Originalton mit Untertiteln! Von Kultfaktor und Sprachwitz der klamaukig synchronisierten, deutschen Fassung ist in der Originalfassung leider nicht viel zu spüren! Ich hoffe, „Rain Jao“ nimmt es mir nicht übel, wenn ich hier kurz aus einem seiner vielen Reviews zitiere: „Nur stilecht mit deutscher Synchro!“. Vielleicht bekomme ich ja eines Tages doch noch die deutsche Fassung in die Finger und dann behalte ich mir das Recht vor, den Film auf 8/10 Punkten aufzuwerten! Bis dahin gibt es hochverdiente…

7/10 Punkten, diBu!

Update: Ich habe nun endlich die deutsche Uncut-DVD in die Finger bekommen. Die deutsche Synchro stellt zwar keinen neuen Kalauerrekord auf, macht den ganzen Film aber trotzdem noch kurzweiliger und unterhaltsamer. Außerdem tröstet das ausgiebige Finale über kleine Hänger in der zweiten Filmhälfte hinweg. Deshalb auch die Aufwertung auf 8/10 Punkten! (08.02.2009)

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