Jetzt geht´s den Pädophilen an die Eier: Rotkäppchen will den bösen Wolf kastrieren… Da hat sich Regieneuling David Slade ein sehr heikles Thema ausgesucht und es mit dem ebenfalls diskussionswürdigen Stoff von Selbstjustiz vermengt. Das macht sein „Hard Candy“ schwer verdaulich, aber nicht immer glaubwürdig. Einerseits deutlich härtere Strafen für Kinderschänder, andererseits eine Verurteilung für jene Fotographen, die für einschlägige Internetseiten wie „Met-Art“ arbeiten? Auch der 32-jährige Jeff ist ein solcher Fotograf für jüngere Models und hat sich daheim ein schmuckes Atelier eingerichtet. Dieses betritt die 14-jährige Hayley, die Jeff kurz zuvor bei einem Chat kennen gelernt hat. Jedoch dient ihr Besuch bei dem 16 Jahre älteren Mann weder einer Fotosession, noch einem Flirt oder gar mehr: Einzig Rache ist ihr Motiv, denn sie ist fest davon überzeugt, dass Jeff für das Verschwinden einer Freundin verantwortlich ist. Nachdem Jeffs Drink mit Drogen vermengt wurde und er nach einer Ohnmacht auf einem Stuhl gefesselt wieder zu sich kommt, beginnt die gnadenlose Suche nach der Wahrheit. Dieses Kammerspiel erinnert in seiner Exposition ein wenig an „Devot“ und auch ein bisschen an „Betrogen“ mit Clint Eastwood, gepaart mit genretypischen Rape-and-Revenge-Motiven. Die Psychospiele sind teilweise recht fesselnd ausgefallen und wenn es Jeff an den Werkzeugkasten gehen soll und dieser bereits durch einen großen Eisbeutel für die bevorstehende Kastration vorbereitet ist, wird sich wohl jeder Mann nach innen krümmen. Allerdings leidet die Story auch an einigen Unwahrscheinlichkeiten und derben Fehleinschätzungen. Die junge Ellen Page war zur Zeit des Drehs bereits 17, verkörpert jedoch eine 14-jährige, die sich wie eine komplett erwachsene Frau verhält, dabei noch überdurchschnittlich intelligent. Beim besten Willen, so redet und handelt kein Mädchen inmitten der Pubertät. Das Vokabular, die vorrausschauende Denkweise, die durchtriebene Art und die psychologische Überlegenheit gegenüber Jeff, dazu absolute Beherrschung und Kontrolle in jeder noch so kritischen Situation, selbst die Kombination eines Zahlenschlosses bekommt sie schneller als ein Justus Jonas der drei Fragezeichen heraus. Da wurde übermäßig dick aufgetragen, auch wenn es die Handlung spannender macht. Spannend nicht nur aufgrund der ausweglosen Situation Jeffs, sondern aufgrund der Tatsache, dass die Sympathien für die beiden Figuren im Verlauf mehrfach wechseln. Zu Beginn bekommt man berechtigte Zweifel geliefert, warum sich Jeff überhaupt mit einem Mädchen abgibt, sie sogar noch mit nach Hause nimmt und ihr dann auch noch einen „Screwdriver“ anbietet. Später wünscht man sich aber einen robusten Befreiungsschlag seinerseits, da Hayley beim Durchsuchen seiner Wohnung keine allzu aussagekräftigen Hinweise auf eine pädophile Veranlagung findet und man den Geläuterten für unschuldig hält. Das Ende fällt entsprechend hart und unversöhnlich aus und dürfte einige Moralapostel zu lautem Geschimpfe animieren. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Schimpfen kann man jedoch nicht über die schauspielerischen Leistungen der beiden Akteure. Ellen Page überzeugt, trotz „falschen“ Alters, durch ihre realitätsnahe Performance und Patrick Wilson kann mit weniger Vielfalt, aber mit intensivem Ausdrücken von Angst und Verzweiflung punkten. Das „Drumherum“ hat Slade ansprechend gestaltet, mit Einsatz einiger Farbfilter und schnellen Schnitten, sowie Wackelkamera, wenn mal Bewegung in die ansonsten von Dialogen dominierte Geschichte kommt. „Hard Candy“ wird die Zuschauer zum Nachdenken anregen, soviel steht fest. Und jene, die beim Anblick einer leicht androgyn aussehenden Ellen Page enttäuscht sind, sollten länger nachdenken. Bis auf ein paar Schwächen innerhalb der Story ein zeitweise spannendes Kammerspiel mit zwei sehr guten Darstellern. Das Thema böte zwar weitaus mehr Potential für ein Psycho-Drama und auch das Einbinden von Selbstjustiz ist etwas fragwürdig, aber gut gemacht ist´s insgesamt trotzdem. 7 von 10 Punkten