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"Drittens hast du gesagt, es wäre verrückt wenn ich mit zu dir komme. Naja, vier von fünf Ärzten sind der Meinung, ich bin echt geisteskrank."

David Slade greift mit "Hard Candy" ein provokantes Thema auf, was durch die moderne Vernetzung und gesellschaftliche Verrohung völlig neue Aspekte zulässt.

Der 32 Jahre alte, attraktive Fotograf Jeff Kohlver (Patrick Wilson) lernt im Internet die 14-jährige Hayley Stark (Ellen Page) kennen. Durch gegenseitige Sympathie treffen sie sich, trotz des Altersunterschieds, in einem Café. Die Chemie stimmt und Hayley überredet Jeff gewitzt sie mit in seine Wohnung zu nehmen. Dort angekommen begeistert sich Hayley für Jeff's Kameraausrüstung und stürmt sogleich die Küche um hochprozentige Cocktails zu mischen. Nach ein paar Gläsern löst sich die Stimmung. Hayley bittet Jeff sie so zu fotografieren wie er seine Models fotografiert. Anzüglich posiert sie auf Jeff's Couch. Als dieser seine Kamera holt wird ihm plötzlich schwarz vor Augen. Kurze Zeit später erwacht er wieder, gefesselt auf einem Stuhl.

Pädophilie, die sexuelle Neigung zu minderjährigen bzw. sich vor der Pubertät befindlichen Kindern. Ein höchst brisantes Thema um eine Randgruppe, die zu den geächtetsten in der Gesellschaft gehört und es in der heutigen Zeit leichter hat, Zugriffe auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu erhalten. Parallel findet sich durch ausgeführte Selbstjustiz ein zweites heikles Thema vor.
"Hard Candy" eignet sich allein wegen seiner brisanten Thematik einzig für ein erwachsenes Publikum, welches bereit ist sich mit der Materie zu befassen und für Diskussionsstoff offen ist. Wer durch die 18er Plakette ein triefendes Blutbad erwartete dürfte enttäuscht werden, denn ein solches ist nicht vorhanden.

Der Film beschränkt sich fast ausschließlich auf das dialoglastige Katz- und Mausspiel der beiden Hauptcharaktere, was nur durch ein paar, vorgetäuscht temporeiche, schnell geschnittene Szenen aufgelockert wird.
Insgesamt kommt "Hard Candy" mit gerade mal fünf Darstellern aus, davon sind die Auftritte der drei Nebendarsteller nicht der Rede wert. Ebenso minimalistisch ist die Kulisse. Die Handlung spielt, von den anfänglichen Minuten ausgenommen, nur in und um Jeff's Wohnung.

Was zu Beginn noch wenig beeindruckend ausschaut, steigert sich schon sehr bald zu einem Kammerspiel mit erschreckender Intensität. Psychischer Druck, clevere Dialoge, Folter und schlagartige Wendungen stehen auf dem Programm. Die Figuren verlieren ihren eingangs aufgebauten Charme und stehen plötzlich für Parabeln ihrer ausgeführten Sünden. Dabei spielt die Sicht aus der jeweiligen Perspektive eine ausschlaggebende Rolle.
Der Psychothriller lässt den Zuschauer stets im Wechselbad der Gefühle zurück und entfacht eine unangenehme Neutralität. Ausführende Pädophile haben eine Strafe verdient... aber sollte diese wirklich so drastisch ausfallen? Jeff hat den Hang zur Pädophilie... aber was hat er wirklich genau getan? Hayley handelt durch ihren aufgewühlten Jugendwahn... oder ist sie psychisch krank? Zahlreiche Fragen stellen sich, auf die man selten eine wirklich sichere Antwort erhält, was die Sympathie zu beiden Parteien dynamisch erhält und gleichzeitig zunichte macht. Eine klassische Gut-Böse-Zeichnung entfällt. Und selbst das wirklich fiese Finale macht da keinen Unterschied.

Die größtenteils perfekte Illusion wird von ein paar Plausibilitätsfehlern gestört. So erscheint es nicht sonderlich glaubwürdig, dass die schmächtige Hayley den ausgewachsenen Jeff des öfteren hebt und gar an der Decke aufhängt. Ausreden könnten Flaschenzüge sein, die aber nie zu sehen sind.

Bei solch einem Kammerspiel hängt vieles an der Glaubwürdigkeit der Schauspieler. Und hier hat David Slade zwei sehr ausgeprägte Darsteller am Start. Patrick Wilson ("Das Phantom der Oper", "Watchmen - Die Wächter") und Ellen Page ("X-Men - Der letzte Widerstand", "An American Crime") laufen beide zur Höchstform auf. Wilson liefert eine eindrucksvolle Performance des gepeinigten Fotografen: charismatisch, panisch, zornig und gepeinigt. Aber vor allem Page's süß lächelnder, unerbittlicher, diabolischer Racheengel Hayley ist es, der dem Zuschauer in Erinnerung bleibt. Hierfür wäre die Oscarnominierung sicherlich angebrachter als für "Juno", denn Page geht vor allem in anspruchsvollen Rollen voll auf.

"Hard Candy" ist großes Kino in kleinem Rahmen. Das geniale Kammerspiel findet sicherlich nicht überall Zuspruch, dafür sind die Themen einfach zu explizit. Wer sich darauf einlässt bekommt ein kontrovers diskutiertes, spannendes, beängstigendes Psychoduell zwischen zwei erstklassigen Darstellern mit bitterbösem Schluss zu sehen. Da stören selbst die Plausibilitätsfehler wenig.

9 / 10

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