Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen DVD-Fassung!
"Brutaler Horror", "Schaurige Spannung" und "Gejagt. Ermordet. Zur Schau gestellt." - das sind die reißerischen Slogans, die der Zuschauer auf dem Cover zu dieser Dark-Castle-Entertainment-Produktion findet. Und sie treffen zu!
Doch ganz langsam!
Dark Castle Entertainment? Ist das nicht die Produktionsschmiede aufgemotzter B-Movies mit jeder Menge Trash-Appeal, verantwortlich für desaströse Schinken wie "Ghost Ship" und "13 Ghosts"? Ja, das ist sie. Und sie ist bekannt dafür, das eine oder andere Remake zu inszenieren, vornehmlich die frühen Gruselklassiker des guten alten Vincent Price. Und genau diese Remakes zählen zum Besten, was Dark Castle bislang aufgetischt hat, abgesehen natürlich von "13 Ghosts", der auf dem Klassiker "Das unheimliche Erbe" beruht.
Hier haben sich nun der Regisseur und die Drehbuchautoren an "Das Kabinett des Professor Bondi" heran gemacht und lieferten nicht nur eine Neuverfilmung ab, sondern verwandelten das ganze Treiben rund um ein unheimliches Wachsfigurenkabinett in einen brutalen, blutigen Slasher.
Zwei Punkte sind zu kritisieren - und es ist nicht Paris Hilton:
Regisseur Jaume Collet-Serra lässt sich bei der Einführung der Protagonisten und der eigentlichen Handlung sehr viel Zeit, ohne dass irgendetwas passiert. Die kurze Einleitung, die in der Vergangenheit spielt, ist genauso zurückhaltend wie der weitere Verlauf, offenbart jedoch das Schicksal eines der Antogonisten. Erst nach 32 Minuten hat das "House Of Wax" seinen ersten Auftritt, weitere 15 Minuten vergehen, bis der Slogan "Gejagt. Ermordet. Zur Schau gestellt" in allen Belangen in die Tat umgesetzt wird.
Der zweite Punkt ist nicht besonders schwerwiegend, aber er trübt etwas die Spannung und Dramatik: Denn wenn mitten im finalen Zweikampf zwischen Killer und Opfer Elisha Cuthbert versucht, ihren Peiniger mit psychologischen Sprüchen aufzuhalten, ist das vielleicht im realen Leben ein guter Ansatz, in einem Slasher ruft das jedoch nur Kopfschütteln hervor.
Soviel zu den negativen Kritikpunkten.
"House Of Wax" ist ein Film, den man unbedingt mehrmals schauen sollte. Zwar hat die Neuverfilmung von der Handlung her nichts mehr mit dem Original gemeinsam, so ist die moderne Variante zumindest voll von liebevollen Zitaten an das Original. Genau wie die Figur Steven Price in "Haunted Hill" vom Namen her an Vincent Price angelehnt ist, so geschieht es hier mit dem Modellierer der Wachsfiguren, der Vincent heisst.
Davon abgesehen, sind neben dem "House Of Wax" die Beziehungen der beiden Geschwisterpaare Bo/Vincent und Carly/Nick untereinander das zentrale Thema des Films, weshalb sich der Regisseur auch die Zeit nahm, um Carly und Nick mit ihren gegensätzlichen Ansichten ausführlich vorzustellen.
Vor allem während des Finales wird in vielen, wunderbaren Szenen die Thematik der beiden siamesischen Zwillinge Bo und Vincent dargestellt:
Carly flüchtet vor Vincent in das nachgestellte Kinderzimmer der beiden Jungen und schiebt eine Wiege mit den beiden aus Wachs hergestellten siamesischen Zwillingen vor die Türe. Vincent, der mit aller Gewalt versucht, ins Zimmer zu kommen, schneidet mit seinem Messer durch die Türe, die - wie das komplette Haus - aus Wachs besteht und durchtrennt dabei die Zwillinge, was sinnbildlich für die Trennung der siamesischen Brüder steht. Dabei fährt der Schnitt durch das Gesicht von Vincent, was somit auch seine reale Verunstaltung des Gesichtes erklärt, was er im TCM oder "Phantom der Oper"-Style mit einer Wachsmaske verdeckt.
Wenig später verschmelzen die beiden Brüder im feurigen Wachs wieder zu einem siamesischen Zwillingspaar, als Vincent durch die aufgelöste Decke auf seinen toten Bruder stürzt.
Diese Kleinigkeiten sind es jedoch, die gerade einen Filmfan begeistern und zusammen einen solch guten Film ergeben.
Man merkt richtig, das der Regisseur und die beiden Drehbuchautoren ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht haben. Sie haben nicht nur einfach - wie beispielsweise bei "Ghost Ship" - irgendeine Handlung geschrieben und auf vordergründige Effekte gesetzt, sondern sehr viele liebevolle Details eingearbeitet:
Das beginnt schon mit der Idee, dass das ganze "House Of Wax" seinem Namen entsprechend vollkommen aus Wachs besteht.
In die Wände der dunklen Gänge zu Vincents Werkstatt sind die Gesichter früherer Opfer modelliert, was hier für eine zusätzliche gruselige Atmosphäre sorgt.
Eine der besten Ideen ist die spannende Situation in dem Kino, in dem zeitgleich "Was geschah mit Baby Jane" läuft, jenem Klassiker mit Bette Davis, in dem es auch um dasgestörte Verhältnis eines Geschwisterpaares geht. Carly versucht hier dem bewaffneten Bo zu entkommen, in dem sie sich kaum atmend und regungslos unter die Zuschauer mischt, die allesamt Wachsfiguren sind. Das ist spannend und aufgrund der Dunkelheit ungeheuer beklemmend, was durch das eindrucksvolle Spiel von Elisha Cuthbert verstärkt wird.
Elisha Cuthbert und ihre beiden Kollegen Jared Padelecki und Chad Michael Murray sind TV-Zuschauern bestens bekannt aus Serien wie "24" und "Gilmore Girls", aber auch aus Kinofilmen wie "The Girl Next Door" oder dem Remake von "Freitag, der 13.". Sie machen ihre Arbeit sehr ordentlich und wissen zu überzeugen, vor allem Murray als Carlys Bruder Nick entwickelt sich im Laufe des Films vom Raufbold zum Helden, der über sich hinauswächst um seine Schwester zu retten.
Auch Paris Hilton kann in ihrer Rolle halbwegs überzeugen, vor allem, wenn sie tot ist. Bevor sie jedoch den besten aller Filmtode stirbt, den "House Of Wax" zu bieten hat, tut sie eigentlich nur das, was sie in ihrer Freizeit auch macht: dämlich grinsen, knutschen und strippen.
Ansonsten ist der Höhepunkt des Bodycounts schnell erreicht, lediglich die beiden Geschwisterpaare kämpfen sich bis zum feurigen Finale durch einen Albtraum aus Blut und Gewalt.
Die wenigen Morde werden dafür umso blutiger dargestellt, neben Enthauptungen, Abtrennen von Fingern und durchgeschnittenen Kehlen ist vor allem das kunstvolle Durchbohren von Paris Hiltons Kopf der Höhepunkt kreativen Tötens.
Jared Padelicki wird überraschend als erstes Opfer der beiden Brüder und endet als lebendige Wachsfigur im Kabinett. Genial die Szene, als Dalton ihn dort findet und versucht, ihn aus dem Wachs zu befreien, dabei jedoch wortwörtlich Wade unter die Haut geht, in dessen Augen sich dabei der sich nähernde Vincent spiegelt.
Dabei sind die Effekte wirklich sehr gut gelungen, genauso wie der Soundtrack von John Ottman, der die Hetzjagd optimal untermalt, auch wenn sein Score bekannt ist aus Filmen wie "Düstere Legenden" und "Ich weiss, was du letzten Sommer getan hast". Doch seine Wirklung verfehlt er auch hier nicht.
Ambrose, die Geisterstadt, in der sich das "House Of Wax" befindet, ist die ideale Kulisse für das mörderische Treiben. Nahezu beängstigend, wie hier jeder "Einwohner" aus Wachs gegossen zu sein scheint. Das Haus der beiden Brüder und Vincents Werkstatt sorgen für eine unheimliche Atmosphäre, das Wachsfigurenkabinett ist wundervoll morbide dargestellt.
All das geht eindrucksvoll zum Ende des Filmes in Flammen auf und wird zu dem, was es einmal war: zu Wachs und sowohl graphisch als auch im übertragenen Sinn zu einem siamesischen Bruderpaar.
Wer "House Of Wax" nur als Horrorfilm betrachtet, nicht aber die Metaphorik einzelner Szenen und die vielen guten Ideen sieht, wird ihn zu Recht unterschätzen.
Dabei ist der Film so viel mehr, als nur ein Teenie-Horrorfilm unter vielen:
er ist wie das "House Of Wax" ein künstlerisch vollkommen gelungenes Werk, das sich traut den Schritt zu gehen, einen Klassiker wie "Das Kabinett des Professor Bondi" neu zu interpretieren, indem aus dem altmodischen Gruselfilm ein harter Slasher wird, der das Original liebevoll zitiert und einen grossen Einfallsreichtum eigener Ideen hat und diese mit den gängigen Motiven des Slashers kombiniert, dabei auf Plattheiten verzichtet und auf Spannung und Atmosphäre setzt.
In Anbetracht dessen, dass es sich um eine Dark-Castle-Produktion handelt, die für ein junges Publikum inszeniert wurde, erhebt dieser Film einen solchen Anspruch, dem nur die wenigsten Zuschauer gerecht werden.
Dafür 8 von 10 Wachsfiguren und meine Hochachtung!