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Als die Lehrerin Miss Tsui [ Helena Law Lan ] das häufige Fehlen der Sechsjährigen Tintin Wang [ Wong Man – yi ] registriert, sucht sie deren Zuhause auf; einige Stunden später wird sie nur mühsam von der Polizei verhaftet: Tintins Onkel und Tante wurden ermordet, Miss Tsui emsig wehrend am Tatort aufgegriffen. Die Sozialarbeiterin Sam [ Ruby Wong ] kümmert sich mit ihrem Freund, dem Polizisten Wen [ Dayo Wong ], um das kleine Mädchen; muss aber rasch noch mehrere Todesfälle in deren Umgebung feststellen...

Tamagotchi ist natürlich keine Spieleverfilmung, obwohl gewisse Herren [ Anderson, Boll ] zum Zeitpunkt des entsprechenden Hypes um 1996/97 vielleicht auch auf diese Idee gekommen wären.
Warum man den Namen überhaupt benutzt lässt sich dann auch nicht so einfach erklären; zumindest hat man mit der Titelvariante Temegotchi auch eine etwas andere Version für die inoffizielle Bezeichnung verwandt, welche aber natürlich auch stark an das kleine Plastikei erinnert.
Die Geschichte selber kann man mit einigen Interpretationen und viel guten Willen sogar an das Spielprinzip anlehnen: Kümmert man sich dort um ein virtuelles Haustier und muss es versorgen, so steht hier ein kleines Kind im Mittelpunkt, welches ebenso wie jeder Mensch auch gewisse Bedürfnisse hat und dies in dem Alter natürlich noch mehr deren Erfüllung bedarf.
Das Wohlergehen des digitalen Kükens kann man also mit der Pflege und dem Aufziehen von Tintin gleichsetzen; wenn man denn unbedingt eine Verbindung zwischen beiden Medien herstellen will.

Belang für den Film und seine Handlung selber hat ein Tamagotchi jedenfalls nicht; die Kinder hier spielen auch mit allen anderen Dingen ausser dem Ei und es wird auch nirgends eine Reset – Taste gedrückt, wenn mal jemand stirbt. Und es gehen einige Leute drauf, allerdings erstmal nur die die es auch auf eine gewisse Art verdient haben.
Also kein Barbara‘s Baby hier. Kein Omen, indem der Teufel schlechthin in einem Kind wiedergeboren wird und die Menschheit bezwingen will. Sondern eher Carrie im Vorschulalter. Einfach ein kleines Mädchen, dass sich an denen rächt, die sie misshandeln; ob seelisch oder körperlich.
Dieser Handlungsaspekt und vor allem auch die Umsetzung durch Wellson Chin machen überraschenderweise den Reiz der Geschichte aus und verhelfen dem Film kurzzeitig zu einem Format, dass man angesichts von Titel und Mitwirkenden gar nicht erwartet hätte.

Der Film versteckt sich nämlich selber, wodurch er auch wenig Bekanntheitsgrad und Ruf aufweist; wegen dem Titel erregt er jedenfalls kaum Aufmerksamkeit, und wenn dann nur durch abschreckende Wirkung. Teilweise wird er sogar als Komödie klassifiziert; was er zwar überhaupt nicht ist, aber allein von den Beteiligten her auch durchaus plausibel klingt. Wenn man den Film nicht gesehen hat natürlich und nur die anderen Werke Chins kennt; die entweder Actionkomödien [ Inspector wears Skirts 1 – 4, Prince of the Sun ] oder Horrorkomödien [ Thou Shall not Swear, Third Full Moon, July 13th ] darstellen. Alles eher durchschnittliche Werke, die mit einer grundweg soliden Inszenierung gar nicht weiter auffallen können und sich als ansehbares Mittelmass präsentieren.
Seine stetig unauffällige Regie kommt hierbei aber zugute; man hätte das Sujet auch mit viel Effekten und Ausrufezeichen vollstopfen können. Chin geht sehr ruhig und bedacht heran, kleidet die Horror - Erzählung nur in sehr düstere Bilder.
Ausserdem weist man bereits einige Elemente auf, die erst später in den japanischen Phone, Dark Water, Ring, Ring Ø: Birthday oder Seance stilprägend und mittlerweile auch zum Klischee wurden.

An erster Stelle stehen nicht Spektakel oder etwaige Exzesse, sondern die Geschichte selber; welche sich anfangs sehr klar und nachvollziehbar erschliessen lässt. Eins folgt dem anderen, jede Szene hat seine logische Ursache und die entsprechende Wirkung; das Geschehen ist damit nicht wirklich überraschend, aber bleibt durch die glaubhaften Umstände dennoch spannend.
Sicherlich dreht man keine Realität ab, aber mit etwas Einfühlungsvermögen und dem Brechen von zu starren Denken kann man die Handlung auch als Analogie zum wahren Leben sehen, welche dann durch die Übertreibungen nur eine andere Form der Geschehnisse erzählt:
Das Mädchen ist Waise, die Eltern sind durch Unfall oder Krankheit gestorben. Auch die nächsten Angehörigen sind tot, es hat also niemanden mehr; was in dem Fall vielleicht sogar besser ist, da es von Tante und Onkel über Jahre hinweg geschlagen und misshandelt wurde.
Die Lehrerin kümmert sich zwar um sie, allerdings erst nach Dutzenden von Fehltagen; als ihr langes Nichtvorhandensein in der Schulde erst auffällt. Das Sozialamt steckt sie ins nächstbeste Waisenhaus.

Sicherlich betreibt man hier dann schon Wirklichkeitsbeugung zugunsten seiner eigenen speziellen Geschichte: Das Waisenhaus leitet jemand, der die Kinder schon mal allein in einen dunklen Raum sperrt und ein vorbestrafter Pädophiler mit Rottweiler bei Fuss ist auch anwesend. Aber auf gewisse Art bleibt man dennoch glaubhaft; 1996 dokumentierte der Bericht „Death by Default: A Policy of Fatal Neglect in China's State Orphanages" der Human Rights Watch die systematischen Grausamkeiten, Missbräuche und Vernachlässigungen in staatlichen Institutionen auf. Statistiken der chinesischen Regierung aus dem Jahre 1989 belegen eine extrem hohe Sterberate in den entsprechenden Einrichtungen.
Auch ohne diesen Hintergrund und auch wenn man etwaige Aussagen der Filmemacher bezüglich dessen ganz aussen vorlassen will, berührt einen einfach schon die Tatsache, wenn man sieht wie der Neuankömmling selbst von den anderen Kindern gemieden und auch nachts mal im Bad eingeschlossen wird.
Deswegen tut einem das Mädchen auch oftmals eher leid, wie es sich nur mit seinem Volleyball und dem Musikplayer beschäftigt und ansonsten geschnitten oder bestraft wird; grossen Anteil an dem Mitgefühl trotz ihrer Aktionen und damit dem Wirken der Geschehnisse kommt dann auch allein über die kleine Darstellerin. Die in allen Belangen authentisch wirkt, Beschützerinstinkt auslöst und einige für eine Sechsjährige wahrhaft nicht einfache Szenen abbekommt.

Die erwachsenen Darsteller können da gar nicht mithalten; zumal sie auch einige Dialoge geschrieben bekommen, die nichts aussagen und den Fortgang nur verzögern. Abseits des Handlungsschwerpunktes wird nämlich mehr rumgeeiert, sich um anderen Dinge gekümmert oder die Angelegenheiten verzögert. Ausserdem ist es teilweise schlecht gecastet: Helena Law Lan, die einzige Oma Hongkongs, drückt wieder einmal viel zu sehr auf.
Komiker Dayo Wong wähnt sich anscheinend oft in einem anderen ganz Setting und zieht auch hier sein Masche ab. Sicherlich hält er sich im Vergleich zu seinen sonstigen Werken zurück; aber wer den Mann und seine Hampelei auch in Produktionen wie Legend of the Wolf oder Devil 666 unpassend fand, kann die Fehlbesetzung auch ohne Sichtung verstehen. Dabei kann er gerade bei normalem Auftreten durchaus brauchbar spielen, aber dann muss er das auch mal tun.
Seine entwickelte Figur ist auch nicht einmal so schlecht; Cop Wen fühlt sich nämlich gegenüber dem Kind überhaupt nicht verpflichtet und dann sogar vernachlässigt. Er beschwert sich gegenüber Sam, dass er zugunsten der Kleinen zuwenig Aufmerksamkeit bekommt.
Ruby Wongs Sam dagegen ist weniger wie eine Ersatzmutter als vielmehr wie ein Seelenverwandter zu Tintin; sie hat das Gleiche durchgemacht, sogar im selben Waisenhaus. Nur konnte sie halt nichts dagegen tun, hatte keine übernatürlichen Kräfte und musste sich mit der misslichen Lage abfinden und alles erdulden.
Dieser Kontrast ist gar nicht übel herausgearbeitet; verliert sich aber etwas in Diskussionen um Heiratsanträge, Eheringe, der korrekten Ausübung des Jobs etc. Ausserdem ist die Schauspielerin auf Dauer nervig, was sich spätestens im Showdown bemerkbar macht; sowieso zieht das Finale den Film leider noch merklich nach unten.

Fast 20min lang wird Sam in einer Albtraumwelt von Schauplatz zu Schauplatz gejagt; abwechselnd von einem Polizeikollegen, dem Kampfhund, Ventilatoren, der verstorbenen Miss Tsui sowie dem auch toten Wen. Hier sehnt man wirklich den Abspann herbei, zumal die Auflösung dann auch wirklich gar nicht schmeckt.
Schade.

5.5/10

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