Review

Wie weit würdest du gehen, um ewig jung zu bleiben?

Der Schönheitswahn ist heutzutage aktueller denn je. Vor allem (aber nicht nur!) was das weibliche Geschlecht angeht. Seien es die stundenlangen Seasons im Bad am Morgen, die den Partner fast zur Verzweiflung bringen, das ewige Gefühl irgendwie und irgendwo zu dick sein oder eben der Gang zum Schönheits-Operanten, sofern man ihn sich leisten kann. In "Dumplings" allerdings geht der Drang nach ewiger Jugend und Schönheit einen gehörigen Schritt zu weit und es gibt keine Grenzen mehr. Und so entpuppt sich aus dem grausig anmutenden Film, eine sehenswerte Mischung aus harscher Gesellschaftskritik und ekelregendem Horrorfilm, bei dem aber der Ekel und der Horror eher im Kopf entsteht, als durch blutrünstige Szenen.

"Dumpling" erzählt die Geschichte von Mei, die eine ganz bestimmte Art von Teigtaschen herstellt, welche den "Genießer" zu ewiger Jugend verhelfen soll. Ihre neuste Kundin ist die ehemalige Schauspielerin Lee Ching, die nach und nach immer süchtiger nach diesen "Dumplings" wird. Selbst nachdem sie den Inhalt dieser Taschen erfährt, nämlich kleingehackte Föten(!), möchte sie damit nicht aufhören, diese "Delikatesse" zu verspeisen, um endlich wieder jung auszusehen und damit ihren Mann zurück zu gewinnen. Doch dieser Schönheitswahn hat nicht nur moralische Tücken... Eklig, krank und doch näher an der Realität als man es zunächst für wahr halten würde, präsentiert sich das schaurige Szenario von "Dumplings". Regisseur Fruit Chan überschreitet hier bewusst die Grenzen der filmischen Moral, die mitunter sowieso schon sehr niedrig angesetzt ist. Doch er will uns damit nicht nur schockieren, sondern vor allem dem Misstand der Gesellschaft, der unendlichen Sucht nach Jugend und Schönheit, einen Spiegel vorhalten, der viel vom Zuschauer abverlangt. Clever verflochten zu einem Ganzen, kann die genauso böse wie faszinierende Story durchgehend überzeugen.

Aber vor allem was die Inszenierung angeht, hat sich Chan viel Mühe gemacht und präsentiert das Szenario so verstörend wie nur möglich, ohne aber dabei den Fehler zu machen, den Zuschauer mit ekligen Bildern voll zu dröhnen. So liegt der Horror hier mehr in der Tat an sich und in den Dialogen zwischen Mei und ihrer Kundschaft. Wenn Mei z. Bsp. ihrer Kundin Lee Ching z. Bsp. ganz ungeniert erzählt, das ein 5 Monate alter Fötus die beste Ware ist, da bei diesem schon alles nahezu vollständig entwickelt ist, dann dreht sich dem Zuschauer schon der Magen um. Und wenn Mei dann sogar eine Abtreibung bei einem Mädchen vornimmt, das von ihrem Vater geschwängert wurde, um diesen Fötus dann zu "verkochen" (Zitat: "Ein Kind von Vater und Tochter ist das Beste was man sich vorstellen kann"), dann verlangt es dem Zuschauer schon einiges ab, um sich nicht am Ende nicht sogar übergeben zu müssen. Und das nahezu vollkommen ohne großes Blutvergießen. Denn die vorhandenen Blutszenen kann man hier an einer Hand abzählen!

Dazu kommen dann noch die akustischen Spielereien, die dem Zuschauer ebenfalls stark an die Konsens gehen können. Der Score ist brachial und wird vor allem immer dann auf volle Lautstärke gestellt, wenn es zu fragwürdigen Szenarien kommt. Dabei wird aber bewusst auf atmosphärische Klänge verzichtet, sondern eher mit Sound und Musik gearbeitet, die fast schon an die Grenzen des Erträglichen gehen. Dazu die kühle und triste Umgebung, in der das Szenario sich abspielt und noch so manch anderes Stilmittel, das besser kaum hätte eingesetzt werden können. Das schier unerträgliche Szenario, wird mit seiner Inszenierung quasi abgerundet.

Hinzu dann noch die exzellenten Darstellerleistungen, vor allem was Bai Ling und ihre Mitspielerin Miriam Yeung angeht. Beide Schauspielerinnen geben in diesem Streifen eine absolut wunderbare Leistung zum Besten, die sich wirklich sehen lassen kann. Vor allem Yeung bringt den Wandel ihrer Figur, von anfänglicher Verzweiflung bis hin zum schieren Wahn, wirklich optimal rüber. Aber auch die Leistungen der anderen Darsteller sind optimal.

Fazit: Genauso ekelerregender wie faszinierender Filmtrip aus Hongkong, der es, mit seinem aufwühlenden und sehr bizzaren Inhalt, schafft, den Zuschauer sowohl zu schockieren, als auch ihm die Augen zu öffnen, wie tabulos und bedenkenlos die Menschheit doch mitunter schon geworden ist. Vor allem wenn es darum geht, den Alterungsprozess und seine Folgen aufzuhalten. Bewusst provozierend, dabei aber (nahezu) völlig ohne schaurige Bilder verzichtend, entwickelt "Dumplings" beim Zuschauer ein so abstoßendes Gefühl, dass er sich es in Zukunft wohl zweimal überlegen wird, ob er, für das was er unbedingt haben will, wirklich alles tun würde. Faszinierend inszeniert und mit großartigen Schauspielern besetzt, ist dieser Streifen zwar bei weitem nicht für jeden geeignet, aber für Freunde des kontroversen Kinos definitiv ein Hingucker, um nicht zu sagen eine "Delikatesse"!

Ein abstoßender Horrortrip der besonderen Art!

Wertung: 8/10 Punkte

Details
Ähnliche Filme