Der Konflikt zwischen Israel und Palästina, der Konflikt zwischen Juden und Arabern, er scheint so alt wie die Menschheit selbst und dennoch jederzeit topaktuell: Selbstmordattentäter, Aussperrung, Friedensverhandlungen, vermeintliche Verhandlungserfolge, dann wieder Bomben, und immer und immer wieder Selbstmordattentäter. Das sind Fakten, die die Schlagzeilen rund um die Welt tagtäglich zu dominieren scheinen. Das Stichwort „Nahost-Konflikt“ hat sich in den Nachrichten-Redaktionen rund um den Erdenball schon zu einem alltäglichen Bestandteil der Berichterstattung entwickelt. Und als Otto-Normal-Bürger kann und darf man die Augen vor dem Geschehen im Nahen Osten nicht verschließen, zu bedrohlich wirken die Schreckens-Szenarien, die uns spätestens seit dem 11.September 2001 beim Stichwort „Selbstmordattentäter“ durch den Kopf gehen und zu grausam sind die Taten, die dort begangen werden, als dass man blauäugig wegschauen könnte. Mit „Paradise Now“ liegt nun eine filmische Aufbereitung des Themas „Selbstmordattentat“ vor, die – in gänzlichem Kontrast zur allgemein üblichen, westlichen Betrachtungsweise – aus der Sicht der „Märtyrer des Jihad“ erzählt wird.
Diese Märtyrer sollen die beiden Freunde Khaled (Ali Suliman) und Saïd (Kais Nashef) werden, die mit Sprengsätzen bestückt nach Tel Aviv geschickt werden, um sich und möglichst viele andere in den Tod zu schicken. Doch bereits beim Passieren der israelisch-palästinensischen Grenze werden die beiden von israelischen Grenzposten entdeckt und müssen die Flucht antreten. Voneinander getrennt entwickelt sich die Sicht der beiden auf ihre geplante Tat vollkommen unterschiedlich und schon bald müssen sie sich entscheiden, ob sie ihren tödlichen Auftrag ausführen… ob sie das Leben in Nablus oder das scheinbar sichere Leben im Paradies wählen…
Nach diesem Film ist nur eines ganz sicher: man hat einen moralisch aufrüttelnden Film gesehen, der nicht moralisieren, nicht entschuldigen will, der aber gleichermaßen zu erklären versucht: es wird versucht, die Beweggründe eines solchen Selbstmordattentäters zu durchleuchten. Nicht die Lust am Morden ist es, die einen Menschen zu solch einer Tat bewegen, sondern tiefste ideologische Überzeugung. Um jedoch zeitgleich zu erklären, dass diese Beweggründe nicht allgemein jedem palästinensischen Bürger zugeschrieben werden können, dass nicht der vielzitierte Generalverdacht sämtlichen Palästinensern angehaftet werden kann, versucht sich diese israelisch-palästinensisch-deutsche Co-Produktion darin, Kontraste herzustellen. Nicht direkt visuelle Kontraste, die das Medium Film mit sich bringen kann, sondern vielmehr charakterliche Kontraste. So entdeckt der zunächst von seiner Mission zutiefst überzeugte Khaled, dass es nicht der richtige Weg aus dem Konflikt Israel-Palästina sein muss, sich selbst und Unmengen ziviler, unschuldiger Opfer zu richten. Er erkennt, dass es auch einen friedlichen Weg aus dem Konflikt geben kann, denn mit jedem Selbstmordattentat jenseits der Grenzen des Westjordanlands gibt man den Israelis ein aufgefrischtes Alibi für Repressalien gegenüber der palästinensischen Minderheit. Konträr dazu entwickelt der zu Beginn skeptische Saïd eine ideologische Überzeugung in Bezug auf seine Bestimmung als Märtyrer für den Glaubenskrieg, die zwar überaus intensiv deutlich gemacht, aber nie entschuldigt wird.
Verpackt wird das alles in ansprechende, aber nicht überragende Bilder, die Israel ganz nebenbei westlicher erscheinen lassen als es manch ein westlicher Bürger vielleicht erwartet hätte. Gespickt mit durchaus ambitionierten darstellerischen Leistungen, die vor allen Dingen von den beiden Hauptdarstellern Ali Suliman und Kais Nashef vorgetragen werden, entwickelt sich „Paradise Now“ zu einem durchweg sehenswerten Drama, das den Jihad einmal von einer ganz anderen, neuen Seite beleuchtet.
Gerade die gesunde Ausgewogenheit aus Erklärungsversuch und moralischer Intention, die hier angewandt wird ohne in ungesunden Antisemitismus zu verfallen, macht „Paradise Now“ zum Pflichtprogramm für den politisch interessierten Zuschauer. Auch wenn die filmische Umsetzung nicht immer auf voller Linie überzeugen kann: empfehlenswert in jeglicher Hinsicht! 8/10