Der einzige Damenschuh, in dessen Nähe sich ein Al Bundy freiwillig begeben würde, steht mitten im verwunschenen Wald des Vollmond-Königreichs von King Charles. Denn dort drin, im Schuh, da gibt’s eine Nacktbar.
Wie der Stiefel da so steht, acht Meter hoch, aus Gips oder ähnlichen provisorischen Materialien modelliert und umringt von den Bäumen des Waldes, schwingt er sich zum unübersehbaren Dreh- und Angelpunkt einer albernen Erotikklamotte mit dem verdächtig unverdächtigen Titel „Fairy Tales“ auf, die abgesehen von ihrer Schuhgröße eigentlich eine ziemlich kleine Nummer ist. Um das auszugleichen, sind des Stiefels Farben auffällig wie eine Brotkrumenspur im Laub, seine Fassade für den Herrn von Format so verlockend wie das Hexenknusperhaus für Hänsel und Gretel. Laut Produzent Charles Band sollen die Außenszenen am Rande der Sohle übrigens an nur einem Drehtag im Kasten gewesen sein, denn mangels Drehgenehmigung galt es im Guerilla-Stil vorzugehen. Wäre ein Ordnungshüter auf das Kasperletheater aufmerksam geworden, hätte er wohl eine der hampelnden Faschingsgestalten vor dem Schuhabsatz gefragt, was denn da eigentlich vor sich geht. Dann hätte es nur zwei Optionen gegeben: Schuh stehen lassen und Beine in die Hand nehmen oder den neugierigen Schnüffler mit einem Logenplatz für die große Fleischorgie schmieren.
Tjaja, Charlies wilde Jahre. „Fairy Tales“ ist wahrlich prall gefüllt mit jugendlichem Leichtsinn und infantiler Unverfrorenheit bei der Dekonstruktion aller nur denkbaren Märchenklassiker, wobei „Dekonstruktion“ hier das fröhliche Ablegen von Kleidung bedeutet, und zwar durch schüttelnde Tanzbewegungen. Da wird gewackelt, geräkelt und geschlackert, was das Zeug hält, bis sich gut durchblutetes Rosa zur Primärfarbe in dem bunten Durcheinander aus Kulissen und Kostümen Marke Eigenbau gemausert hat.
Das Drehbuch stammt von Frank Ray Perilli, der mit „Die tolle Geschichte der C.“ bereits die arme Cinderella für alle nachfolgenden Generationen verdorben hatte und mit „Laserkill – Todesstrahlen aus dem All“ den geneigten Zuschauer dann auch noch für den Trashgenuss verdarb. Die Erzählung beginnt am Gipfel eines Schlosses, wo ein edler Prinz (Don Sparks) in seinem Gemach erwacht, vom Morgen geküsst, an dem er endlich zum Mann wurde… nun, zumindest nach Lebensjahren gemessen. Doch für die Mannespflichten und -Freuden, mit denen ihn seine Untergebenen von nun an beschmeißen, scheint er nicht bereit, hat er doch nur die Eine im Sinn: Linnea Quigley!
Die spätere Scream Queen unzähliger B-Horror-Kultstreifen wartet am Ende der Reise als Belohnung, zuvor jedoch ist noch ein langer Weg zu beschreiten. Nicht anders als Eddie Murphy, der einst Zamunda verließ, zieht also auch Prinz Scheuklappe von dannen, um außerhalb der Mauern seine große Liebe zu finden, blind für all die Verlockungen, die ihm am Wegesrand begegnen. Die anfangs Roadmovie-ähnliche Struktur folgt dem typischen Ablauf einer bestimmten Sparte von Sex Comedy, in der sich der wenig attraktive Held kaum retten kann vor begierigen Schönheiten, jedoch entgegen der Intuition des Zuschauers eine nach der anderen abblitzen lässt, bis es ihm endlich gelingt, zur Frau seiner Träume durchzuringen.
Dieses magnetisch verdrehte Spiel mit Begehrlichkeiten wird natürlich auf einer höchst ironischen Verständigungsebene durchgezogen. Letztlich interagieren die Damen der Schöpfung auch weniger mit dem Prinzen als vielmehr mit dem Zuschauer, den sie durch den Bildschirm hindurch als eigentliches Zielobjekt auszumachen scheinen. So erklärt sich dann auch, dass der vermeintliche Hauptdarsteller bald irgendwo im Bildhintergrund am Wegesrand einer herbstlich geschmückten Allee hocken muss, während Angela Aames die erste große Show dieses Musicals exklusiv für unsere Augen abzieht anstatt für die des regungslosen Blaublüters. Jawohl, ein Musical, und was für eines. Als luftig bekleidete Little Bo Peep wendet sie dem Pantoffelhelden schnell den Rücken zu und führt mit direktem Blickkontakt Richtung Kamera eine grandiose Mischung aus Tap Dance und Walzer auf (trotz laubbedecktem Waldboden mit satten Steppgeräuschen!), während sie mit gepresster Lolitastimme darüber singt, wie sie ihre Schafe verloren hat. Für eine Produktion dieser Kragenweite ist die Nummer schon unverschämt gut dargeboten, denn trotz der nicht eben würdevollen Garderobe sprengt Aames den Bildschirm vor lauter Enthusiasmus und setzt damit lediglich den Startpunkt für eine ganze Reihe energiegeladener Gesangs- und Tanzaufführungen, bei denen das Augenzwinkern mal ausnahmsweise nicht nach nervösen Krämpfen aussieht, sondern aus tiefstem Herzen zu kommen scheint. In dieser Kategorie schießt dann später Soulröhre Martha Reeves den Vogel ab, als sie aus einem dampfenden Kessel steigt und mit „You’ll Feel The Magic in Me“ einen waschechten Motown-Kracher vom Stapel lässt, den man danach als Ohrwurm garantiert noch ein paar Tage mit sich tragen wird.
Sowohl Aames, die sich während ihrer Show direkt an den Zuschauer richtet, als auch Reeves, die mit ihrem kräftigen Organ massive 70er-Vibes ins Märchenland transportiert, sind Beispiele dafür, wie das parodierende Konzept von „Fairy Tales“ funktioniert: es entlarvt die hauchdünne Kulisse mitsamt der billigen Sets und albernen Outfits der Darsteller als Fassade und lässt das Produktionsjahr immer wieder durch die Allegorie scheinen. Gerade auch Sy Richardson liefert diesbezüglich in einer Sidekick-Rolle als närrischer Tourguide Sirus eine formidable Leistung, fällt er doch immer wieder in die Rollenmuster eines 70er-Pimps zurück, wird in einer Szene sogar von einem modernen Doppelgänger seiner selbst aufgesucht und mit entsprechendem Slang angesprochen. Dem Film gelingt es mit dieser Taktik, die eigene Billigkeit selbstironisch auf den Arm zu nehmen und so als bewusst gewähltes Stilmittel zu verkaufen.
Die Spielfreude der durchweg hervorragend aufgelegten Darsteller wird somit zum Herzstück des Films. Ob nun der König eine regelrechte Karikatur eines königlich aufgegeilten Gesichts aufsetzt, während sich vor seinen Augen ein Striptease vollzieht, ob sich Schneewittchen von den sieben Zwergen um ihre sieben Kleidungsschichten erleichtern lässt, ob der Froschprinz tatsächlich mit dem Ausdruck eines Frosches in der Ecke kauert oder ob der Animator an der Damenstiefel-Eingangstür phänomenal trockene Stand-Up-Comedy betreibt, sie alle bereichern das Sehvergnügen ungemein und sorgen dafür, dass der Unterhaltungswert des Abenteuers nicht schon nach einer Dreiviertelstunde im Waldboden versickert. Dem Drehbuch fällt zu dem Zeitpunkt nämlich nichts mehr weiter ein, als das horizontale Road Movie in die Vertikale der Stiefel-Etagen zur verlagern und allerhand schrille Dekors mit noch viel schrilleren Gestalten darin im Takt zu wechseln. Dank der unerwartet engagierten Mitspieler und der erstaunlich fetzigen Musik ist das auch überhaupt kein Problem.
Und im Schuh, da geht’s hoch her, das hat wohl selbst Al in seiner Stammbar so noch nicht erlebt. Doch selbst als das Treiben im Rudel gefährlich an der Grenze zur Softpornografie schlingert, bleibt die ironische Brechung nicht vergessen, sind die Orgien mit hüllenlosen Freiwilligen doch permanent unterlegt mit einem schrulligen Spieluhr-Thema und verschnitten mit den dümmlichen Visagen derer, die von draußen durchs Schlüsselloch gucken. Quigley, die sich in einer Aura von später nicht mehr gekannter Unschuldigkeit eigentlich nur von einem Raum in den anderen tragen lässt, wird zuletzt noch als Kirsche auf der Schichttorte inszeniert, die in allen erdenklichen Farben verziert ist, während die Füllung ein sonderliches Eigenleben entwickelt.
In seiner eigentlichen Absicht ist „Fairy Tales“ daher auch kaum mehr als eine frivole Klamotte für den nicht ganz so familienfreundlichen Abend. Starke Musical-Einlagen, hochmotivierte Darsteller und fantasievolle, wenn auch primitiv gezimmerte Kulissen sorgen aber für eine ansteckende Lebendigkeit. Sollte Martha Reeves tatsächlich Mitglieder ihrer Kirchengemeinde zum Filmabend eingeladen haben, ohne gewusst zu haben, dass sie die einzige am Set war, die ihre Klamotten anbehalten durfte, so ist nicht auszuschließen, dass das ein oder andere Kirchenmitglied während der Vorführung insgeheim den Soul in den Knochen gespürt hat…