Review

Sally Diamon (April Monique Burril) lebt seit ihrer Geburt in dem kleinen, verschlafenen Örtchen Porterville und verdient ihre Brötchen als Bibliothekarin. Hinter ihrer kühlen, zugeknöpften Fassade tun sich jedoch wahre Abgründe auf, wovon aber - abgesehen von ihrem Bruder Ruby (Alec Joseph) - niemand etwas ahnt. Denn als "Chainsaw Sally" sorgt sie in Porterville für Recht und Ordnung (naja, für das, was sie halt so unter Recht und Ordnung versteht), und ihre schnell und unbarmherzig gefällten Urteile sind so drastisch wie endgültig. Und vielleicht auch ein klein wenig überzogen. Da kann es schon mal vorkommen, daß man für ein nicht retourniertes Buch die Kettensäge zu spüren bekommt. Oder daß man für einen dummen Rechtschreibfehler in Kombination mit einer respektlosen Bemerkung etwas Säure zu schlucken kriegt. Immerhin sind Sallys Maßnahmen ungemein effektiv, denn ein zweites Mal begeht man den Fehler bestimmt nicht mehr. Nun aber scheint Porterville vor dem Umbruch zu stehen. Der reiche Tycoon Harvey Benton (David R. Calhoun) hat Großes mit dem kleinen Städtchen vor. Ein Einkaufscenter, ein Kino, Bürogebäude... das Nest soll ein völlig neues Gesicht bekommen. Der Bürgermeister (Chuck Richard) ist begeistert, aber die Einwohner stehen dem Vorhaben skeptisch gegenüber. Zum Zünglein an der Waage avanciert Steve Kellerman (Mark Redfield), der seit kurzer Zeit stolzer Besitzer eines riesigen Grundstücks in guter Lage ist. Klar, daß sich Benton dieses Stück Land mit allen Mitteln unter den Nagel reißen will. Chainsaw Sally ist damit aber so gar nicht einverstanden.

Es ist alles andere als einfach, eine Figur zu kreieren, die das Zeug zu einer Kultikone hat. Mit der heißen aber psychopathischen Antiheldin Chainsaw Sally ist April Monique Burril und ihrem Ehemann Jimmyo Burril dieses Kunststück allerdings gelungen. In der amerikanischen Horrorszene hat diese schräge Schöpfung der Burrils trotz ihrer Low Budget-Ursprünge einen recht hohen Bekanntheitsgrad, ist sehr beliebt und somit auch ein gern gesehener Gast auf jeder Convention (*). Daß die Kettensägen-Sally hierzulande kaum jemand kennt, verwundert nicht wirklich, schließlich ist bislang noch kein Abenteuer der unkonventionellen Killerin im deutschsprachigen Raum erschienen. Und da die hiesige Fangemeinde nun mal großen Wert auf eine deutsch-synchronisierte Fassung legt, bleibt Chainsaw Sally in unseren Breiten lediglich ein Geheimtipp. Was sehr schade ist, wie ich finde. Chainsaw Sally entstand ursprünglich, um das Theaterstück Silver Scream zu promoten. Es dauerte nicht lange, und diese schillernde Figur entwickelte ein Eigenleben und schaffte schließlich sogar den Sprung in einen eigenen Spielfilm. Dieser entstand 2004 in Maryland und hieß - natürlich - Chainsaw Sally. Was mir an diesem Indie-Flick besonders gefällt, ist die tolle Balance, welche die Burrils finden. Die Balance zwischen Geschichte und Action, zwischen Figuren und Splatter, zwischen (schwarzem) Humor und Terror, zwischen Hommage und Eigenständigkeit. Das ist alles wunderbar ausgeglichen, nichts wird überstrapaziert, nichts vernachlässigt, die Mischung stimmt nahezu perfekt.

April Monique Burril, die zur Zeit des Drehs übrigens schwanger war, ist in der Hauptrolle - nicht zuletzt dank ihres heißen Outfits - ein wahrer Blickfang. Sie hat Charisma, sie hat Sex Appeal, und sie hat Talent. Die schüchterne Bibliothekarin kaufe ich ihr zwar nicht ab, aber als Chainsaw Sally ist sie eine Wucht. Da ist April in ihrem Element und man gewinnt fast den Eindruck, daß sie nicht spielt, sondern einfach ist. "She's really just me with the volume turned up and no regard for those pesky anti-murder laws", meinte April in einem Interview. Sally ist begehrenswert und bedrohlich, sie ist sexy und tödlich, und da diese Femme Fatale auch hochgradig psychopathisch ist, kann das Pendel ohne Vorwarnung überall hin schwingen, meist zum Leidwesen des Opfers. Trotz ihrer mörderischen und ziemlich sadistischen Aktivitäten (sehr krass: die Art und Weise, wie sie die Eisverkäuferin (Jennifer Rouse) abserviert) ist Sally irgendwie sympathisch, und als Zuschauer ist man stets auf ihrer Seite. Aufgrund ihrer schmerzhaften Vergangenheit hat man sogar etwas Mitleid mit ihr. Vor vielen Jahren mußten Sally und Ruby nämlich mitansehen, wie ihre Eltern von drei entlaufenen Irren getötet wurden. Bevor es auch ihnen beiden an den Kragen gehen konnte, ergriff ihr Vater eine Kettensäge und löschte das Mördertrio mit letzter Kraft aus, bevor er seinen schweren Verletzungen erlag. Klar, daß so ein schreckliches Erlebnis unschuldige Kinderseelen entscheidend prägt. Sally greift jetzt selbst zur Kettensäge - begnügt sich manchmal aber auch mit Messer, Hammer oder diversen Utensilien aus dem Werkzeugkasten -, und ihr Bruder ist ein Transvestit, der ihr hin und wieder zur Hand geht (sehr schön: die Szene mit der Nagelpistole) und das Kochen besorgt. Wobei angedeutet wird, daß die beiden dem Kannibalismus frönen.

Technisch und schauspielerisch gesehen gibt es an Chainsaw Sally einiges zu bemängeln (der Ton ist manchmal zu leise, dann wieder zu laut, der Look ist phasenweise billig, der Schnitt ist etwas holprig, die Schauspieler in kleinen Nebenrollen sind teils grauenhaft), aber wer damit nicht klar kommt, sollte preisgünstig produzierte B-Movies sowieso generell meiden. Die Akteure und Aktricen in den Hauptrollen agieren jedoch sehr gut (besonders Mark Redfield und die hübsche Kristen Hudson sind toll), Alec Joseph gelingt es, in seiner heiklen Rolle nicht zu nerven, und in einer coolen Nebenrolle ist "The Godfather of Gore" höchstpersönlich, Herschell Gordon Lewis, zu sehen. Sallys Vater wird vom gebürtigen Isländer Gunnar "Leatherface" Hansen gegeben, und wenn er in der Flashback-Sequenz zur Kettensäge greift (nur eine von zahlreichen Anspielungen auf Tobe Hoopers The Texas Chain Saw Massacre), kann man sich eines zufriedenen Grinsens kaum erwehren. Der Soundtrack ist rockig und verdammt gut, wobei Songs von Underground-Punk/Rock-Bands wie Calabrese, The Dead Elvi, Grave Danger und Piss Ant zu hören sind. Die Spezialeffekte überzeugen nicht immer, sind aber allesamt handgemacht und recht deftig. Visuell setzt sich der ungeschliffene Streifen klar von der Konkurrenz ab, da DoP Mike Flanagan tolle Arbeit geleistet hat und ihm einige saugute Einstellungen geglückt sind. Es gibt viele In-Jokes und Hommagen, und sogar eine nette Diskussion über Batmans sexuelle Ausrichtung wird geboten. Chainsaw Sally sieht sich ja selbst nicht als Schurkin, sondern als engagierte Verbrechensbekämpferin in der Tradition von Bruce Wayne & Co. Das Ende ist sehr fies aber nur konsequent. Chainsaw Sally ist somit ein sehr gelungenes und überaus unterhaltsames B-Movie, das mir persönlich um Welten besser gefällt als Marcus Nispels seelenloses Hochglanzremake The Texas Chainsaw Massacre (2003). Denn Chainsaw Sally besticht nicht nur mit Energie, Kreativität und Charme, sondern auch mit Leidenschaft, Herz und Seele.

PS: Mit Chainsaw Sally haben die Burrils ihr Pulver noch lange nicht verschossen. Anstelle eines Sequels gab es 2010 (Staffel 1) und 2012 (Staffel 2) The Chainsaw Sally Show, die es auf insgesamt neunzehn offizielle Episoden brachte. Dazu kommen in Form des 53-Minüters It's Groundhog Day Chainsaw Sally noch eine "Special Episode" sowie diverse Kurzfilme. Darüber hinaus soll Chainsaw Sally nun auch in animierter Form ihr Wesen treiben. Chainsaw Sally: The Animated Series befindet sich zurzeit in Vorbereitung.

(*) "'Chainsaw Sally', as a character, has far, far surpassed any goals we originally had for her. She's grown from [something] made for the sole purpose of promoting our stage show to its target audience to a surprisingly popular web personality and now a surprisingly popular film personality. Never in my life did I expect to spend hours out of every week keeping up with fan mail." (April Monique Burril im Interview mit der Website Film Threat)

Details
Ähnliche Filme