Der bis dato unbekannte Joe Wright führte bei „Stolz und Vorurteil“ das erste Mal bei einem großen Kinofilm Regie. Selbst wenn der Titel hierzulande wohl den wenigsten geläufig sein dürfte, so ist die Romanvorlage von Jane Austen in Großbritannien das beliebteste Buch nach „Herr der Ringe“. Dass Frau Austen schon seit fast zweihundert Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt tut dem Absatz ihrer Bücher kaum Abbruch. Der Grund hierfür liegt vor allem in dem zeitlosen, damals zukunftsweisenden Schreibstil der Autorin, die damit die gängigen shakespeareschen Attitüden für die Zukunft konvertierte. Inhaltlich verließ sich Austen in ihren Sittenromanen meist auf einfache Kerngeschichten um das Thema Liebe, eingebettet in ein zeitgenössisches Sittengemälde um politisch benachteiligte Frauen, sowie deren Aussichten auf eine Zukunft, die nur durch Ehe und Rang bestimmt ist.
„Stolz und Vorurteil“ erzählt die Geschichte der Familie Bennet. Mrs. Bennet ist stets darum bemüht ihre fünf Töchter möglichst schnell zu verheiraten, und für die Ehe nam- oder ranghafte Männer auszuwählen. Während eines Balls nutzt die Mutter die Chance, ihre älteste Tochter Jane (Rosamunde Pike) mit dem reichen Nachbarn Mr. Bingley (Simon Woods) zu verkuppeln. Die eher unauffällige Tochter Elizabeth (Keira Knightley) hat hingegen ihr Auge auf den affektierten Mr. Darcy geworfen, welcher ebenfalls Interesse für sie hegt. Doch als ‚Lizzie’ mitbekommt, wie Mr. Darcy abfällig über sie redet, kann sie ihn nicht mehr ausstehen, und doch siegt nach vielen Irrungen und Wirrungen die Liebe…
Ganz gegenwartskonform ist die Rolle der ‚Lizzie’ zwar nicht, doch werden sich viele junge Mädchen doch eher mit Keira Knightley - der Piratenbraut in einer verdammt kandierten Rolle - eher identifizieren können, als mit den doch eher einfältigen Schwestern, die vehement kreischen und gackern, und damit dem damaligen Bild der Frau genüge tun. Gerade sie ist es, die sich über gesellschaftliche Normen stellt, diese aber keinesfalls bricht, sondern nach ihren Ansichten formt. Höflichkeitsformen sind dabei so notwendig, wie das konvenable Auftreten. Stil und Etikette sind Unentbehrlichkeiten im gesellschaftlichen Rang der landed gentry, welcher vom Adel abschätzig angesehen wird, und dass dies der einzige Weg bleibt, sich über seinen Rang und die Bestimmungen, welche mit ihm einhergehen, zu stellen.
Im Falle von Elizabeth Bennet ist die Liebe das Motiv. Die Hochzeit von Mr. Darcy ist beschlossene Sache. Er soll die Tochter der vermögenden Catherine de Burgh (Judi Dench) heiraten. Nicht die Liebe, sondern gesellschaftliche Akzeptanz ist hier Grund für die Ehelichung. ‚Lizzie’ hingegen stellt ihre eigenen Ansichten und Wünsche über ihren Stand. Für sie ist die Liebe der einzig aufrichtige Grund den Bund einer Ehe einzugehen. Die von ihrer Mutter beantragte „Vernunftshochzeit“ mit dem Pfarrer Mr. Collins (Tom Hollander) ist nichts weiter als ein Witz für sie, und sie lässt ihn abblitzen.
Insgesamt ist „Stolz und Vorurteil“ ein Plädoyer für die Selbstständigkeit der Frau, für ihr modernes Auftreten in einer Welt, die nur von Stand und Gesellschaft bestimmt wird. Im Film kommt dieser Aspekt zwar auch zur Geltung, doch ist sich Joe Wright durchaus bewusst, dass diese Themen heutzutage niemanden mehr fesseln werden. Ebenso ist er sich bewusst, dass die Vorlage auch auf narrativer Ebene über eine Vielfalt verfügt, mit der sich auch komödiantische Aspekte aus dem Sittenroman ableiten lassen können. Vielleicht mag dies auch der Grund sein, warum „Stolz und Vorurteil“ oftmals etwas naiv bezüglich der Entwicklung der Figuren wirkt. ‚Lizzie’ mag in dieser Welt modern, frech und äußerst intelligent sein, und letztlich wird sie doch nur von der Liebe geleitet. Romantische Gemüter werden den Film darum lieben, doch umgekehrt ist der Film nicht besser als „Bridget Jones“ und Konsorten (welcher im Übrigen auch auf Austens Vorlage basiert). Und wenn Mr. Right alias Mr. Darcy mit halb geöffnetem Hemd zum Schluss bei Dario Marianellis opulentem Score auf einer nebelverhangenen Wiese zu seiner Geliebten schreitet, dann siegt doch der Kitsch über die erzählerische Finesse.