Aus der Sparte „Dem Vergessen entrissen“ präsentiere ich mit „Symptoms“ mal wieder einen Film, dem ein zunehmender Bekanntheitsgrad einiges an kontroversen Wertungen bescheren würde.
Aber lassen wir die Umstände doch gleich für sich sprechen: eine belgisch-britische Co-Produktion eines „leisen“ Horrorfilms in der Tradition von Polanskis „Repulsion“, gedreht von dem spanischen Exploitationregisseur José Ramón Larraz, der es damit schaffte, sich einen Startplatz beim Cannes Film Festival zu ergattern.
1974 gedreht, 1983 zuletzt ausgestrahlt und dann für verschollen gehalten, bis man ihn 2016 wieder ins Licht der Öffentlichkeit zerrte, der BFI sei Dank.
Ich weiß nicht, wieviel Splatter und wie viele blanke Möpse Larraz im Laufe seiner Karriere so auf Zelluloid gebannt hat, aber hiermit hat er sich sein intimstes Werk geschaffen. Es bleibt über seine volle Laufzeit nebulös, verweigert sich Erklärungen und Deutungen und fasziniert durch sein äußerliches wie innerliches Herbstzeitgefühl, eine isolierte Endzeit im Herzen.
Man könnte auch sagen, das Filmchen ist stinklangweilig, weil meistens gar nichts passiert, während sich die Figuren recht begrenzte Sätzchen zuhauchen, aber das hängt vom Rezensenten ab.
Aber lassen wir uns ruhig vom Plot in die Irre führen, wenn die eher introvertierte Helen (Angela Pleasence, die Tochter von Donald) ihre neue und hochgradig schicke neue Freundin Anne (Lorna Heilbron) in ihr abgelegenes Landhaus einlädt. Die Stimmung ist still, ein wenig trüb und regnerisch und die Frauen scheinen gar nicht zusammen zu passen. Im Haus sind überall Bilder von Helens Freundin Cora verteilt, die jetzt wohl verschwunden ist. Draußen läuft und schippert derweil Hausmeister und Caretaker Brady herum, den Helen nun gar nicht ausstehen kann.
Nebenbei hat Anne aber auch noch einen Freund namens John, der sie am liebsten abholen würde, aber Anne findet die Idee wegen Helen nicht so dolle. Das bekommt sie nach einem Kurztrip ins Dorf auch zu spüren, denn Helen hat da schon Verlustängste. Und nächtens hört Anne dann Gescharre vom Dachboden und geht mal nachsehen…was sie besser nicht getan hätte…
Nichts führt so sehr in die Irre bei „Symptoms“ wie die Versuchung, die komplette Inhaltsangabe zu lesen, denn die täuscht einen Grad an Action und Horrorgehalt vor, den dieses immer kurz vor dem Überwintern stehende Psychodrama, praktisch nur für ein paar Minuten gegen Ende erreicht.
Stattdessen geht dem Publikum die Deutungshoheit über die Bilder verloren: eine Leiche scheint im Teich zu dümpeln, fällt dort aber dem Hausmeister mehrfach nicht auf; Anne lässt sich von fadenscheinigen Infos bezüglich Cora überzeugen und übersieht großzügig, dass ihre devote Gastgeberin mit der gehauchten Bittstimme schwer einen an der Waffel hat. Sogar das Motiv der Ereignisse, welches praktisch mit dem Schlussbild dem Zuschauer präsentiert wird, bleibt fragwürdig, da nicht geklärt werden kann, ob es sich um eine Erinnerung oder um eine Phantasie handelt.
Was hier Traum, Wirklichkeit oder Wahn ist, wird nie ganz geklärt, es wird aber auch nichts phantastisch verklärt.
Fakt ist aber, man muss sich in Geduld üben: in der ersten halben Stunde suhlt sich Larraz in seinen mal schicken, mal trüben, mal zauberhaften Landschafts- und Innendekoraufnahmen, ohne dass wirklich irgendetwas passiert, was einer Erwähnung wert wäre. Man kniet geradezu nieder für kurze Inserts mit Nebenfiguren und betreibt das manische Aufsammeln erzählerischer Krümelchen, die aber nicht sonderlich ergiebig sind.
Wie schon erwähnt, gibt es gewisse Parallelen zu Polanskis „Ekel“, doch da war wenigstens analysierbar, warum eine junge Frau sich isoliert und mit dem Rasiermesser auf „Verehrer“ losgeht, während die Geschehnisse hier ein totales Rätsel bleiben.
Darum führt auch der Titel in die Irre, denn tatsächlich klar auszumachende „Anzeichen“ oder „Merkmale“ für das Geschehen gibt das Skript nicht her, dafür erlaubt die Verschlüsselung praktisch jede Interpretation in alle Richtungen. Oder wenn man sich dessen sowieso lieber verweigert: man kann auch in den morbide-wundervollen Herbstbildern einer offenbar butterweichen Psychostudie schwelgen, die sich wie ein fragiles Stilleben vor dem Zuschauer ausbreitet, um dann aus dem Nichts innerhalb der totalen Isolation kurzfristig auszuklinken.
Wo Polanski auf beängstigende Verfremdung der Wahrnehmung setzte, beharrt Jarrez auf seinem Naturalismus, der wiederum in der Kulisse eines klassischen britischen Landhaushorrors stattfindet.
Ein Film wie eine behutsam in Zeitlupe schleichende und immer wieder inne haltende Katze, die dann zwischendurch mal aus dem Stand auf den Schrank springt. Streicheln hilft, Tier kratzt aber trotzdem (7,5/10)