„Hinein ins Grüne!“
Seinen Fernsehfilm „Die Polizistin“ aus dem Jahre 2000 inszenierte der deutsche Regisseur Andreas Dresen („Nachtgestalten“) nach einem Drehbuch Laila Stielers. Das Kriminaldrama verfolgt einen betont realistischen Stil.
„Ist das eine Scheiße!“
Die 27-jährige Anne (Gabriela Maria Schmeide, „Halbe Treppe“) ist frischgebackene Polizistin und kommt aus Brandenburg zu ihrer Dienststelle im Rostocker Stadtteil Lütten Klein. Die alleinstehende Frau verguckt sich sowohl in ihren Kollegen Mike (Axel Prahl, „Nachtgestalten“) als auch in den russischstämmigen Dieb Jegor (Yevgeni Sitokhin, „Tatort: Russisches Roulette“), dessen bei seiner Mutter und deren neuem Lebensgefährten lebenden zehnjährigem Sohn Benny (Paul Grubba) sie zu helfen versucht – und mehr als einmal die Grenzen zwischen Polizeidienst und Arbeit derart überschreitet, dass beides darunter leidet.
Seit „Herr Wichmann von der CDU“ und insbesondere „Als wir träumten“ hat Dresen einen Stein bei mir im Brett. Insofern war ich auf seine Sicht auf eine junge Polizistin inmitten Rostocker Plattenbauten gespannt. Zu Bildern dieser sinniert sie zu Beginn aus dem Off, bevor sie ihren ersten Tag im Dienst antritt. Mit seinen natürlichen Lichtquellen, seinem 16-mm-Material und seiner Handkamera mutet der Film bewusst weniger spielfilmisch als vielmehr dokumentarisch an. Anne landet in ihrem ersten Einsatz zusammen mit Mike unvermittelt in der Wohnung eines lauthals streitenden Paars. Die Mutter von zwei Kindern trinkt und scheint zudem tablettenabhängig zu sein. Einfühlsam unterhält sie sich mit dem Sohn Benny und nimmt persönlichen Anteil an dessen Schicksal. Als nächstes wartet ein Verkehrsunfall mit Blechschaden. Dem anatolischen Imbiss, in dem Mike seinen täglichen Döner zu genießen pflegt, werden ständig die Fenster eingeworfen. Die einzige Dusche des Polizeireviers muss sie sich mit den Kollegen teilen, wobei sie auch keine falsche Scheu zeigt. In weiteren Einsätzen muss eine verwirrte Seniorin zurück ins Pflegeheim gebracht werden, rückt man zu einer Ruhestörung durch eine trinkende Gesellschaft in einer Wohnung aus und dilettiert beim Überbringen einer Todesnachricht, zudem wird ein deutschrussischer Dieb verhaftet.
Lütten Klein ist, wie der Name schon sagt, ziemlich lütt, und so begegnet Anne beim privaten Lebensmitteleinkauf Benny wieder – bzw. erwischt sie ihn vielmehr beim Ladendiebstahl. Als nachts ein Obdachloser aus einem Bankvorraum vertrieben werden soll, wird dieser frech und daraufhin von Albert (Horst Krause, „Wir können auch anders...“), mit dem Anne gerade Streife fährt, brutal misshandelt. Auf der Wache eskalieren Täterin und Opfer eines Beischlafdiebstahls, Anne leibesvisitiert die völlig aufgelöste Elendsprostituierte. Aufgrund seines Auftretens wünscht man aber eher ihrem Freier die Pest an den Hals. Immer wieder begegnet Anne Benny, dem sie irgendwie zu helfen versucht, während er immer mehr zu verwahrlosen scheint.
Problematisch wird’s, als sie – nachdem sie den verheirateten Mike versetzt hat – sich für den deutschrussischen Dieb Jegor zu interessieren beginnt, der sich als Bennys leiblicher Vater entpuppt. Das Band zwischen Bennys Mutter und Jarge ist zerschnitten, unter anderem, weil Jarge keinen Unterhalt zahle. Die Mutter hat ein typisches Wendeschicksal als Kreuz zu tragen. Die zunehmend unter Einsamkeit leidende Anne verführt Jarge und steigt dann auch doch noch mit Mike in die Kiste. Doch dadurch ändert sich nichts: Weder erlangt sie mehr Zugriff auf Benny noch schwört Jarge der Kriminalität ab. Und schon gar nicht findet sie eine Liebesbeziehung. Dafür reitet sie sich immer weiter rein.
Die etwas irritierend nicht mit einem Knalleffekt oder einer als solche zu bezeichnenden Pointe endende Geschichte vermittelt einen realistisch rauen Eindruck Rostocks und ebensolche Einblicke in den Bullenalltag, der wenig aufregend ist und viel mit sozialer Not zu tun – an der die Polizei nichts ändern kann und auch gar nicht will. Dies einzusehen und zu akzeptieren fällt Anne schwer, sie scheint zu sensibel für diesen Beruf zu sein. So ist „Die Polizistin“ eine Mischung aus Milieustudie und Psychogramm, die schauspielerisch hervorragend gelungen ist (kaum zu glauben, dass es sich um Gabriela Maria Schmeides Debüt handelt, Axel Prahl spielt seine Rolle mit erfrischender norddeutscher Schnoddrigkeit), sich im letzten Drittel aber ein wenig zu sehr in ihren etwas konstruiert anmutenden Konflikten verliert, die durch das offene Ende auch nicht wirklich aufgelöst werden. So oder so beweist Dresen auch „Die Polizistin“ sein Näschen für weitestgehend authentisch anmutende Geschichten, die wenig beachtete gesellschaftliche Randbereiche beleuchten – und dabei ernstnehmen.
Und so, wie der Film mit Annes Stimme aus dem Off begann, schließt er auch.