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Sid Haig sagte in einem Interview, das man Rob Zombies 2002 verfilmten Erstling „Haus der 1000 Leichen" entweder nur lieben oder nur hassen könne. Nun - ich war da etwas anderer Meinung. Klar, es war sein erster Film, eine gewisse Nachsicht für Mittelmaß, das vor allem durch das Fehlen einer eigenen Identität des Films herrührte, konnte ich da durchaus aufbringen. Aber das Verknüpfen von krankhaften Bildern mit, zugegebener weise, recht durchgeknallten Charakteren, macht so noch kein stimmiges Ganzes. Zu unmotiviert schlachtete Rob Zombie noch in seinem Erstling alles das aus, was in Tobe Hoopers „The Texas Cainsaw Massacre" gut und grausig war. Das kann man dann zwar eine Hommage nennen, aber es wirkte alles doch noch zu aufgesetzt, zu offensichtlich und ließ das gewisse Feintuning und vor allem das Wichtigste - die eigene Note - vermissen. In Erinnerung an Rob Zombies ersten Teil, waren meine Erwartungen an die Fortsetzung auf ein Minimum reduziert, ist doch eine Fortsetzung selten besser als der erste Teil. Außerdem schien es ja kein Grund für Zombie zu geben Wesentliches an seiner Art der Filmerei zu verändern, gar zu verbessern, da ja seine Fangemeinde scheinbar hellauf begeistert von „Haus der 1000 Leichen" war. Hier jedoch habe ich mich geirrt. Rob Zombie hat in dieser Fortsetzung, die gut auch ohne die Existenz des ersten Teils hätte verfilmt werden könnte, einen ganz anderen eigenständigen Film geschaffen, der diesmal genau reichlich von dem hat, von dem es im ersten Teil meiner Meinung nach so haperte: Atmosphäre, Identifikation mit den Charakteren und eine gewisse Eigenständigkeit. Wenn ich „The Devil's Rejects" mit „Haus der 1000 Leichen" vergleiche, so kann letzterer höchsten als eine Einführung der Charaktere dienen, wodurch er im Nachhinein sogar noch eine gewisse Aufwertung erfährt. Wenden wir uns jetzt aber „The Devil's Rejects" zu:
Wir befinden uns im Jahr 1978 in Ruggsville County / Texas. Sheriff John Quincey Wydell (William Forsythe), Bruder des im ersten Teil von einer Killerfamilie („The Devil's Rejects") ermordeten Sheriff George Wydell stürmt mit seinen Leuten eine verfallene Farm. Es werden umfangreiche Beweismaterialien sichergestellt. Ich verrate aber nicht zuviel, wenn ich schon hier anmerken muss, dass Wydell alles andere als den Rechtsstaat im Sinn hat. Es handelt sich hierbei um einen persönlichen Rachefeldzug. Der Kleinkrieg den sich die mordende Familie mit der Staatsgewalt liefert bietet hier gleich zu Anfang einen spektakulären Höhepunkt des Films. Einen Höhepunkt freilich, den die Familie nicht undezimiert überstehen kann. Während Mother Firefly (Leslie Easterbrook) gefangen genommen wird und ein weiteres Familienmitglied im Kugelhagel das Zeitliche segnet, gelingt den Geschwistern Otis (Bill Moseley) und Baby (Sheri Moon Zombie) die Flucht. ihr Daddy, der Clown „Captain Spaulding" (Sid Haig) soll schon bald der dritte im Bunde sein. Von nun an zieht das unselige Trio ihre blutige Spur durch Texas. In einem kleinen schäbigen Motel soll der Treffpunkt sein. Es ist dann die Country-Band um den Leadsänger Roy Sullivan (Geoffrey Lewis) und seiner Frau Gloria (Priscilla Barnes), die Bekanntschaft mit dem durchgeknallten Geschwisterpaar macht, während gewisse Ereignisse dazu führen, dass Captain Spaulding mit Verspätung zum konspirativen Treffpunkt erscheint. Als er eintrifft, ist von der Band nicht mehr viel übrig. Da die Drei wissen, dass sie die Meistgesuchtesten Verbrecher in Texas sind, versuchen sie bei dem befreundeten Zuhälter Charlie (Ken Foree) unterzutauchen. Wie sich später rausstellen soll, ein Fehler, denn Charlie ist käuflich und er soll sich nicht unbedingt als loyaler Partner erweisen. Unterdessen ist Sheriff Wydell dem Trio dicht auf der Spur und der geneigte Filmfreund fühlt sich an Robert De Niro in „Taxi Driver" erinnert, als der Sheriff vor einem Spiegel Selbstgespräche führt und ihm das ganze Chaos seiner kaputten Seele offenbart. Erst jetzt zeichnet sich ab, dass es keine großen moralischen Unterschiede zwischen beiden Fronten gibt und es beginnen die Grenzen zwischen Gut und Böse, Moral und Doppelmoral zu verwischen. Als dann der Sheriff mit Hilfe des redseligen Zuhälters und einem abgewirtschafteten, zwielichtigen Killerduos - Rondo (der kultige Danny Trejo, z.B. mexikanischer Barkeeper in „From Dusk Dawn") und Billy Ray Snapper (Dallas Page, eine tolle Hackfresse! Wo hat man den so lange versteckt ?), dem Mördertrio direkt gegenübersteht. Und Wydell soll glück haben, scheint es doch so, als ob er die Drei auf dem falschen Fuß erwischt hat, haben sie sich doch zu sehr mit Drogen einlullen lassen, ohne noch in der Lage zu sein, den sich überschlagenden Ereignissen folgen zu können. Sheriff Wydell will hier aber keinen kurzen Prozess. Er will diese unglückselige Familie leiden sehen. Sheriff Wydell schreitet zur Folter und der Wahnsinn springt ihm dabei aus dem Gesicht. Das Blut soll nur so spritzen, was der Sheriff jedoch vermisst, ist Demut, scheinen die drei sich doch noch selbst in ihrer schwärzesten Stunde, nicht bereit zu erklären zu betteln und zu winseln. Vielmehr ist es eine art Galgenhumor, vielleicht ist das auch der Grund, warum sie nie unsympathisch wirken, die den Sheriff zum Äußersten treibt. Und genau hier ist Wydells Schwachpunkt:
Sich als Sieger fühlend, will er sein makaberes Spiel bis auf die Spitze treiben und wird dabei leichtsinnig. Familie Firefly jedoch bestraft solche Nachlässigkeiten rigoros. Sheriff John Quincey Wydell muss das Schicksal seines Bruders teilen. Es gab im Film sogar Punkte, wo der Sheriff vielleicht sogar in der Beliebtheitsskala des Publikums vor der Familie Firefly stand. Vielleicht war er zu niederträchtig und vielleicht war die Familie in ihrer abgrundtiefen Boshaftigkeit zu ehrlich, fast zu naiv, und so kehren sich dann die Vorzeichen um und der Zuschauer wechselt die Fronten. Ab auf die ehrliche, aber böse Seite und weg von der halbseidenen, doppelmoraligen Staatsgewalt - Radikalität in ihrer reinsten Form. Das Ende ist schon jetzt fast Filmgeschichte, als die Blutüberströmten im blauen Cabrio auf eine Armee hochmilitarisierter Staatsdiener zufährt und mit letzter Kraft losfeuert, was das Zeug hält. Eine Konfrontation, die sie nicht überleben können. Oder vielleicht doch? Offiziell Tot sind sie nicht und die Phantasie der Filmemacher müsste sich schon gewaltig anstrengen, um weitere Teile aus dem Ärmel zu schütteln. Vielleicht hat sich hier Rob Zombie noch eine gewisse Option offen gelassen, aber er müsste sich schon gut überlegen, ob ein dritter Teil das alles noch toppen kann. Lieber sollte er im Zweifelsfall was Neues aushecken, denn dass er eigene Ideen umsetzen kann, hat er hier sehr eindrucksvoll bewiesen. Am Ende will ich auch noch auf den tollen Soundtrack hinweisen, der mitgeholfen hat, dass dieser zweite Teil um Welten besser war, als der mittelmäßige erste Teil. Unbedingt muss man auch die ganzen Charakterköpfe erwähnen, die hier in kurzen Nebenhandlungssträngen ihr Können bewiesen. Wo Rob Zombie die alle aufgelesen hat, ist mir ein Rätsel. Erwähnt sei hier Tiny, der auch schon in „Haus der 1000 Leichen" mitspielte. Er stand im Guinessbuch der Rekord, als der Mann mit den größten Füßen. „Big Food" verstarb am 9 August 2005. Er wurde 32 Jahre alt und war 2,29 groß. Im Film gehörte er zur Familie Firefly. In Ausweglosen Situationen spielte er den Retter, der aus dem Nichts kam.

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