"Suburbia“ meets „American Beauty“ in „Glück in kleinen Dosen“, einem kleinen und feinen Film über die moderne Entfremdung von Erwachsenen und Jugendlichen in einem beliebigen amerikanischen Vorort.
Ein gutes Dutzend Schicksale überschneiden sich in Arie Posins zweitem Film, verknüpfen sich und trennen sich wieder im Laufe von gut drei Tagen.
Dabei teilt sich der Cast in zwei Hälften, die jungen Leute und die Erwachsenen. Dreh- und Angelpunkt sind Pillen, egal in welcher Form, doch sie sind nur das Mittel, das die Dinge in Bewegung setzt.
Im Zentrum steht der junge Dean, dessen Freund und Schuldrogendealer Nr.1 sich überraschend am Anfang das Leben nimmt. Selbst von den „happy pills“ abhängig, will Dean eigentlich nur für sich sein, während sein Vorrat zuende geht.
Doch mit der Ruhe ist es bald vorbei: Troys Zwischenhändler und beste Kunden wollen dessen Vorräte über Dean ausgeliefert wissen, doch der hat mit der Sache nichts zu tun.
Als Druckmittel wollen sie Deans Bruder Sean entführen, greifen sich aber versehentlich einen anderen Sean, den Sohn der Architektin Terri Bratley, die gerade den Bürgermeister ehelichen will und bis zum Hals in Vorbereitungen steckt, weswegen sie die Abwesenheit ihres Sohnes auch nicht registriert.
Während Deans Mutter selbst dabei ist, Pillen zu verkaufen, allerdings eine bunte Vitaminkur und sein Vater und Psychologe an Dean seine Methoden übt (und ihm neue Vorräte verschafft), will Dean aus der Angelegenheit nur raus. Während Troys Mutter langsam durchdreht und der Bürgermeister im Gegensatz zu seiner künftigen Frau tatsächlich eine Epiphanie hat…
„The Chumscrubber“ ist wirklich ein plotlastiger Film, man muß ihn sehen, um ihn einschätzen zu können. Der Titel entstammt einem im Film gespielten Videogame, in dem nach dem Atomschlag ein Kopfloser in einer Zombiegesellschaft aufräumt, während er sein Haupt stets mit sich herumschlägt.
Dieses Spiel ist eine Metapher für die tatsächliche Vorstadt, in der es niemanden mehr zu geben scheint, der sich oder seine Umwelt wirklich wahr nimmt, eine Hölle der nur für sich lebenden Toten. Das wird am deutlichsten auf der Odyssee der Entführer, die durch ihre drei Heime führt.
Die scheinbar taktierende Crystal steht im ewigen Kampf mit ihrer alternden Mutter, die nur im Kopf hat, dass ihre Tochter zunimmt, damit sie wieder schlanker wirkt, während die Jungen sie lüstern begaffen. Die nächste Station, die des latent psychopathischen Billy, ist ein frauenloses Heim einer zerrütteten Ehe, der Vater entpuppt sich emotional mitgenommen, existiert aber in Extremsituationen noch als dominante Instanz. Bei dem jungen Lee sind jedwede Emotionen in der klassischen Familiensituation verloren gegangen. Der Vater apelliert an die nirgends sichtbare Vernunft, die Mutter strahlt ahnungslose Besorgtheit aus, es gibt keine echten menschlichen Berührungspunkte.
Wie sehr hier alle am Ende sind, scheint nur langsam aber sicher los und jedem im umfangreichen Cast wird minimum eine gute Szene gegönnt, die diese Abgründe sichtbar machen.
Der Ton ist dabei ironisch gebrochen, manchmal geradezu grotesk realitätsnah, obwohl sich die Bedrohung durch die Entführung immer mehr steigert.
Einen Ausweg aus dieser Lage gibt es nicht definitiv, schließlich muß sich Dean zum Fühlen und Handeln zwingen, während in einer morbiden Parallelmontage auf der einen Straßenseite eine Trauerfeier für seinen Freund stattfindet und gegenüber die Hochzeit angegangen wird.
Stets hat man das Gefühl, dass das auch alles übel enden könnte und diese Unsicherheit, diese Schwebe ist das Beste, was „The Chumscrubber“ zu bieten hat.
Auf der negativen Seite fehlt hier bei all den flüssig in den Ring geworfenen Handlungssträngen ausnahmsweise mal ein begleitender Off-Kommentar, der dem Geschehen so etwas wie einen Rahmen gibt – was allerdings die wirksame Unsicherheit zur Folge hat.
Ansehnliche Stargesichter geben hier hervorragende Leistungen zum Besten, besonders Glenn Close (die fast alle ihre Szenen solo spielen muß und bis auf einmal keinen echten Kontakt zu Figuren zu haben scheint) wirkt in ihrer Schlichtheit irritierend.
Größter Negativpunkt in dem sonst stringent durchkomponierten Ganzen ist leider die Schlußcollage, die leider noch zeigen will, was aus den Charakteren geworden ist, sei es zum Guten oder zum Schlechten, ein betont ironischer Anstrich mit Tendenzen zu einem Happy End für einige Beteiligte, für das es im Film keine Basis gibt.
Insgesamt eine bittere und dennoch hochinteressante Geschichte, deren Ansicht sich rundum lohnt (7,5/10)