David Niven gehörte zu einer Garde von Schauspielern, die in einer Tradition urtümlicher Schaustellerei standen, wie es sie inzwischen vielleicht nicht mehr gibt. Seine Stärke lag nicht gerade darin, den Zeitgeist abzubilden oder gar die Zukunft auszumalen. Er stellte lediglich nach, was auch ohne sein direktes Mitwirken längst zum Konsens geronnen war. Bei ihm ging es weniger um Innovation als vielmehr um Wiedererkennung von Altbekanntem und dessen lustvolle Verzerrung. Wer ihn mitsamt seiner verdutzten blauen Kulleraugen, seines altmodischen Oberlippenbarts und seiner Gesichtsbügelfalten als Darsteller engagierte, hatte wohl vor allem eine Parodie auf Vergangenes im Sinn.
Wann immer die Figur des Grafen Dracula als Ziel solcher Parodien auserkoren war, hatte Christopher Lee höchstselbst dafür längst den Weg geebnet. Nicht nur waren die Fortsetzungen seiner Paraderolle aus „Dracula“ (1958) mit der Zeit zu einer Parodie ihrer selbst geraten, nein, Lee forderte die Selbstverballhornung auch ganz direkt heraus, zum Beispiel durch seinen Cameo in Jerry Lewis’ Komödie „Die Pechvögel“ (1970). Überhaupt war Dracula als Zielscheibe postmoderner Schießwut bereits komplett durchlöchert, bevor Niven auch nur in die Nähe von Cape und Plastikgebiss gelangen konnte. Spätestens nach der Pigmentbehandlung im Blaxploitation-Horror-Mix „Blacula“ (1972) war der einst so leichenblasse, an starre Regeln geheftete Vampirfürst endgültig zu einem Aushängeschild transkulturellen Filmemachens geraten. Ein früher Repräsentant zerfließender Identität sozusagen, die weit über die zweigleisige Verwandlung vom Menschen zur Fledermaus und wieder zurück hinausreichte.
Kurzum: „Vampira“ ist offensichtlich viel zu spät dran mit seinem knitterigen Dracula der alten Schule. Béla Lugosis Abbild mit Frack und Medaille in einen Spiegel zu bannen und dann an den Proportionen zu rupfen, erscheint selbst für 1974 wie ein Plan von vorgestern. Der melancholische Schlossherr, der mit seinem Bediensteten ohne Punkt und Komma Worttennis spielt, wirkt dermaßen altbacken, dass selbst das Einschalten des elektrischen Lichts zum schrulligen Witz gerät, wie ihn genauso gut George Jetson in Fred Feuersteins Höhle hätte reißen können. Und dann, ja, dann wird die im Tiefschlaf verweilende Geliebte per Bluttransfusion ins Leben zurückgerufen und verwandelt sich ausgerechnet in eine Dunkelhäutige. Schockschwerenot!
Als der Graf sie beäugt wie einen gruseligen Hausgeist unter einem schwarzen Bettlaken, da wird jeglicher Fortschritt der vergangenen Jahre praktisch revidiert. Nach „Blacula“ ist das beinahe so, als hätte man den ollen Latex-Fliegenkopf aus „Die Fliege“ (1958) nochmal für einen neuen Einsatz entstaubt – NACH dem Remake von David Cronenberg, wohlgemerkt.
Offener Rassismus ist „Vampira“ ab diesem Moment schnell vorgeworfen, denn wenn zwei alte Fürze mit den Charaktereigenschaften angestaubter Möbelstücke aus dem 19. Jahrhundert die grazile Teresa Graves mit einem Ausdruck unterdrückter Abscheu mustern, dann ist man doch recht gespannt, wie sich der Film aus dieser Sackgasse der Geschmacklosigkeit wieder zu befreien gedenkt.
Aber natürlich ist gerade das Eingesessene und Verbohrte als Stilmittel beabsichtigt. In den USA vermarktet unter dem Alternativtitel „Old Dracula“, lag die Strategie darin, sich als Kontrastprogramm an die Fersen von Mel Brooks’ Spoof-Comedy „Young Frankenstein“ zu heften. Man darf also doch annehmen, dass all die schweren Relikte aus alten Zeiten nur deshalb so mühsam aufgerichtet wurden, um sie schließlich wie Hindernisse überwinden zu können – Kreuze, Knoblauchzehen und Rassismus inbegriffen.
Und man muss Clive Donner schon zugestehen: So ranzig er den ersten Akt im Schloss auch inszeniert, die Heiterkeit, mit der David Niven seinen Untoten demontiert, ist in dieser Phase des Films durchaus ansteckend. Im Zusammenspiel mit seinem Co-Star Peter Bayliss ergeben sich einige Gags dieser Sorte, über die man nicht lachen will, aber muss, und die Sequenz in einem wirklich schick ausgestatteten Speisesaal mit Orgelspiel, Donnergrollen und haufenweise Gadgets gibt schon mal einen genüsslichen Vorgeschmack auf Nivens nahenden Murder-Mystery-Comedy-Klassiker „Eine Leiche zum Dessert“ (1976). Das etwas hölzerne Spiel von Teresa Graves hat man bei all ihren optischen Vorzügen zwar sehr schnell als Störfaktor ausgemacht, ansonsten scheint sich zu diesem Zeitpunkt aber eine beherzte Abrechnung mit dem Status Quo Ante anzubahnen. Auf britische Art wird hier Ähnliches zu erreichen versucht, wie es die amerikanische Blaxploitation-Welle vorgemacht hatte: Dem weißen Etablissement einen Arschtritt zu verpassen, bis der Stock, in diesem Fall wohl eher der Pfahl, oben wieder rauskommt.
Kaum hat Dracula jedoch sein Domizil verlassen, fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Wo Niven als Graf von Gestern mit der Londoner Großstadt interagiert, wirkt er immerzu so, als habe die Fledermaus in ihm den Zugriff auf die Navigationskarte verloren. Der angestrebte Culture Clash entwickelt keinerlei Durchschlagskraft, auch weil sich Dracula lediglich wie ein Schatten durch die Kulissen bewegt; in den Etagen eines Parkhauses etwa, im Getümmel einer Party oder auf der äußeren Seite des Fensters eines Hochhauses. Bei den Spezialeffekten wird man von den drei bis vier Jahrzehnte älteren Universal-Horror-Klassikern regelrecht vorgeführt; inzwischen muss man sich mit einer Schnittmontage begnügen, bei der Niven gegen die Großaufnahme eines Flughundes ausgetauscht wird. Der Handlungsbogen um Nebendarsteller Nicky Henson, der als eine Art Renfield ausgesandt wird, um für seinen Boss mit falschen Zähnen das Blut weißer Frauen zu sammeln, führt auch zu wenig mehr als ein wenig Pillow Talk in bieder eingerichteten Schlafzimmern, die ebenso wie der Film selbst mit Tapeten aus den vergangenen Jahrzehnten ausgestattet sind.
Interessante Entwicklungen ergeben sich in dieser Phase allenfalls noch bei Titelfigur Vampira. Die entledigt sich nämlich unbemerkt der Ketten ihrer Ehe und findet Gefallen am selbstbestimmten Leben in Londoner Clubs und Betten, nachdem sie ihre neue Hautfarbe im Gegensatz zu ihrem Gatten ohnehin sofort mit offenen Armen empfangen hatte. Bedauerlicherweise findet diese einzig nennenswerte Transformation des Films stets eher am Rande statt, während im Vordergrund weiter der Graf und seine Gehilfen durch ihre zwecklose Mission zappeln. Es hätte aber wohl einer Darstellerin mit mehr Ausdruck bedurft, um diesen Aspekten mehr Tiefe zu geben.
So verfehlt Clive Donner bei allen Anstrengungen schließlich das Ziel, das Altmodische und mit ihm das Rassistische zu überwinden. Mehr noch, mit seiner finalen Pointe steckt er noch tiefer im Schlamassel als zu Beginn des Films, wird doch hier auf ein heute ausdrücklich verpöntes Stilmittel des klassischen Theaters zurückgegriffen. Dies natürlich augenzwinkernd in Unschuld badend. Doch zeigt sich Donner ratlos, die letzte schrille Enthüllung auf einer subversiven Ebene zielführend aufzubrechen, weil die Aussage uneindeutig bleibt, auch aufgrund der fahrigen Struktur des Drehbuchs, das spätestens nach Verlassen des Schlosses einen konkreten Masterplan vermissen lässt.
Natürlich war „Vampira“ nicht der Letzte seiner Art. Wiederum Lee in „Die Herren Dracula“ (1976), George Hamilton in „Liebe auf den ersten Biss“ (1979), Duncan Regehr in „The Monster Squad“ (1987), schließlich auch noch einmal Mel Brooks, der Leslie Nielsen im vorläufigen Schlusspunkt „Dracula – Tot aber glücklich“ (1995) ein letztes Mal Spinnweben aufhängen ließ… Noch bis in die 90er hinein folgten Parodien, die oft nicht weniger rückwärtsgewandt agierten als „Vampira“, zumal noch mehr Zeit zwischen ihnen und den Ursprüngen verstrichen war. In nur wenigen Vampirkomödien, wie Polanskis „Tanz der Vampire“ (1967), pulsierte überhaupt eine progressive Ader. Aber es hat seinen Grund, dass „Vampira“ mehr noch als seine Nachkommen so völlig aus der Zeit gefallen scheint. Er strebt diese Wirkung nämlich ganz gezielt an, versäumt es dann aber, sie so radikal zu brechen, wie er es eigentlich tun müsste. Als Ergebnis bleibt eine seichte Komödie mit dezentem Beigeschmack zurück, deren Versuche, sich von den Altlasten freizustrampeln, zum Alibi verkommen. David Niven kümmert das alles nicht; er ist der Dracula, der er zu jeder Zeit an jedem Ort gewesen wäre. Erst recht gilt das aber für Teresa Graves: Während der Abspann läuft, tanzt sie unbeschwert zu zeitgenössischer Musik; genauso, wie sie es vor ihrer Erweckung 50 Jahre früher getan hätte. Oder heute.