„Piggy Banks“ (2005) wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit viele von einer fehlerhaften Erwartungshaltung geleitete Zuschauer auf dem falschen Fuß erwischen: Die Cover-Gestaltung, Inhaltsangabe und gewählten Taglines (wie „where Blood spills, Cash flows“ oder „Life is cheap, Death is profitable“) erwecken nämlich den Eindruck, es würde sich hierbei um einen blutrünstig-reißerischen Serienkiller-Streifen handeln – doch dem ist keinesfalls so, denn stattdessen entpuppt sich dieser Indie als ein ruhiges wie düsteres Psycho-Drama, das einen erfreulich anderen Pfad beschreitet, als einem die Vermarktung im Vorfeld glauben lassen möchte. In den USA wurde der Titel sogar anlässlich der DVD-Veröffentlichung in „Born Killers“ geändert…
Nach dem Tod ihrer Mutter, mit welchem sie sich in ihrer Kindheit konfrontiert sahen, wurden die beiden Brüder Michael und John Vanderslip von ihrem nach neun Jahren zu ihnen zurückkehrenden Vater (Tom Sizemore) aufgezogen – einem mehrfachen Raub-Mörder, der ihnen regelmäßig nicht ganz neuwertige Geschenke überreichte, auf denen gelegentlich noch die verewigten Namen der unglückseligen Vorbesitzer zu finden waren. Gemeinsam zogen sie fortan durchs Land, nisteten sich stets in irgendwelche Häuser ein, deren Eigentümer man sich kurzerhand entledigte. Seinen Nachwuchs formte Dad dabei gemäß seiner eigenen brutalen Philosophie, die er ihnen nachhaltig einprägte sowie tagtäglich vorlebte: Menschen seien wie „Piggy Banks“, also Sparschweine – wenn man etwas benötigen würde, wie zum Beispiel Geld, Lebensmittel oder eine Unterkunft, müsse man nur einen von ihnen „aufschlagen“ und den vorgefundenen „Inhalt“ entsprechend nutzen…
Heute sind beide in ihren 20ern und handeln getreu ihrer „Erziehung“: Ein Leben ist ihnen nichts wert, das Töten wurde für sie inzwischen zur Routine – sie kennen es ja nicht anders. Seit ihr Vater vor einigen Monaten allein zu einem seiner Trips aufbrach und nicht mehr zurückkehrte, reisen sie zu zweit, amüsieren sich gern im Vorfeld mit den vorwiegend weiblichen Opfern, die dank ihres Charmes und guten Aussehens schnell zu einer leichten Beute werden. Während Michael (Gabriel Mann) impulsiv handelt, direkte Kontakte sucht und zum Teil sichtliches Vergnügen an den Taten findet, ist John (Jake Muxworthy) abschätzender, distanzierter, meidet das Risiko und mordet „nur wenn nötig“, ihnen also das Geld ausgegangen ist oder so. Eines Tages treffen sie auf ein Mädel namens Archer (Kelli Garner), welches angesichts ihrer freigeistigen Charakterbeschaffenheit etwas in beiden erweckt, das ihnen bis dato fremd war. Obgleich sie sie dennoch töten, hat diese Begegnung speziell in John ungewohnte Emotionen sowie prüfende und vergleichende Nachgedanken erkeimen lassen, worauf es wenig später zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Michael kommt, in deren Rahmen er ihn erschießt…
Per Zufall entdeckt er einige Zeit darauf verschiedene von seinem Bruder im Kofferraum ihres Wagens versteckte Schriftstücke, aus denen hervorgeht, dass Michael scheinbar heimlich Kontakt zu ihrem Dad hatte sowie auf diese Weise gar in Erfahrung bringen konnte, dass jener offensichtlich ein Doppelleben führte und sogar eine Tochter mit einer anderen Frau als ihrer Mom zeugte. Schlagartig ist seine zuletzt verspürte existenzielle Orientierungslosigkeit verschwunden: Er hat endlich wieder ein zu erreichendes Ziel – nämlich seine Halbschwester (Lauren German als Gertie) zu töten. Nach einigen Recherchen, in deren Rahmen er ihren Aufenthaltsort herausfindet, klopft er schließlich bei ihr an der Haustür – als Mormone „verkleidet“, um Einlass gewährt zu erhalten, wo er sein Vorhaben dann ungestört über die Bühne bringen will. Aber es kommt alles ganz anders, was schonmal im Ansatz mit daran liegt, dass sie ihn von Bildern her wiedererkennt: Augenblicklich fühlen sie sich wie Seelenverwandte sowie zueinander hingezogen – was in einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung mündet. Es ist fast so, als würden sie sich ergänzen bzw vervollständigen – und besonders für John ist nichts mehr so wie zuvor…
Im Grunde unterteilt sich „Piggy Banks“, nicht nur rein vom narrativen Aufbau her, in zwei sich voneinander unterscheidenden Hälften: Die erste beinhaltet in erster Linie das Aufzeigen der Vanderslip-Vorgehensweisen und entfaltet sich partiell non-linear in ihrer Struktur, einschließlich in die Kindheit zurückreichende Flashbacks sowie einzelne unchronologisch angeordnete Sequenzen, während die zweite deutlich gradliniger und ruhiger daherkommt sowie sich primär auf die (zwischenmenschlichen) Drama-Anteile der Story konzentriert. Ein Voiceover gestattet dem Publikum Einsichten ins gedankliche wie expressive Innenleben des Hauptprotagonisten: Einerseits betrachtet er die Morde aus einer sehr rationalen, nüchtern kommentierten Perspektive, da sie seit klein auf zu seinem in dieser Hinsicht pervertiert darwinistisch geprägten Alltag gehören, auf der anderen fördern sie seine allmählich zum Vorschein kommenden Unsicherheiten zutage, die immer stärker hervortreten und letztendlich in einem Prozess resultieren, der ihm zu einen Blick über seinen bisherigen Tellerrand befähigt, im Zuge dessen ihm ganz neue Möglichkeiten und Anschauungen gewahr werden. Michael´s und seine sich in bestimmten Aspekten merklich voneinander unterscheidenden Ansichten führen irgendwann zum unausweichlichen Bruch zwischen ihnen, der entsprechend konsequent vollzogen wird und dennoch geradezu zwangsläufig einen klaffenden Spalt innerhalb seines Daseins hinterlässt. Erst als sich Gertie´s und sein Pfad kreuzen, wird jener mit einem von ihm unerwarteten, allerdings gleichwohl (in einer unklaren Form) herbeigesehnten Sinn gefüllt, der einen sogar an so etwas wie eine Chance auf Wandlung bzw Läuterung für ihn denken lässt – unabhängig der Gewissheit, dass er sie eigentlich in keiner Weise verdient. Die individuellen Charaktere, inklusive all ihrer Facetten, Eigenheiten und Entwicklungen, bilden die maßgebliche Stärke dieses demgemäß auch bewusst so ausgerichteten Films.
Anfangs lernen wir John als einen Menschen kennen, der ausschließlich eine Verbindung zu seinem Bruder besitzt und zu allen anderen Personen eine eisige Distanz hält – jene sind für ihn im Prinzip nur potentielle Mittel zum Zweck, auf die man nach Bedarf zurückgreift. Aus diesem Grund sind ihm seine Taten egal – obgleich ihm vollkommen bewusst ist, was er da tut. Diese größtenteils anerzogenen Merkmale werden aber erstmals von in ihm aufsteigenden Gefühlen überlagert, als er, inzwischen losgelöst von Michael, Gertie trifft und ihr näherkommt: Eingangs genießt er sie, denn er kann sich auf angenehme Weise in ihnen verlieren – doch als es dann mal (so wie in jeder x-beliebigen Beziehung) komplizierter wird, beginnt er an den auf ihn einwirkenden ungewohnten Empfindungen (wie die Angst davor, dieses gefundene Glück wieder zu verlieren) zu zerbrechen, ohne es verhindern zu können. Dass uns (als Zuschauer) das, seiner zuvor begangenen grauenvollen Verbrechen zum Trotz, nicht egal ist, liegt insbesondere an dem Nuancen-reichen Spiel von Hauptdarsteller Jake Muxworthy („Asylum“/„Borderland“), der weitestgehend die nötige emotionale Bandbreite aufweist und somit das Gebotene glaubhaft vermittelt. Ihm zur Seite steht der ebenso überzeugend agierende Gabriel Mann („the Bourne Supremacy“/„Dominion: Prequel to the Exorcist“): Er verleiht Michael, dem weiterführende Gedanken fremd sind und seine Handlungen eine Art Freude bereiten, da ihm diese ja stets Vorteile verschaffen, die nötige Dosis bedrohlich-impulsive Energie, welche ihn derart beängstigend erscheinen lässt.
Im Rahmen von Rückblenden ist der aufgrund seiner privaten Eskapaden und Verfehlungen in den letzten Jahren leider (beruflich wie persönlich) ein merkliches Stück weit abgestürzte Tom Sizemore („Strange Days“/„Black Hawk Down“) zu sehen, der hier allerdings erneut anschaulich beweist, dass er seinen Job noch immer verdammt gut beherrscht. Die von ihm gewohnte Herangehensweise passt perfekt zu dem Part: Beinahe locker anmutende, einer verqueren Logik folgende Sprüche an der Oberfläche, tiefe Abgründe darunter – die Grenze zwischen Ruhe und Sturm hauchdünn. Leider ist seine Screen-Time ziemlich begrenzt, was angesichts seiner Präsenz einfach schade ist. Kelli Garner („Thumbsucker“) hinterließ bei mir, wie schon in „Havoc 2: Normal Adolescent Behavior“, einen sehr guten Eindruck, da ihre prägnante Verkörperung der Archer nicht bloß John nachhaltig im Gedächtnis präsent bleibt – und das unabhängig einer illustrativen Demonstration, warum homoerotischer Sex unter Lesben wesentlich intensiver ist als heterosexueller. Allen die Show stiehlt aber ganz klar Lauren German (Nispel´s „TCM“/„Hostel 2“), welche ihre schwierige wie komplexe Figur bündig mit Leben ausfüllt: Gertie ist clever, sexy, tough sowie auf der Suche nach Geborgenheit und ihrem eigenen Seelenfrieden – und Lauren vereint die verschiedenen Ausprägungen ihres Charakters schlichtweg perfekt. Sie ist quasi das Licht in dieser ungemein düsteren Geschichte, das selbst bis in John´s innerste Dunkelheit hineinzudringen vermag.
Ohne seiner starken Besetzung wäre „Piggy Banks” mit Sicherheit nur halb so gut, denn jene holt das Beste aus Newcomer Kendall Delcambre´s Drehbuch heraus, das zwar solide, generell jedoch nicht umfassend optimal ausgefallen ist. Regisseur Morgan J.Freeman, welcher in der Vergangenheit mit Werken wie „Hurricane Streets“ oder „Desert Blue“ positiv auffiel, allerdings auch die schauderhafte Pseudo-Fortsetzung „American Psycho 2: All American Girl“ zu verschulden hat, setzte alles nüchtern sowie fernab großer Umschweife in Szene – verließ sich also auf eine realistische, nicht irgendwie künstlich alterierte Atmosphäre (zum Beispiel dank des Meidens surrealer Zusätze oder überzogener inszenatorischer Mätzchen). In Sachen Gewaltdarstellung näherte er sich der Materie gleichermaßen inspiriert an: Die betreffenden Gräueltaten finden weitestgehend „off Screen“ statt, unmittelbar außerhalb der gewählten Perspektive, werden nie direkt ins Blickfeld gerückt und demzufolge zumeist nur angedeutet – die blutigen Details bleiben der Vorstellung überlassen, was eine viel effektivere Impression hervorruft. Der wahre Horror wird nicht durch die Präsentation von Exploitation-Material erzeugt, sondern indem man sich unweigerlich wie eigenständig Gedanken über diese gestörten Individuen machen muss, die regungslos töten und dabei keinerlei Reue verspüren. Besonders als Gertie die Bildfläche betritt und der Verlauf die erwähnte veränderte Richtung einschlägt, wird die subjektive Meinungsbildung umso stärker angesprochen: Wie man das nun Gebotene, allen voran die inzestuöse Beziehung der beiden Halbgeschwister, für sich selbst aufnimmt bzw einordnet, hängt speziell von der jeweiligen Betrachtungsweise ab. Ihre Gefühle füreinander werden absolut „natürlich“ dargestellt, so wie die eines normalen Paares: Zart, warmherzig, ehrlich, zerbrechlich – viele typische partnerschaftliche Momente aufweisend, die von Picknicks bis hin zu leidenschaftlichen Geschlechtsverkehr-Akten reichen. Gewiss werden sich einige an dieser Gegebenheit stören, ebenso wie am „fehlenden“ Gore oder dem Bestreben, John (vorwiegend im finalen Akt) wie ein „echtes menschliches Wesen“ zu portraitieren, statt nur als einen „seelenlosen Mörder“ – aber genau das ordnet diese Produktion eher in die Tradition solcher wie „Henry: Portrait of a Serial Killer“ ein und grenzt sie somit erfreulich von der Mehrheit artverwandter Genre-Massenware ab.
Neben einigen wirklich gelungenen Dialogzeilen injiziert(e) das Skript manchen Situationen einen dienlichen Zusatz unaufdringlichen Humors, der heilsam zum bisweilen zweifellos doch recht bizarr anmutenden Inhalt passt. Unabhängig der Elemente, die sich in die Rubrik „Ansichtssache“ einordnen lassen (siehe die oben genannten), gibt es allerdings auch einige kleinere Schwächen, die leider jeweils mehr oder minder offensichtlich ins Auge fallen – allen voran die Tatsache, dass die Cops ihnen in den ganzen Jahren anscheinend nicht einmal ansatzweise auf die Spur gekommen sind, und das trotz der zig Leichen bzw verschwundenen Personen. Ferner hätte ich mich gefreut, mehr über den Vater der Jungs und seine Hintergründe zu erfahren – dagegen hätte ich auf ein erneutes Hinweisen, dass das Schachspiel eine bevorzuge Freizeitbeschäftigung von Soziopathen ist, durchaus verzichten können. Zum Glück überwiegen die zusagenden Faktoren mehrheitlich, zu welchen, neben den Auftritten von Garner und German, diverse einprägsame Szenen zählen – unter anderem eine mit Sizemore, in der er einem seiner Söhne verschiedene Verwendungsmöglichkeiten für Gürtel erläutert, ein abschreckender Hinweis Johns in Richtung einer Mutter, ihren Sohn beim Shopping besser nie unbeaufsichtigt allein im Wagen zu lassen, oder Michael, wie er, blutüberströmt von einem gerade begangenen Mord, infolge der Nachricht, dass ein Homosexueller das Portemonnaie seines Bruders gestohlen hat, einen zügellosen Lachanfall erleidet. Insgesamt bleibt festzustellen, dass mir die zweite Hälfte, also die wesentlich ruhigere, deutlich besser gefiel als die erste – sie hebt den Streifen letzten Endes entscheidend vom weit verbreiteten Mittelmaß ab.
Fazit: An „Piggy Banks“ (aka „Born Killers“), einem düsteren, ungemütlichen, gut gespielten sowie solide inszenierten Psycho-Drama, werden sich gewiss die Geister scheiden – wie so oft bei kleineren Independent-Produktion, die eigene, keineswegs typische Wege beschreiten. Schön, mal wieder einen Film geboten zu erhalten, der nicht primär auf Blut und Gewalt, sondern in erster Linie auf seine Charaktere und abgründige Geschichte setzt … „7 von 10“