Danke OfDb.
Ich hatte lange überlegt ob ich mir den Film antun werde oder will. Viel gelesen habe ich darüber, in Punkfanzines, Punkmailordern und in der hundsgewöhnlichen Presse. Ich hatte Angst davor, wieder einen subkulturellen Film sehen zu müssen, der von Schauspielern gespielt wird, die sich in dieser Materie nicht auskennen und der Film ein klischeeüberladener Misthaufen ist. Dem war und ist zum Glück nicht so. Zumindest teilweise, vorallem bietet vielerlei Provokation unter sogenannten Stumpfskins und auch gewisser Intoleranz unter Punks, die sich diesem Film hingeben. Für mich, war dies nur mehr als bewusst, aber ich werde nicht näher darauf eingehen. Eins nur. Es zeigt die Dramatik, eines verzweifelten Jungens nach sich Selbst, seinen bewussten und selbstgestrikten Zwängen, seiner Freiheit, in die er eigentlich in Ketten gelegt ist und in der Ohnmacht, der Frage, was er denn eigentlich ist.
Janoch (17), ein eigentlich recht geordneter und gut erzogener Junge, hat die Schnauze von seiner Spießermutter voll. Eingezwängt von gesellschaftlichen Zwängen, spiessigen Idealen, verlässt er seine gutbürgerliche Familie um bei seinen alten Bekannten Koma (20) zu fahren, der Oi - Skin ist, ein unpolitischer Skin, der mit seiner schwangeren Freundin Sandra (18), Konzerte besucht, randaliert und sich betrinkt. Was für eine Zuflucht für Janosch, der sich einem Abenteuer wie diesem gerne hingibt und darin einen Zufluchtsort, einen Fluchtpunkt sieht, in dem er sich neu entfalten kann. Bald sind seine Haare ab, die Stiefel geschnürt, ein klischeeschwangeres Tattoo gestochen gelassen und die freie, kleinrebellische Schnauze hat er sich auch schnell angewohnt. Er erntet von Koma und Sandra viel Respekt, zum Dank gibts erstmal ein Date mit der rassigen Blanca (20) mit der er seinen ersten Sex hat und bald zusammenkommt. Sein Leben wird fortan begleitet von Konzerten, Schlägereien, einfältigen und hohlen Saufphrasen, die irgendwann sein Leben bestimmen. Nur zu sehr merkt man es Janosch an, das all sein Vorhaben extrem aufgezwungen und aufgesetzt wirkt, jedenfalls fühlt er sich in seiner Rolle nach und nach unwohler. Nachdem er nur zu oft merken musste, dass seine sogenannten "Kameraden" ihn ausnutzen und Koma völlig unbegründeter Weise eine "Zecke" verprügelt, lernt er einen Punk namens Zottel kennen, der ihn fasziniert. Zottel hat einen rauhen, dennoch gemütlichen und lustigen Charme, ausgeglichen und dennoch voller Wut und Verzweiflung, die er aber anders Koma völlig ohne Randale und Schlägereien auslebt. Janosch lernt bei Zottel, das Feuerschlucken und Feuerspeihen, stürmt mit ihm die ein oder andere Spiesserparty um dort aufzumischen und dann kommen sich die beiden näher. Koma wittert Verrat. Janosch muss sich entscheiden. Und er begeht den grössten Fehler seines Lebens.
Ein aufmürbender Film, der auf die Problematik der Skinheadszene gut eingeht. Der falsche Werte wie Zusammenhalt durchleuchtet, szeneinterne Zwänge kritisiert und auch bewusst hervorhebt. Nur eines störte mich bei diesem Film. Was war der ausschlaggebende Punkt für Koma einen solchen Hass gegen Punks zu entwickeln. Bin ich da falsch informiert oder bin ich in der falschen Szene unterwegs gewesen, um nicht zu wissen, dass Oi Skins und Punks eigentlich an einem Strang ziehen sollten. Es wird keinsterweise darauf eingegangen, warum Koma so ist und wieso er so lebt. Das störte mich echt sehr. Von Punks und Skins united war hier nichts zu sehen. Naja, eigentlich eine sinnentleerte Phrase und Wunschdenken, die entfernt von diesem Film auch so nie wirklich funktioniert. So auch bei Koma, eigentlich ein unpolitischer Skin, wie ich finde ein widersprüchlicher Begriff. Ist man nicht schon politisch wenn sagt, dass Politik einen nicht interessiert? Schliesslich stellt und wehrt man sich gegen politischen Normen. Das ist doch in gewisser Weise schon hochpoltisch. Nunja, insgesamt ein aufmürbender, seltsamer Film der nachdenklich macht und unterhält. Die Schauspieler agieren alle sehr gut, nur bei Janosch wirkte etliches aufgesetzt in seinem Skinheadvorhaben. Jedoch stellt sich mir die Frage ob dies bewusst geschehen sollte oder er einfach schauspielerisch zu schlecht war oder ist um den Hass und Stolz eines Oi Skins verkörpern zu können. Ich tippe auf ersteres. Hinzu wäre zu erwähnen, dass der Film in schwarz - weiss gedreht wurde. Ein Vorhaben, dass gut in den Kontext passt, zur unpolitischen Szene, gleichgültig der Rasse oder Nationalität, es ist gleich. Leider merkt man von dieser Gleichgültigkeit und vorallem Ausgeglichenheit wenig, was auch beabsichtigt war. Widersprüchlichkeit einer Szene, eines Menschen und vorallem der Ideale, des Denkens und Handels werden hier extrem rauskristalliesiert, jedoch nicht ausführlicher erklärt, wodurch einige unwissenden Otto-Normalbürger, die sich mit diesen Subkulturen und der Materie nicht auskennen, nur eines als Sinn einkommen wird. Skins sind alle böse, Skins hassen Punk, Skins sind womöglich alle Neonazis. Das entäuschte mich sehr. Der Sinn, Bedeutung etc. hätte besser erklärt werden sollen.
Fazit:
Extrem gutes Drama, um zweier subkultureller Szenen, die eigentlich rein "politisch" gleichgesinnt sind, aber immer im Konflikt stehen werden. Dies zeigt der Film nur zu deutlich und provoziert mit seinem Ende noch zusätzlich die eigene zugesprochene Toleranz eines Jeden. Homosexualität eines Skins und Punks. Viele eingezwänge, stumpfsinnige und dickköpfige Punks und Skins, dürfte das sicherlich, extrem angewiedert haben, nicht zuletzt, da sie anscheinend doch konservativer und intoleranter sind als sie je zu denken gewagt haben.
8/10
PS:
Nicht jeder Skinhead ist ein Faschist oder Rassist, auch wenn viele Skinheads, wie auch hier im Film rechtsoffene Tendenzen zeigen. Eigentlich ein Armutszeugnis einer Szene, die sich von vornan für "unpolitisch" erklärt.
Sehenswert, ob ihn jeder verstehen wird, sei dahingestellt, da vieles wichtige weggelassen wird, ob jetzt bewusst oder unbewusst. Für Punks und Skins recht interessant, für die breite Masse interessant wenn auch unverständlich, da hier Klischees verarbeitet werden, die in den Vorurteilen der Normalbürger eh schon schwirren. Zu Recht oder zu Unrecht ist genauso zwiespältig wie dieser Film.