Review

Wer sich an der Cocktail-Bar eine Virgin Colada bestellt, erhält eine Piña Colada ohne Rum. Die ernsthafte Frage muß also erlaubt sein, ob man sich an diesem Film Virgin Witch nun eigentlich berauschen kann oder nicht. Es ist wie so oft Ansichtssache.
Putzig ist die Ausgangssituation. Hinter dem Autorenpseudonym Klaus Vogel verbirgt sich die Produzentin Beryl Vertue, unter anderem verantwortlich für die Rockoper Tommy. Sie hat nie wieder ein Drehbuch verfasst. Als Regisseur hingegen tritt Ray Austin in Erscheinung, der zur damaligen Zeit auch an Black Beauty, später auch an weiteren erfolgreichen TV-Serien wie Love Boat, Magnum oder Airwolf gearbeitet hat. Geschadet haben kann ihm dieser Ausflug in die Welt der Hexen also nicht.

Was darf man nun von einem Film wie Virgin Witch erwarten, der seine Verheißung in einer Zeit ausstrahlt, da Exploitation und Erotik dominant in den Lichtspielhäusern waren? Vorgestellt werden die blutjungen Geschwister Christine (Ann Michelle) und Betty (Vicki Michelle), die ins zeitgenössische London trampen, um das Leben von Erwachsenen zu bestreiten. Sofern überhaupt beabsichtigt enthält dieses Schwesternmotiv sehr wenig der schicksalhaften Erlebnisse Justines und Juliettes, Romanfiguren Marquis de Sades, an welche man unweigerlich in dieser Konstellation denken möchte.
Eine gewisse Lasterhaftigkeit und im Wesentlichen Sexualität beherrscht dieses moderne Märchen dennoch. Nebst dem von Hazel Adair und Ted Dicks geschriebenen Song ‘You Go Your Way’, der in einer Szene von Helen Downing vorgetragen wird, walzt in Virgin Witch ein von sich wiederholenden Mustern durchzogener Soundteppich die mit meditativer Ruhe vorgetragene Handlung voran.

In Surrey und Wimbledon gedreht, ist das wild schwingende London kaum Thema in Virgin Witch, da Christine auf Jobsuche dem ersten Engagement als Model zustimmt. Bemerkenswert hierbei die Geistesgegenwart. Ob sie denn schneller einen Auftrag erhalte, wenn sie sich nackt ablichten lasse? Klar findet die Frauen zugeneigte Sybil Waite (Patricia Haines) das super und läd die Mädchen zu einem Shooting in ein Landhaus.
Zu einfach wäre es wohl, wenn wir nun ausschließlich Christine dabei beobachteten, wie sie ihre Früchte und Knospen auslegt. Wie es mit der Gesellschaft so ist, verbirgt sich manch Abgrund, wo man ihn nicht vermutet hätte. Virgin Witch profitiert hier von der knackigen Besetzung und den gut gewählten Sets, als sich die Existenz eines Hexenordens auf dem Anwesen herauskristallisiert. Zwar schreckhaft bei den unerwarteten Ablicken güldener Dämonenmasken im Hause ist es dann erstaunlich, wie gefaßt die Schwestern eigentlich noch mit ihrer Situation umgehen, was vielleicht an der kontemporären Mode liegt, wo Ausbruch und Revolution ganz selbstverständlich von FKK und Esotherik begleitet wurden.

Anziehende Rhythmen treiben in Virgin Witch zur Steigerung Riten an, die bei aller Nacktheit daraus bestehen, ausgewählte Personen zu salben und sich mehr oder minder unverbindlich aufeinander zu legen, während die Mitstreiter sich in Ekstase wiegen und spastische Gesten an den Tag legen. Dennoch stimmige Lichtbilder illustrieren einen bräsig-deliriösen Rausch in Natürlichkeit transzendierter, entblößter Leiber, vornehmlich geeignet, so man sich im Gleichklang befindet.
Nach wenigen Vorführungen mit einem X-Rating wurde der Film im Januar 1972 in England erst unter Schnittauflagen landesweit freigegeben. Ob nun in Ansätzen anstößig oder heute nur noch als harmlos abgetan, Virgin Witch ist Genrekitsch, der weit von Gruselmomenten entfremdet erscheint. Stattdessen legt diese Mär die Existenz einer Leere in einer aufgeklärten Welt nahe, die den Menschen antreibt, auf neuen oder vergessenen Gebieten nach einem Lebenssinn zu forschen.

Details
Ähnliche Filme