Schamloser „Carrie“-Abklatsch mit Geschlechtertausch? Oder sogar das antiklerikale Werk des Teufels? Immerhin wird hier mit dem Schwert Satans die sakrale Luft der Kirche zerteilt und mit dem Heimcomputer werden die Dämonen der Vergangenheit beschworen. Ganz ohne Frage handelt es sich doch um eine – wortwörtliche – Schweinerei aus der Grabbelecke, die ein wahrer Cineast nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde…
Ja, auch „Evilspeak“, einer dieser gerne verstümmelten oder gar verbannten Video Nasties, wird gerne in die übliche Schublade des primitiven Low-Budget-Horrorfilms gesteckt, einer Gattung, der laut öffentlicher Wahrnehmung selten mehr gelingt, als sich parasitär an erfolgreiche Rezepturen zu heften und sie mit stumpfem Werkzeug bis auf die Rinde auszuweiden. Da könnte man beinahe Mitleid mit diesem speziellen Exemplar bekommen, ist es doch anders als seine fiesen Schubladen-Freunde sichtbar darum bemüht, die dargestellten Grausamkeiten in den Dienst einer zartfühlenden Outsider-Story zu stellen, die auf bisweilen naive bis tollpatschige, aber doch immer wieder berührende Weise ein Plädoyer für all die Sonderlinge dieser Welt anstimmt.
Die traurigen Augen des malträtierten Clint Howard haben daran sicherlich einen großen Anteil. Howard, der innerhalb seines Berufsfeldes immer schon im Schatten seines erfolgreichen Bruders Ron stand, vereint in seiner Leinwand-Ausstrahlung schon rein optisch alle Merkmale der Unterprivilegierten. Seinen unsportlichen, plumpen Körper, seine wie von einem Straßen-Karikaturisten interpretierten Gesichtszüge, das schüttere Haar, der hilfesuchende Blick, all das wirft er voller Inbrunst in seinen Stanley Coopersmith. Beinahe schon ist dieser Coopersmith ein mit dem Schauspieler fest verwurzeltes Alter Ego geworden, weil er zur Quintessenz sämtlicher späterer Rollen des Schauspielers wurde. Mit dem Feuer der Verzweiflung erweckt Howard ihn gegen einen ganzen Pulk an Sadisten zum Leben. Seine Peiniger sind nach ebenso prägnanten physischen Merkmalen gecastet: Don Stark mit seinem bengelhaften Alfred-E-Neumann-Gesicht, R.G. Armstrong mit seiner verbitterten Western-Visage, in der Zynismus über Dekaden zu Hass gären konnte, Charles Tyner mit den kantigen Zügen eines autoritären Militäroberhaupts. Erwachsene und gleichaltrige Widerlinge im Verbund gegen einen wehrlosen Einzelnen – eine Unterdrücker-Geschichte, wie sie im Buche steht.
Mit solchen Gesichtern auf der Leinwand gerät selbst das sorgsamste Character Building ein Stück weit ins parodierende Fach, und so wird „Evilspeak“ zum Zerrbild sattsam bekannter High-School-Klischees, die zumindest Howard und sein Co-Star Loren Lester bereits in Allan Arkushs „Rock ‘n’ Roll High School“ von einer anderen Position aus kennengelernt haben. Wenn Brennpunkte jugendlicher Gemeinschaftserlebnisse gezeigt werden, in diesem Fall ein Fußballspiel, so geschieht dies allein aus dem Grunde, den Jungen mit dem unsicheren Auftreten außerhalb seiner Komfortzone zu drangsalieren. Die zentralen Schauplätze, Coopersmiths Rückzugspunkte, sind ganz andere; im Mittelpunkt steht ein modriges Kellergewölbe, das einen Bogen zum mittelalterlichen Prolog wirft und so Parallelen zu okkulten Horrorstreifen wie „The Church“ eröffnet. Das anachronistische Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Ausstattung und – nach den Maßstäben von 1981 – moderner Computertechnologie, von der Mixed-Font des Titels auf dem Cover zum Clash der Epochen erklärt, bleibt hingegen eine weitgehend unerfüllte Prophezeiung. Der Computer mag im muffigen Keller einen auffälligen Kontrast zu seiner gemauerten Umgebung erzeugen, auch ein, zwei digitale Rasterprojektionen im Tron-Design setzen Ausrufezeichen (die erwartungsgemäß wesentlich schlechter gealtert sind als der Rest vom Film), doch die Manifestation der Geister von spanischen Satanisten in einer Militärakademie ist etwas, das sich prinzipiell auch mit herkömmlicher Magie bewerkstelligen ließe. Um die Digitalität einen wirklichen Einfluss auf den Verlauf der Handlung ausüben zu lassen, wird sie vom Drehbuch schlichtweg nicht tief genug erforscht.
Eher schon konzentriert man sich auf die Anatomie eines Vergeltungsschlags, nach dem Motto: Wenn man noch oft genug gegen einen Boxsack schlägt, muss er irgendwann zurückschwingen. Nur, dass sich Coopersmith extrem viel Zeit nimmt, um Schwung zu holen. Wenn im Zusammenhang mit „Evilspeak“ das Wort „Langeweile“ fällt, ist damit in der Regel der unheimlich gemächliche Aufbau gemeint, mit dem die Gemeinheiten ihren Lauf nehmen. Es sind hauptsächlich unbehagliche Situationen und seltener handfeste Eskalationen, mit denen der arme Tropf konfrontiert wird. Tatsächlich kann sich der Mittelteil als äußerst zäh erweisen, wiederholen sich doch hier permanent die kleinen Schläge gegen das Selbstbewusstsein in verschiedenen Variationen. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Howard ungewöhnlich viel Zeit bleibt, seine Figur zu formen, bedenkt man Genre und Zielpublikum. Das konsequent von ihm durchgezogene Shoegazing in Verbindung mit diversen emotionalen Ausbrüchen erlaubt es, dass man einen starken Bezug zur Hauptfigur aufbaut; ein Vorzug, den man auf diesem Level nicht als selbstverständlich erachten kann. Insbesondere seine Szenen mit dem Kantinenchef sorgen diesbezüglich für reichlich Tiefe. Nicht nur war es eine kluge Entscheidung, dem isolierten Prügelknaben einen Vertrauten zur Seite zu stellen; diesen auch noch mit dem bärigen Lenny Montana (Luca Brasi in „Der Pate”) besetzen, kann man sogar als einen brillanten Zug bezeichnen.
Aus dieser freundschaftlichen Beziehung heraus ergibt sich dann auch der dramatische Wendepunkt, mit dem das Fass zum Überlaufen gebracht und endlich das längst überfällige Chaos von der Leine gelassen wird. Es ist gerade die infernalische Wirkung der letzten Viertelstunde, die „Carrie“-Vergleiche fast unabkömmlich macht. Das Set wird von einer Sekunde auf die nächste plötzlich von Pyrotechnik und Wirework beherrscht, vergleichsweise einfachen, im Zusammenspiel aber unheimlich effektiven Tricks. An jeder Ecke sieht man brennende Stellen, während Howard mit hypnotisiertem Blick und elektrisch hochstehendem Haar in der Luft hängt und als Symbol der Vergeltung ein Schwert hält, dem man ein ähnliches Gewicht zutrauen würde wie seinem Träger. Von nun an darf man Blutfontänen erwarten, die aus Halsrümpfen und halbierten Schädeln spritzen, während der Schein des lodernden Feuers all das wie die Strafe eines harten, aber gerechten Gottes erscheinen lässt, der einmal gründlich durch die Gänge pflügt, um die quälend langsame Pein der letzten eineinhalb Stunden im Schnellverfahren zu vergelten. Zu diesem Zweck werden dann sogar noch Eber (in einer Mischung aus echten Tieren und prothetischen Effekten) auf die Sünder losgelassen, die ganz besonders hungrig auf Menschenfleisch sind und alle Unsympathen des Films ohne besondere Präferenzen anknabbern, ob es sich nun um den hänselnden Mitschüler handelt oder eine Empfangsdame, die Coopersmith mit Arroganz begegnet und ihn bestohlen hat. In diesem Kontext ergibt sich dann auch die für das Genre obligatorische Nackt- bzw. Duschszene, die den blasphemischen Unterton jedweder Gewalt im Film noch einmal unterstreicht.
Weil ein saftiger Abgang zwischenzeitliche Durststrecken vergessen machen kann, hat „Evilspeak“ dann am Ende doch einen eher positiven Ruf unter Fans bewahrt. Er erfährt zwar keine durchgehende, aber doch konstante Wertschätzung, die er sich aber nicht nur mit einem wahrhaft unheiligen Schlusspunkt verdient, sondern auch durch seinen sorgfältigen Umgang mit der Hauptfigur, die Clint Howard so anlegt, dass man ihr die Empathie zu Füßen werfen möchte. Die Tempoprobleme und vergebenen Chancen im Umgang mit Computern verzeiht man da gerne.