Und gleich noch eine Runde auf dem Gruselkarussell der TV-Anstalten, was ja zumeist entweder sehr ernüchternd bieder und manchmal überraschend kreativ ausfällt.
„Don’t go to Sleep“ fällt dabei aber eher in die zweite Kategorie, was ich als sehr angenehm empfunden habe.
Die Bedrohung kommt hier – und das lässt der Film in Sachen Motiv überraschend lange im Dunkel – aus der eigenen Familie, die hier fünfköpfig gleich zu Beginn zusammen zieht. Vater, Mutter, Sohn und Tochter richten sich – wenn auch wenig enthusiastisch – mit der Oma mütterlicherseits auf einen längeren Aufenthalt ein. Natürlich hängt ein Schatten über dem Familienclan, denn da gab es noch eine latent ältere Schwester, die allerdings vor einigen Monaten unter noch nicht näher ausgeführten Umständen den Löffel abgegeben hat.
Abgesehen davon, dass Oma nicht mehr ständig ihre Ziggies durchziehen soll, dies aber sogar im Bett antäuscht, scheint alles okay zu sein, doch dann entwickelt die Tochter eine gepflegte Nachtangst, weil eine Unsichtbare mit ihr nach dem Schlafengehen Zwiesprache hält. Natürlich versucht man es mit Elternansprache, aber Mom und Dad reagieren auch überraschend gestresst, selbst als Töchterleins Bett plötzlich an allen vier Ecken in Flammen steht.
Man ahnt es schon: die Besucherin ist die tote Tochter, die offenbar einen herben Groll gegen ihre Restfamilie entwickelt hat. Alsbald steht sie dann auch freundlicher Geisterpracht vor ihrem Schwesterlein und hegt finstere Pläne – und die setzen sich bald in die Tat um.
Alles an „Wiegenlied des Grauen“ (wie üblich ein nicht zutreffender, depperter deutscher Titel) ist ein bisschen anders als man es von den freundlichen amerikanischen Bilderbuchfamilien gewohnt ist und das ist durchgehend erfreulich. Oma ist eine Quertreiberin, der Vater ein Schwafelkopf, der Sohnemann pupt rum, weil er sein Zimmer wieder teilen muss und Mama ist enorm gestresst, so dass die Eltern bald auf die permanenten nächtlichen Schrei- und Streitattacken mit rabiaten Sich-Ausbitten reagieren.
And so…the bodycount starts…
…als Erstes erwischt es Oma und ihre marode Pumpe, dann geht der Fokus auf das nörgelige Brüderlein, der von Gefahrenbewusstsein beim Klettern wenig hält. Und bald reiht sich die eine Beerdigung an die Nächste. Das alles wird von der Tochter nur mit einem Unschuldsgesichtchen quittiert und der Twist dabei ist, das nicht ganz klar wird, ob sie denn nun besessen ist oder nur halbwillentliche Helfershelferin für ein mörderisches Gespenst.
Besonsters gut ist die Besetzung, denn Ruth Gordon channelt hier schon über 80 die rabiate Lady, die sie in ihren letzten beiden Lebensjahrzehnten perfektioniert hatte, Dennis Weaver agiert und säuft monoton an seiner Frau vorbei und Valerie Harper fliegt bald die Hysterie nur so um die Ohren. Als Bruder agiert übrigens Oliver Robins, der im gleichen Jahr bei einer anderen Familie ebenfalls Geisterattacken ausgesetzt war, nämlich in Hoopers „Poltergeist“. Robin Ignico als Mary ist solider Durchschnitt, aber Kristin Cumming als Geister-Jennifer hat die rechte Unschuldsbedrohlichkeit im Gepäck. Und als Psycho-Onkel darf Robert Webber ran, der schon in „Die 12 Geschworenen“ Probleme hatte, alles zu verstehen, was auf ihn einprügelte.
Bei dieser Gemengelage kommt ein grimmiges Filmchen heraus, das keine Bremsen kennt, auch wenn das Tempo nur so mittelprächtig ist. Von TV-Filmen ist man es ja nicht recht gewöhnt, dass die Sache so drastisch durchgezogen wird, aber plot-seitig gehen die Macher hier nicht vom Gas und ziehen die Sache solide durch, wobei man bis zum Schlußviertel warten muss, um zu verstehen, warum Jennifer die Galle auch noch im Jenseits schäumt. Die Schlusseinstellung erinnert dann auch nicht von ungefähr an das Finale von „Trilogy of Terror“, wo Karen Black ihren Dentalstatus zum guten Schluss präsentieren durfte.
Ein wirklich guter Feierabendfilm, der lediglich manchmal an dem etwas behäbigen Tempo leidet, aber immer wieder Akzente setzt, wenn die Beteiligten hysterisch in voller Bölkstärke am Rad drehen oder der Streitlevel auf „kurz vor Mord“ gedreht wird, auch gern zwischen Eltern und Kindern.
Ein No-Nonsense-Grusler, der grimmigen Humor nur aus der Chuzpe der Macher zieht. (7/10)