„Das ist Ärgernis öffentlicher Erregung!“
Der gebürtige Brite Brian Trenchard-Smith ging als 20-jähriger nach Australien, wo er eine Karriere als Drehbuchautor und Regisseur vornehmlich von Genre-Filmen einschlug, später aber auch Regie für US-Produktionen führte. Im Jahre 1983, ein Jahr nach seinem Ozploitation-Kracher „Insel der Verdammten“, wurde seine Jugend-Actionkomödie „BMX-Bandits“ veröffentlicht, der von 1984 bis 1987 zahlreiche internationale Kinostarts erfuhr, es in hiesigen Gefilden jedoch erst im Januar 1989 in die DDR-Kinos schaffte. Ein bundesrepublikanischer Kinostart blieb Fehlanzeige. Schauspielerin Nicole Kidman ist in „BMX-Bandits“ in einer ihrer ersten Kinorollen zu sehen (synchronisiert von Pippi Langstrumpfs deutscher Stimme).
„Ihr wart dämlich, das wisst ihr!“
Die beiden Teenies P.J. (Angelo D’Angelo, „Die Untersuchung“) und Goose (James Lugton, „Tanz der Schatten“) sind passionierte BMX-Fahrer, die regelmäßig die Verkehrsinfrastruktur von Manly (bei Sidney) unsicher machen und von einer Rennstrecke träumen. Damit sich ihre just aus ihrer Arbeit in einem Supermarkt gefeuerte Freundin Judy (Nicole Kidman, „The Others“) auch ein BMX kaufen kann, sie ihre eigenen reparieren und vielleicht sogar tatsächlich in einen Crossparcours investieren können, wollen sie zu dritt Fische fangen gehen. Statt Fischen geht ihnen jedoch eine Kiste voller Walkie-Talkies ins Netz, die sie im Freundes- und Bekanntenkreis wesentlich gewinnbringender veräußern können als ein paar Kiemenatmer. Doch diese Kiste gehört der Bande eines skrupellosen Gangsterbosses (Bryan Marshall, „Rififi am Karfreitag“), der sie dort für einen großangelegten Banküberfall deponiert hatte. Fortan machen seine Männer Jagd auf die Jugendlichen und deren Beute…
Was die Brisanz dieser Situation erhöht, ist der Umstand, dass die BMX-Bande beim Benutzer der Walkie-Talkies unbemerkt direkt auf der Polizeifunkfrequenz landet; die Bullen höre also sämtliche über die Geräte geführten Konversationen mit. Wesentlich schlimmer ist es jedoch, dass die Gangster Judy erwischen, sich als Polizisten ausgeben und sie fortan in ihrer Gewalt haben. So weit zum nominellen Inhalt des auf eine jugendliche Zielgruppe zugeschnittenen Films. Neben der Kriminalstory regiert hier jedoch der BMX-Overkill, der, von einem in Gruselmanier inszenierten Räuber-und-BMX-Bande-Spiel auf dem Friedhof abgesehen, in Bonbonfarben unter strahlend blauem Himmel stattfindet: Der Auftakt zeigt P.J. und Goose beim Biken, ungefähr in der Mitte führt Judy auf ihrem neuen Bike einige Tricks auf (für ihre Stunts wurde Kidman von einem Kerl gedoubelt) und eine Speichenkameraperspektive (später auf Autoreifen ausgeweitet) sorgt für aufregende Bilder, während Zeitlupen BMX-Sprünge zusätzlich ästhetisieren. Neben ohne Rücksicht auf Verluste und unter Inkaufnahme zahlreicher Karambolagen durchgeführten Kfz-versus-BMX-Verfolgungsjagden durch die Innenstadt inszenierte man eine spektakuläre Verfolgungsjagd auf einer Schwimmbadrutsche (!), die man mit eigenen Augen gesehen haben muss. Und zum Finale werden sämtliche BMX-Fahrer(innen) für einen Showdown gegen die fiesen Gangster zusammengetrommelt. Yeah!
Allerdings interessiert man sich nicht ausschließlich für BMX-Cross, sondern geht auch mal zusammen in die Videospielhalle, und Goose erzählt ständig von Horrorfilmen. Banden, BMX, Walkie-Talkies, Arcade-Games, Kofferradios, Kidmans Dauerwelle, Synthie-Soundtrack und Neonfarben – es fehlten nur noch Walkmen und Videorekorder, und eigentlich hätte es ein C64-Spiel zum Film geben müssen. „BMX-Bandits“ erinnert an „Fünf Freunde“, „TKKG“ und Konsorten in cool statt neunmalklug und pädagogisch. Zugegeben, der Humor ist recht simpel und ein paar arg infantil-alberne Gags sowie die Stigmatisierung von Fettleibigkeit (ein dicker Junge wird verarscht) haben sich eingeschlichen, übermäßig spannend ist das alles für ein erwachsenes Publikum nicht unbedingt und die Dialoge hätten auch etwas geschliffener ausfallen können. Sicherlich wär’s auch stimmiger gewesen, hätte es sich bei den bösen Buben nicht um Bankräuber, sondern um Drogenmafiosi oder ähnlich finstere Gesellen gehandelt. Dafür hat’s aber auch eine fette Explosion in den Film geschafft, ist das Tempo durchgehend relativ hoch und ist „BMX-Bandits“ in Sachen ‘80er-Ästhetik nur schwer zu toppen.
Trenchard-Smith‘ BMX-Fetischwerk ist einer der coolsten Kinder-/Jugend-/Familienfilme überhaupt und zugleich ein hierzulande verkannter Schlüsselfilm der populärkulturellen ‘80er-Spielfilmästhetik, auf den sich später diverse Retrofilmer beziehen sollten. Prominentestes Beispiel: Matt und Ross Duffer und ihre Netflix-Serie „Stranger Things“. Das BMX-Sujet wurde bereits 1986 ähnlich intensiv in Hal Needhams „Rad“ wieder aufgegriffen, während Trenchard-Smith mit dem Kinder-/Jugendabenteuer „Der Geisterjäger“ den „Goonies“ Konkurrenz machte und mit „Crabs ...die Zukunft sind wir“ einen dystopischen Ausblick ins Jahr 1990 wagte – als habe er bereits geahnt, dass die ‘80er nicht gut ausgehen werden…