Gedächtnisverlust, Identitätskrise, Verfolger aus dem Nichts – aus diesem Stoff werden noch heute gute Thriller gemacht. Die Klassiker allerdings, die gab’s schon zum kalten Krieg dazu geliefert und das noch dazu in arg pazifistisch angehauchten Filmen.
Ein besonders effektives Beispiel ist bis heute der hervorragende „Mirage“, der bei uns „Die 27.Etage“ heißt, aus welcher sich gleich zu Beginn jemand unfreiwillig durchs Fenster verabschiedet.
Der Film beginnt praktisch im gleichen Moment, denn in derselben Etage sehen wir David Stillwell alias Gregory Peck ein dunkles Büro verlassen und mit den übrigen Angestellten langsam das Haus verlassen. Mit einer seltsamen Dame geht er bis ins Erdgeschoss, dort entspringt sie ihm und verschwindet im vierten Untergeschoss. Kurz darauf wird er Zeuge des Ergebnisses des Sturzes und muss sich anhören, dass er in seiner Stammkneipe schon lange nicht mehr aufgetaucht ist. Dass er sonst außer ein paar Rahmenerinnerungen nichts mehr über seine letzten beiden Jahre weiß, macht ihn dann aber doch nervös und führt in zur Polizei, zu einem Arzt und zu einem Privatdetektiv (Walter Matthau in nöliger Höchstform), doch erst der führt ihn auf die richtige Spur, dass er nämlich für seinen Gedächtnisverlust selbst verantwortlich ist...
Was an diesem Film so unglaublich wirkt, ist die seltsame Atmosphäre, in der sich Stillwell wieder findet. Der Zuschauer wird wie er in eine Situation gestoßen und weiß nicht mehr, als er selbst und muss sich seinen Weg mit Peck selbst finden. Puzzlestückhaft kehren die Erinnerungen zurück, bzw. die Ahnung, dass an den Erinnerungen etwas nicht stimmen kann.
Dabei entdeckt man nach und nach, dass selbst die Sinneswahrnehmungen, die hier auf Film gebannt wurden, teilweise täuschen oder irreal sind.
Sehr real dagegen ist jedoch die Bedrohung, der Stillwell ausgesetzt ist, Pistolenmänner tauchen auf, Killer schießen auf ihn, eine Frau macht geheimnisvolle Andeutungen. Peck ist ständig gehetzt und auf der Flucht, bis sich das Geflecht der Erinnerungen langsam aber sicher in einer finalen Szene auflöst.
Leider gerät das Finale dramaturgisch etwas schwach, wenn Peck McCarthys Helfershelfer ausargumentiert, überhaupt ist der Lösungsschluss ein gänzlich realistischer, allerdings mit einem politisch-wirtschaftlich-revolutionären Hintergrund, der ganz sanft in die SF-Richtung geht. Aber letztendlich ist das nur ein McGuffin, ein Muster ohne Wert.
Wer sich also mal auf ein Abenteuer ohne Netz und doppelten Boden einlassen will, in dem man selbst grübelnd stochern darf, bis es fragmentarisch aufgelöst wird, der ist in Edward Dmytryks Thriller genau richtig. Und der Einsatz von s/w (1964 auch nicht mehr üblich) macht die unheimliche Atmosphäre noch kontrastreicher. (8/10)