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Kowalskis allerletzte Szene zeigt ihn mit einem Lächeln hinter dem Steuer seines Dodge Challengers. Völlig konträr zum Beginn des Films als er noch wie ein gehetztes Tier auf der Flucht vor seinem inneren Dämon keine Zeit zum Essen, geschweige den zum Schlafen fand. Gerade seinen Erinnerungen versuchte er zu entkommen, dessen Grund sich uns erst allmählich offenbart.

Auch Kowalskis Irrfahrt durch die Wüste, welche nicht als reine Landschaftskulisse verstanden werden sollte, sondern sein inneres Verlorensein versinnbildlicht, ist vor diesem Hintergrund des Flüchtenden und Suchenden zu sehen. Dieses Motiv wird 10 Jahre später im Prolog zu "Mad Max II" erneut aufgegriffen, wenn es über Max heißt: "Er wurde ein anderer. … Ein Mann, der vor den Dämonen der Vergangenheit in die Wüste floh. Und dort, wo alle Hoffnungen enden, ein neues Leben fand." Unterstützung erfährt er durch den blinden Radio-DJ "Super Soul", der eine mentale Verbindung zu ihm zu haben scheint. Dieser spricht einmal davon, daß der Blinde den Blinden führt.

Als er sich in der Wüste verirrte, nachdem er auf seiner Flucht die Straße (also Zivilisation) verließ, um die Polizei abzuhängen, findet ihn ein alter Einsiedler, der vom Schlangenfang lebt. Dieser erinnert an einen aus der Zeit gefallenen Gott, (die biblische Schlange steht bekanntlich für die "Versucherin" Lilith, Adams erster Frau.) Er sieht, wozu Kowalski (noch) nicht fähig ist: "Ich kann nichts sehen, es blendet so sehr", und weist ihn "auf den Pfad der Erde zurück" (die Straße). Dessen Gegenpart, das geschäftstüchtige Oberhaupt eines Gospelchors, hilft ihm nur widerwillig, um ihn schnellst möglich los zu werden. Dafür läßt er die Schlangen, welche ihm der alte Kauz zum Kauf anbietet wieder frei. Er benötigt sie für seine Geschäfte nicht länger. Stattdessen bedient er sich nun direkt des göttlichen (Sirenen-)Gesangs, um den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen - entlohnt ihn jedoch gnädigerweise mit einem Almosen für seine nun unnötige Arbeit. Eine nihilistischere Aussage ist kaum möglich.

Die Frauen denen Kowalski begegnet, ähneln sich. Wie erwähnt wird erst mit der Zeit verständlich, weshalb er sich zu ihnen hingezogen fühlt - und zugleich nichts mit Ihnen anzufangen weiß. Beim Gespräch mit dem Mädchen auf dem Motorrad gegen Ende des Films, ist er bereits mit seinem ihn verfolgenden Dämon versöhnt. Und doch vermag er nicht zu bleiben. Diese Szene erinnert an John Fords berühmtes Ende von "Der schwarze Falke", in welcher John Wayne als Getriebener, auch nicht die Schwelle des Hauses zu übertreten vermag. "Unbehaust" bleibt er zurück. Außerhalb der Gemeinschaft stehend.

Ein Ende des Vietnamkriegs war 1971 nicht absehbar. Die Gesellschaft befand sich in einem verunsicherten Zustand, welche im Sommer desselben Jahres durch Nixons überraschend verkündeter neuer Finanz- & Außenpolitik (Bretton-Wood & Chinapolitik, jedoch erst wenige Monate nach dem Filmstart), noch verstärkt wurde. Sie vermag ihren zaghaften Protest gegen das etablierte System nur in einer medialen Heldenverehrung ("Der letzte Held Amerikas") und symbolhafter Umbenennung Super Souls Sender "KOW" in "KOWALSKI" zum Ausdruck zu bringen. Kowalski hingegen durch"fährt" eine Katharsis. Vom Fliehenden (vor seinen Erinnerungen), über den Suchenden (in seiner inneren Wüste) zum Findenden (zu sich selbst).

Unterdessen schützt die Staatsgewalt mit aller Härte ein repräsives System, gegen welches Kowalski sich auflehnt. Ex-Soldat, Ex-Cop, Ex-Rennfahrer, rebelliert er als Einzigster offen dagegen an. So führt ein unbedeutender Regelverstoß (zu schnelles fahren) eines "Herausforderers" (Challenger) zur Katastrophe. Und doch ist diese für Kowalski letztlich ein Happy-End, dem er lächelnd entgegenfährt. Zum Abspann singt Kim Carnes' "Nobody knows", welches mit den Zeilen endet: "Nobody knows, / Nobody sees, / Till the light of life stops burnin' / Till another soul goes free."

Wer auch nur ein wenig zwischen den Zeilen zu "lesen" vermag, wird einen unglaublichen Subtext entdecken. Nicht zu vergessen die Musik, welche für den Film existentiell ist. Die anderen werden enttäuscht sein, kein "Fast and the Furious"-Format vorzufinden.

Erstmals sah ich den Film 1983 im TV (also nach den ersten beiden Mad Max-Filmen), aber konnte ihn nie mehr vergessen. Besaß ihn dann auf Video, und kaufte 2003 damals noch die 18er-DVD. Zwischenzeitlich hatte die FSK ein einsehen und der Film wurde auf 16 gesenkt. Bis heute sah ich ihn 9x, und jedesmal entdeckte ich etwas Neues. Das ist es doch, was einen guten Film auszeichnet:-)

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