Man geht ja fast schon ehrfürchtig ins Kino – allein, weil man die Gelegenheit hat, einen Film von Sidney Pollack zu sehen, der inzwischen zum Altmeister des Kinos gereift ist, während in Hollywood sonst kaum noch gereiftes Talent zum Zuge kommt. Ausgestattet mit zwei Oscarpreisträgern und angerichtet mit den ersten offiziellen Aufnahmen vom UN-Gebäude in New York in einem Spielfilm, das kann nur ein Fest für alteingesessene Filmfreunde werden.
Und ja, „The Interpreter“ ist durchaus ein Film geworden, den man genießen kann, wenn man den Kopf einfach zurücklegt, um sich unterhalten zu lassen – ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem zwischen Thriller und Romantikdrama sehr überzogen schwankenden „Random Hearts/Begegnung des Schicksals“. Zwar ist „Die Dolmetscherin“ auch in ähnliche Kategorien einzuordnen, aber die verschiedenen Elemente wurden zuschauerfreundlicher und gefühlvoller miteinander verbunden.
Die Schwierigkeiten des Films liegen deutlich im Drehbuch, das gleichzeitig Personendrama, eine vage aufkeimende Liebesgeschichte, Thrillerelemente und politische Elemente händeln muß und dabei nie so ganz die Balance halten kann (obwohl sie auch nie ganz verloren wird). Da der Fokus auch stark auf den Hauptfiguren liegt, ist so in dem Film für echte politische Botschaften wenig Platz – der Konflikt beschränkt sich also auf einen imaginären afrikanischen Staat, deren Probleme aus realen Konflikten in Europa und Afrika der letzten 20 Jahre zusammengebraut wurden.
An allgemeingültigen „Messages“ ist das Skript jedoch wenig interessiert, die latente Realitätsnähe nützt nur der Spannungsförderung. Ansonsten dreht sich das Interesse hauptsächlich darum, wie die Protagonisten miteinander auskommen und wieviel wir in sie Einblick erhalten.
In dieser Hinsicht ist der Film hervorragend gespielt: Nicole Kidman scheint überraschend verjüngt und bietet genug Mysterien um die Vergangenheit ihrer Figur auf, um die Zuschauer zu beschäftigen und gleichzeitig Mitgefühl zu erregen. Parallel dazu spielt Sean Penn ungemein schluffig und versumpft einen frisch verwitweten Secret-Service-Mann, der mit sich selbst nicht im Reinen ist, als er Gefühle für seinen Schützling entwickelt.
Die größte Schwäche neben dem vollgestopften Skript ist leider, daß die beiden Oscarpreisträger wunderbar neben- aber nicht miteinander spielen. Es fehlt deutlich an Chemie zwischen den beiden, obwohl Penn sogar manchmal Teddybärcharme entwickelt, aber irgendwie kommen die Figuren nicht zueinander. Kidman spröde und Penn traurig, die Zutaten verbinden sich nicht und wenn sie es tun, dann merkt man, daß es sich um einen Drehbuch-Dreh handelt. Jeder für sich ist aber hervorragend.
Demzufolge gibt es also, vor allem in der Filmmitte, mehr Drama als Thriller, obwohl die Fäden nie ganz fallengelassen werden. Besonders jedoch in den beiden beherrschenden Spannungssequenzen des Films, einer Busfahrt durch New York, in der verschiedene Interessengruppen samt ihrer Überwacher in einer grandiosen Spannungsmontage zusammentreffen und beim Showdown im UN-Gebäude, gibt es Spitzenqualität zu konsumieren.
Daneben kommt Pollacks Routine (er selbst spielt übrigens Penns Vorgesetzten) stark zum Tragen, keine aufgesetzten Bilder, dafür fängt er die Weltmetropole mit energischen und klaren (und natürlichen) Bildern ein. Er setzt auf handwerklich raffinierte, aber nicht übertriebene Visuals und sorgt für einen Realismustouch, den modernes Kino momentan zu verlieren scheint.
Ein Film, wie man ihn auch schon in den 70ern oder 80ern gern gesehen hat, altmodisches Spannungskino, nur durch das Skript an Großtaten oder Meisterschaft gehindert.
Trotzdem: ich habs genossen, klare Old School! (7/10)