Review

PS – Geschichten rund ums Auto (Staffel 1 und 2, 1

Was waren das für goldene Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, als man noch ohne Quotendruck – die Zuschauerzahlen mangels Konkurrenz in Bereichen, wie man sie heute kaum mit zigmillionenteuren Sportübertragungen erreicht – nach Herzenslust und unter Wahrnehmung des Bildungsauftrags Serien drehen und ausstrahlen konnte, die sowohl informativ als auch unterhaltend waren und in der damals noch nicht so genannten Prime-Time die Aufmerksamkeit des Publikums für ein bis eineinhalb Stunden beanspruchen durften. Wobei die Folgen eben so lange waren, wie es Drehbuch und Regie vorgaben. da die Erfindung des komplett durchorganisierten Programmschemas noch in der Zukunft lag. Da fing die zweite Abendsendung halt um 21.25 oder 21.50 Uhr an, jenachdem, ob die vorangehende PS-Folge eben 67 oder mal 91 Minuten lang war.
Man mag bezweifeln, ob ein großer Teil der damaligen Zuschauer der geradezu epischen Breite der behandelten Geschichten mitsamt ihren Verzweigungen und Nebenkriegsschauplätzen, dem ausführlichen, teilweise akademischen Diskurs bestimmter Aspekte menschlicher und juristischer Konfrontationen folgen konnte und wollte, aber für einen großen Teil der heutigen Fernsehkonsumenten darf man das mit Sicherheit verneinen. Sucht man im aktuellen Fernsehprogramm nach Vergleichbarem, kommt man höchstens noch auf die „Lindenstraße“, die ein wenig den Geist von „PS“ in sich trägt, andererseits aber mehr „Soap“ ist und ihre Botschaften in 25-Minuten-Häppchen verpackt, die dem gesunkenen Konzentrationsvermögen und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der modernen fast-food- und clip-gestählten Menschen Rechnung tragen. Wir sind doch alle ADHS.
Fast zehn Stunden dauern zusammengenommen die ersten beiden Staffeln von „PS – Geschichten rund ums Auto“. Aufgeteilt auf zweimal vier Folgen, ausgestrahlt im Zeitraum vom 18. bis 29. Mai 1975 bzw. vom 13. bis 22. Juni 1976 erzählt Autor Robert Stromberger erfundene Geschichten, die realer gar nicht sein könnten. Geschickt werden mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft, zwischen denen die Serie hin- und herspringt, wobei das „Autohaus Neubert“ als Zentrum fungiert, an dem die Ereignisse kulminieren und Personen interagieren, auseinanderdriften und sich irgendwann – vielleicht – erneut treffen. Den Blick, den die Serie dabei auf ihre Protagonisten und ihre Erlebnisse wirft, ist angesichts der Dramatik vieler Schicksale erstaunlich nüchtern, ohne jegliche Effekthascherei (und auch ohne Special Effects, die man keine Sekunde vermißt), mit trockenem, sarkastischem Witz, manchmal hinterhältig, aber nicht herzlos. In den Konfrontationen vermeidet das Drehbuch, sich auf die Seite einer Partei zu schlagen, die Standpunkte der Kontrahenten werden aus den jeweiligen Perspektiven schlüssig entwickelt und gegenübergestellt. Die Auflösung der Konflikte erfolgt, wie im richtigen Leben, mal durch das Recht des wirtschaftlich Stärkeren, mal durch ein Gericht, wobei die Betonung des Unterschieds zwischen „Recht haben“ und „Recht bekommen“ zum Konzept des Scripts gehört. Der Zuschauer ist aufgefordert, sich seine eigene Meinung zu bilden, das Gesehene mit eigenem Erleben zu verknüpfen. Eine der größten Stärken des Drehbuchs ist leider hier und da auch seine größte Schwäche. Besonders in der ersten und letzten Folge gerinnt diese Dialektik stellenweise zu einer etwas hölzernen, allzu akademischen und gewollt wirkenden Dramaturgie, die umso mehr auffällt, als die Geschichten ansonsten elegant und eloquent abgewickelt werden. Es ist auch die letzte Folge der zweiten Staffel, in weiten Teilen ein Gerichtsdrama, in der der Autor wirklich mal Partei nimmt, nämlich für eine Partei, die als Nebenkläger kaum wahrgenommen wird und doch den größten Schaden erlitten hat.
Bleibt noch anzumerken, daß der Serie durch ihren dokudramatischen Charakter eine wunderbare sozio-ökonomische Abbildung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit anno 1975 gelingt.

8 von 10 Punkten

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