[Vorsicht! Spoilerwarnung!]
„Welcome to oblivion.“ [„Willkommen in der Vergänglichkeit.“]
„Hellraiser IV“ war der letzte Film der Horror-Reihe, der in den Kinos zu sehen war und der letzte Teil mit Beteiligung Clive Barkers. Eigentlich wollte man mit diesem Film ursprünglich die Reihe beenden und seine Story arbeitet auch stramm auf dieses Ziel hin, denn hier sehen wir das definitive, endgültige Ende von Pinhead in einer fernen Zukunft. Außerdem offenbart der vierte Teil den Ursprung des magischen Zauberwürfels im 18. Jahrhundert. Der Film steht damit in der Chronologie der Saga sowohl ganz am Beginn als auch ganz am Ende - ein überambitioniertes Werk, welches den gewagten Versuch unternimmt, Historienfilm und futuristischer Sci-Fi-Horror zugleich zu sein. Der Film spielt zwar teilweise im Weltraum, doch seine Produktion stand leider unter keinem guten Stern: Regisseur Kevin Yagher hatte keine künstlerische Freiheit; für die Produktionsfirma sollte er seine fertige Version um viele Minuten beschneiden und der Film wurde letztendlich von einem anderen Regisseur beendet. Unzufrieden mit der finalen Version, ließ sich Yagher unter dem unrühmlichen Pseudonym „Alan Smithee“ in den Credits erwähnen. Man darf angesichts der offensichtlichen Schwächen des Films dennoch ein großes Fragezeichen daran setzen, ob Yaghers Cut ein signifikant besserer Beitrag geworden wäre.
Die Handlung beginnt im Jahr 2127 auf einer Raumstation. Dr. Paul Merchant ist im Besitz des Zauberwürfels und versucht mittels eines Roboters (der übrigens eine frappierende Ähnlichkeit zu dem Terminator T-800 aufweist) die Cenobiten herbeizurufen. Sein Plan ist es, Pinhead für immer zu vernichten, denn die Raumstation ist eine von ihm entworfene Falle, die auf einer uralten Zeichnung seines Vorfahren Philip L'Merchant beruht: Mit Hilfe ewigen Lichts in Form von sich selbst reflektierenden Lichtstrahlen sollen die Cenobiten endgültig ausgelöscht werden. Der Rest der Raumfahrttruppe glaubt Dr. Merchant natürlich kein Wort, sodass der nun erst noch die Zeit aufbringen muss, der Anführerin der Crew die Geschichte seines Stammbaumes zu erzählen, bevor sie die in Kürze zur HÖLLE gehende Station verlassen können. Die Weltraumbilder und die Kulissen der Raumstation sehen leider herausragend billig und unecht aus. Das hatte man gute 15 Jahre zuvor schon sehr viel besser in „Alien“ gesehen. Auch ansonsten bietet „Bloodline“ hier maximale TV-Optik, was der prätentiösen Natur dieses Films einen unsagbaren Bärendienst erweist.
Es folgt ein riesiger Zeitsprung in das Jahr 1796. In Frankreich fertigt „Spielzeugmacher“ Philip L'Merchant den Zauberwürfel im Auftrag für den Adeligen Duc de L'Isle an. Der und sein Gehilfe Jacques nutzen den Würfel, um damit eine finstere Magie zu beschwören: Dazu töten und häuten sie eine Frau, deren Haut fortan der mit fulminanten Zaubersprüchen herbeigerufenen Dämonin als Hülle dienen soll. Seine Kreation, die nun das Äußere der zuvor ermordeten Frau annimmt, nennt de L'Isle liebevoll „Angelique“. Die ist fortan die neue Prinzessin der Hölle, wird aber nach wie vor von Jacques als einer ihrer Beschwörer beherrscht, während de L'Isle unter nicht offengelegten Umständen stirbt – man kann sich zusammenreimen, dass er von Jacques getötet wurde. Hier kann der Film mit einigen Stärken punkten: Die Szenerien und Atmosphäre der historischen Handlung sind durchaus gelungen und tatsächlich auch etwas gruselig. Dafür sorgen gekonnt arrangierte Set Designs unter Verwendung warmer Farben und eine überzeugende Darstellung des Duc de L'Isle, welcher wirklich creepy, dement und besessen ankommt. Der Spielzeugmacher, der die schaurigen Vorgänge beobachtet hat, wusste natürlich nicht, dass er ein Medium erschuf, mit dessen Hilfe man die Tore der Hölle öffnen kann. So macht er sich an einen Gegenentwurf, um die Dämonen aufzuhalten: Er entwirft den Masterplan eines dreidimensionalen Raumes, in dessen Innerem ewiges Licht die Kraft hat, die Mächte des Bösen zu vernichten. Bei dem Versuch, den Würfel wieder zu entwenden, wird er allerdings von Jacques getötet. Sein Erbe, die Zeichnung, wird von seinen Nachkommen weitergegeben.
Nun ein erneuter Zeitsprung in die Gegenwart (1996): Philips Nachfahre John wird von Albträumen geplagt, in welchen ihm Angelique erscheint. Auf den Merchants lastet seit Philips Würfelkreation ein Fluch, und so ist es ihr vordringlichstes Ziel, diesen zu brechen, indem sie Philips Version ewigen Lichts vervollkommnen. Johns Werk ist ein großes Gebäude, dessen Entwurf auf Philips Plan basiert. Ein Raum des Gebäudes ähnelt dem Zauberwürfel, was man als behelfsmäßige Verlinkung zu „Hellraiser III: Hell on Earth“ werten könnte. Als Angelique auf Johns Vorhaben aufmerksam wird, sucht diese ihn auf und will ihn für ihre bösen Pläne benutzen. Weil Jacques nicht mitreisen will, tötet sie diesen kurzerhand. In Merchants Gebäude findet sie zufällig den magischen Würfel und ruft Pinhead herbei, mit dem sie zwar einige philosophische Meinungsverschiedenheiten hat, ansonsten aber ein großes Ziel teilt: Die Tore zur Hölle für immer zu öffnen. Alles an dieser Handlung ist derart weit herbeigeholt, undurchdacht und eklatant unlogisch. Am Ende dieser Zeitlinie versucht John, Pinhead und Angelique mithilfe des Lichts zu vernichten, scheitert jedoch und wird von Pinhead einen Kopf kürzer gemacht. Seine Frau hat indes allerdings die magischen Würfeltricks gelernt und kann so Pinhead und Angelique zurück in die Hölle befördern.
Nun springt der Film wieder zurück in die Zukunft und auf die Raumstation. Angelique ist mittlerweile von der Prinzessin der Hölle zu einer gewöhnlichen Cenobitin degradiert worden, deren Kostüm obendrein lächerlich und allzu künstlich aussieht – sehr schade um einen eigentlich interessanten Charakter, aus dem man mehr hätte machen können. Die Maske der „Twin Cenobites“ gehört ebenfalls nicht zu den besten Designs der Reihe und sieht unorganisch aus wie ein Radiergummi. Auch hat man die Twins zum Anlass genommen, noch mehr billige CGI-Effekte einzubauen. Der einzige Cenobit, der hier überzeugen kann, ist der eklig designte Höllenhund. Irgendwie lösen seine stocksteifen Bewegungen und dieses Zähneklappern originelle Beunruhigung aus und das kommt megagut an. Es werden noch einige unbedeutende Nebendarsteller von den Cenobiten um die Ecke gebracht, doch Spannung kommt hier zu keinem Zeitpunkt auf. Nicht mal Fans von Gore und Splatter kommen auf ihre Kosten, weil die Kills völlig unspektakulär und nicht sonderlich explizit ausfallen. Am Ende kann Dr. Merchant seinen Plan verwirklichen: Bereits entkommen, aktiviert er seine Falle und die Raumstation verwandelt sich in einen riesigen Würfel, der daraufhin explodiert und Pinhead (wahrscheinlich endgültig?) tötet.
Pinhead ist in diesem Film – abgesehen von seiner wie immer sehr gut gelungenen Optik – absolut nicht ernstzunehmen. Hatte er in den beiden ersten Teilen nur sporadische wortkarge Auftritte, erhält er hier übermäßig viel Bildschirmzeit und brabbelt Unmengen pseudointellektuelles Geschwafel. Er redet einfach viel zu viel und führt gestelzte Monologe, was ihm völlig seinen Schrecken nimmt. Und zuguterletzt lässt sich der doch so übermächtige, erhabene Höllenfürst von einem plumpen Effekt täuschen, da er nicht einmal die Fähigkeit besitzt, ein Hologramm von einem echten Menschen unterscheiden zu können. Zumindest kann man herzhaft lachen, wenn er völlig verdutzt zur Seite schaut und ratlos dreinblickt, nachdem er zum Narren gehalten wurde. Das ist leider keine bessere Version von Pinhead als die des stupiden Quälteufels, den er im dritten Teil darstellte. Auch Logikpatzer, die nicht in die Erzählung des Films passen, fallen auf: Pinhead erwähnt gegenüber Angelique, dass die „Hölle seit ihrer Zeit sehr viel besser organisiert sei“. Da Pinhead allerdings erst in der Zeit des ersten Weltkrieges erschaffen wurde und Angelique bereits im Jahr 1796, macht die Aussage keinen Sinn – Angelique war vor ihm da! Und wie der Würfel in einen Betonpfeiler hereingekommen sein soll, wirkt auch sehr beliebig und unschlüssig – schließlich wurde der Würfel in „Hellraiser III“ eindeutig ins Bodenfundament getaucht. Weshalb Pinhead Johns Sohn als „Köder“ braucht, ist ebenfalls unschlüssig. Schließlich verfügt er über eine solche Macht, dass keine weiteren Druckmittel erforderlich sind, um jemanden zu einer bestimmten Handlung zu bringen... und, und, und.
„Hellraiser IV – Bloodline“ bekommt genauso wie sein Vorgänger 5/10 Punkte, die auch hier mit bestem Wohlwollen vergeben werden, da man sich doch am Ende wieder gut unterhalten gefühlt hat. Angelique ist natürlich eine Augenweide, sehr charismatisch und der einzige interessante Charakter. Die Cenobiten sind – abgesehen vom Hellhound – enttäuschend. Besonders im Vergleich zu ihren Urahnen aus den beiden ersten Teilen wirken sie hier viel zu offensichtlich nur wie Produkte aus dem Studio. Schade, dass Angelique zu einer so generischen Figur verkommen ist. Die Handlung ist überhaupt nicht schlüssig, viele Dialoge wirken forciert und zusammenhanglos. Man will fair mit dem Film bleiben, weil sicher viele Teile fehlen oder gar nicht umgesetzt wurden, doch am Ende steht das Produkt eben so, wie es ist. Für mich bewegt er sich auf dem gleichen Level wie Teil 3 – unterhaltsam, trashig und kurzweilig, aber völlig unausgereift, billig, ungewollt komisch und nur über kürzere Strecken gruselig.