Keoma ist ein wunderbar apokalyptischer Western, der so dermaßen mit seiner Bedeutung schwanger geht und dabei nur so trieft vor pathosgeladener, symbolistischer Schicksalhaftigkeit, dass es eine wahre Freude ist, das alles auf sich wirken zu lassen! Man möchte fast niederknien vor Castellari und seiner Zeit, die ihm die Möglichkeit gab, so einen genial kitschigen und hinreißend hochtrabenden Rache-Reißer zu realisieren.
Wie ein Irrer spielt Franco Nero das Halbblut Keoma, das aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zurückkehrt und als eine Mischung aus Messias und Ur-Vigilante sein siechendes Heimatdorf aus den Fängen eines teuflischen Tyrannen zu befreien sucht. Einer schwangeren Schönheit gewährt er hierbei persönlichen Schutz, sein alter Freund und Bogenschütze (!) George (Woody Strode) steht ihm treu zur Seite. Und auch eine alte Familienangelegenheit will aus dem Weg geräumt werden...
Ein gutes Setting also für eine große Geschichte über Gut und Böse, Recht und Unrecht, Licht und Schatten, Himmel und Hölle. Der Rest ist dann Drama, Gewalt, Passion und die ganz, ganz große Geste – fantastisches Pathos also! In jedem Moment dieses Films, in jeder symbolhaft überladenen Einstellung, scheint das Schicksal der gesamten Welt auf dem Spiel zu stehen... und Keoma hat es in der Hand!
Dazu ein unfassbar salbungsvoller Soundtrack, der wie der Chor des antiken Dramas die wichtigsten Schlüsselszenen kommentiert, die symbolistisch total übercodierte Figur einer Hexe oder Seherin (oder so) und ein Ende, in dem Keoma wirklich zu einer Art Jesus wird... sogar ins Reich des Religiösen, der Mythen und Mysterien nimmt einen dieser Wahnsinnsstreifen also mit! Und da das alles in einer so surrealistisch-sonnengeblendeten Stimmung eingefangen wird, fühlt man sich in den besten Momenten von „Keoma“ irgendwie sogar ein bisschen wie bei Jodorowsky.
Aber natürlich ist das alles irgendwie Quatsch. Natürlich gibt es keinen tieferen philosophischen Sinn hinter dem allen, die Dialoge tun zwar so, als ob es um die ganz großen Fragen der menschlichen Existenz ging... aber jeder weiß, dass wir es hier mit einem U- und dazu noch mit einem B-Film zu tun haben und eine wie auch immer geartete ernsthafte Analyse dessen, was da so mega-bedeutend gebrabbelt und dargestellt wird, nicht erfolgreich sein kann... der Regisseur heißt immer noch Castellari und nicht Pasolini (oder auch Damiani oder eben Jodorowsky). Das muss auch mal gesagt werden dürfen und ist vielleicht auch sogar ein bisschen schade.
Doch andererseits: Eigentlich kann einem dieser Einwand ausnahmsweise bitte mal so was von egal sein! „Keoma“ ist ein großer Unterhaltungsfilm, der ganz und gar auf die fesselnde Zuschauerwirkung seiner pathetisch-symbolistischen Ästhetik setzt und nicht auf ihre lückenlose Diskursfähigkeit.
Und das funktioniert!