Dieser ungewöhnliche Beitrag zum Italowestern entstand Mitte der Siebziger, als dieses Subgenre langsam aber sicher in den letzten Atemzügen lag und sich sprichwörtlich tot geritten hatte. Der Markt war einfach übersättigt durch Hunderte artverwandter Produktionen, die sich gegenseitig das Wasser abgruben und zu oft kaum eigene Qualitäten vorzuweisen hatten. Hierzulande relativ unbekannt, genießt „Keoma“ unter Genrefans Kultstatus, da selten so pessimistische Western mit Sinn gedreht worden sind, die gleichzeitig auch noch zu unterhalten wissen.
Was „Keoma“ aus seinem Genre heraushebt, ist die experimentierfreudige Regie Enzo G. Castellaris („Ein Haufen verwegener Hunde“, „Der Tag der Cobra“), der hier eine postapokalyptische Atmosphäre verbreitet und sich in Schmutz, zerstörten Sets und unsympathischen Figuren nur so suhlt. Die Musik der Gebrüder De Angelis verhält sich dabei entsprechend der Bilder. Ihre Songs spielen auf die Personen an und unterfüttern Castellaris düstere Vision mit markanten Männergesang . Niedergebrannte Gebäude, durch und durch verdorbene Individuen, Pockenkranke und terrorisierende Marodeure dominieren das Geschehen, um das verbitterte und emotionell verkrüppelte Halbblut „Keoma“, das nach dem Bürgerkrieg wieder in seine Heimat zurückkehren will und dort nur Hass, Zerstörung und Habgier vorfindet. Die verwahrloste Stadt wirkt, nachdem die Kranken, wie Tiere, in einer Mine in Quarantäne gehalten werden, wie ausgestorben und nur sein Vater scheint der Alte geblieben zu sein.
Obwohl mit deutlich sichtbar niedrigem Budget gedreht, erweist sich Castellaris Inszenierung als sehr innovativ und experimentell.Castellari war für seinen individuellen Stil bekannt.
So darf Keoma beispielsweise, an der Farm seines Vaters angekommen, sich durch seine eigene Vergangenheit bewegen, um dann in einem fließenden Übergang seinen Vater zu begrüßen, den er seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Gegenwart und Zukunft kombiniert Castellari oft und gern – regt dabei den Zuschauer zum interpretieren an.
Aufgrund der finanziellen Möglichkeiten ist die Kameraarbeit natürlich längst nicht so ausgefuchst wie bei früheren Western der Marke Leone, jedoch finden sich immer wieder einfallsreiche Motive, wie das Abzählen von vier Opfern, die durch das Anwinkeln von vier ausgestreckten Fingern entblößt werden. Eine herrlich morbide Szene.
Die Selbstfindung, die er als Waise nun mal durchmacht, nimmt allerdings schon allein die ersten 40 Minuten des Films ein. Bis dahin lässt sich nur schwerlich ein Plot erkennen. So strukturlos sein Ritt vorankommt, so höher das Desinteresse des Zuschauers, da sich Castellari zwar auf optische Spielereien versteht, dabei aber das Erzählen ein wenig aus den Augen verliert. Auch später soll er die Geschichte immer wieder etwas ruppig und roh weiterführen und nicht immer kann man als Zuschauer sofort nachvollziehen, worauf Castellari gerade abzielt. Zudem wirken einige Elemente, wie das orakelhafte Weib, ein wenig zwanghaft bedeutungsschwanger
Auf was der Film hinausläuft ist angesichts der nicht sonderlich außergewöhnlichen Konstellation schnell klar, denn die Truppe um den ehemaligen Offizier Caldwell, der sich auch seine drei Halbbrüder angeschlossen haben, sieht es natürlich nur ungern, dass Keoma sich für die Unterdrückten einsetzt und so kommt es zu einem ausufernden Showdown in der Stadt, bei der das Halbblut dann nicht nur Hilfe von seinem Vater (William Berger, „Der Gefürchtete“, „Ein Halleluja für Camposanto“), sondern auch vom ehemaligen Sklaven George (Woody Strode, „Hügel der blutigen Stiefel“, „Der Tod des Paten“) bekommt.
Im Finale verbeugt sich Castellari ganz tief vor Sam Peckinpah („The Wild Bunch“, „Cross of Iron“), indem er dessen Stil nicht nur huldigt, er zelebriert ihn. Jeder Statist stirbt in einer ausführlichen Zeitlupensequenz, wenn Keoma zurückschlägt. Kompromisslos führt er dieses Aufeinandertreffen zu Ende. So gekonnt bis hierhin Bild und Ton auch in Einklang gebracht werden – am Ende verzettelt sich der Regisseur dann leider in einem gekünstelt wirkenden Stacatto aus den Schreien einer gebärenden Frau und weiteren Slowmotionkills, das zu exzentrisch und abgefahren das Ende einleitet.
Franco Nero („Django“, „Der Tag der Eule“) spielt stark auf, nicht so gut wie in seinen besten Filmen, aber mehr als nur solide und beweist, trotz seines eigentümlichen Looks, der den inneren Zustand seiner Figur widerspiegelt, dass zu den Prototypen des wortkargen Revolverhelden zählt. Mit mit seinem Freund William Berger und dem charismatischen Woody Strode erhält er dabei einen exzellenten Supportcast, der schauspielerisch Donald O'Brien („Ein Halleluja für zwei linke Brüder“, „Mannaja - Das Beil des Todes“) und seine Brut locker im Schach hält.
Fazit:
„Keoma“ ist mit seiner drückenden, düsteren Atmosphäre sicher ein außergewöhnlicher Western, der erzählerisch allerdings öfter Schwächen offenbart. Enzo G. Castellari Inszenierung strotzt nur so vor Einfallsreichtum, was angesichts der Tatsache, dass in dem Genre zu oft lediglich voneinander kopiert wurde und Innovationen nur von den großen Regisseuren etabliert wurden, nur noch wertvoller erscheint. Seine Actionszenen sind eine deutliche Peckinpah-Hommage, die der Meister selbst kaum besser inszeniert hätte.
Mit Sicherheit ein außergewöhnlicher Western, doch zu Werken wie „Leichen pflastern seinen Weg“, „Spiel’ mir das Lied vom Tod“, oder der „Dollar“ – Trilogie fehlt ein kleines Stück. „Keoma“ gehört zu den rohen, düsteren Spätwestern, von denen aber nur ganz wenige noch echte Klasse besaßen.