Endlich "Keoma", diese Bildungslücke galt es zu schließen. 1976, der Western war seit circa fünf Jahren praktisch tot, und schon mal so viel, dieses Werk wird es trotz großen Erfolgs auch nicht wieder zum Leben erwecken. Franco Nero, ein Jahrzehnt nach Django in ähnlichem Figurenschema, allerdings mit furchtbarer Hippie-Matte und befremdlichen Mountie Ranger Hut. Spät-Western trifft Post-Flower-Power und ergibt einen zotteligen Sack grimmiger Flöhe. Im Hintergrund trällern bedeutungsschwere Balladen, was den Einstieg nicht gerade besser macht. Eher genre-ferne Klänge, aber bemerkenswerterweise mit handlungsbegleitender Funktion. So weit, so mäßig. Enzo Castellari's Werk gilt als Klassiker, dafür muss es wohl Gründe geben. Italo-Western heißt Schmutz, und der ist überall und in jeder Ausprägung. Wir befinden uns nach dem Bürgerkrieg, mitten in einer Pocken-Welle, also ausschließlich Gefühle von Post-Apocalypse, Dystopie, keinerlei Hoffnung. Die Stimmung passt, die Typen auch, die Story ist anfangs die üblich gut funktionierende, aber dennoch erreicht mich das Ganze nur in Maßen. Eine Abgrenzung von der Massenware wird auf jeden Fall durch die technischen Stilmittel erzeugt. Flashbacks, interessante Kamera-Perspektiven, Zeitlupen-Shootouts, blutige Zeitlupen-Shootouts! Da kommt einen unweigerlich Peckinpah in den Sinn. Tatsächlich, Castellari nannte ihn einen großen Einfluss. Im Verlauf bekommt die Story mehr Facetten, hinsichtlich der zahlreichen Sinnbilder aber auch einen ziemlich dick aufgetragenen Überbau. Das gipfelt in einem Arthouse-Action-Mix-Finale, welches mich relativ sprachlos zurückgelassen hat, nicht unbedingt positiv sprachlos.
Letztendlich wird trotz aller Lobesgesänge deutlich, dass eher ein Sergio Corbucci als ein Sergio Leone hinter der Kamera saß. Wenn man auf die sonstige Vita von Castellari schaut, nicht mal Corbucci. Viel gewollt, einiges gekonnt.