Was hat Luis Bunuel nur falsch gemacht, daß man einen so unterhaltenden und spannenden Film wie "Der Würgeengel" heute nahezu vergessen hat ?
Vielleicht schadet ihm ja die große Anerkennung, die der Film in sogenannten "Insiderkreisen" genießt und die seine Verbreitung wegen des Verdachts übertriebener Intellektualität eher behindert ?
Auch das Etikett "Surrealismus", daß an seinen Werken klebt, klingt nach Abgehobenheit, dabei hatte Bunuel die Ästhetik des radikalen Surrealismus schon lange hinter sich gelassen. Luis Bunuel war ähnlich wie Hitchcock zuerst immer an einer guten Story interessiert, an nachvollziehbaren Charakteren und an schlüssigen Entwicklungen bezüglich deren Verhaltens innerhalb einer extremen Situation. So ist "Der Würgeengel" vordergründig ein schnell erzählter, äußerst abwechlungsreicher Film, der Bunuel genügend Gelegenheit gab, seine überragende Meisterschaft als Regisseur zu beweisen.
Denn der Film ist äußerst dialoglastig und spielt mit etwa zwanzig Protagonisten fast die gesamte Spielzeit nur innerhalb eines Raumes. Trotzdem wirkt das gesamte Geschehen immer geordnet, die große Gruppe agiert wie eine homogene Masse, aus der regelmäßig individuelle Aktionen heraustreten, die es dem Betrachter ermöglichen, die einzelnen Charaktere besser zu begreifen und gleichzeitig immer auf der Höhe des Geschehens zu bleiben.
Vielleicht hätte man dem "Würgeengel" besser das Etikett "Horror" oder "Katastrophenfilm" zugeordnet, denn um nichts anderes handelt es sich bei diesem Film. Bunuel erzählt hier die klassische Geschichte einer Gruppe, die in eine unerwartete Notlage gerät, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt. Schon in frühen Kriminalstücken wie etwa Agatha Christies "10 kleine Negerlein" oder als jüngeres Beispiel "The Cube" brauchte irgendwann der Mörder (oder allgemeiner der Verursacher) gar nicht mehr selbst einzugreifen, da die Protagonisten das tötliche Treiben schon selbst erledigten. Und immer war eine klaustrophobe Situation, aus der es keinen Ausweg gab, der Ausgangspunkt. Dieser Fakt, auf dem eine Vielzahl von Horrorfilmen aufbauen, ist immer surreal und einen anderen Effekt wendet Bunuel hier auch nicht an. Bunuel selbst hat die Konstellation auch mit dem Beispiel von Schiffbrüchigen verglichen, die sich alle im selben Rettungsboot auf offener See befinden - ein Thema, daß Hitchcock ganz konkret umgesetzt hat.
Der Unterschied liegt bei Bunuel nur in der Rollengestaltung, denn diese ist bei ihm politisch geprägt. Im Gegensatz zu klassischen Horrorfilmen, die meist beliebte Stereotypen aufeinanderhetzen und eine (entweder coole oder moralisch einwandfreie) Figur zur Identifikation anbieten, ist die hier eingesperrte Gruppe äußerlich homogen. Bunuel schildert eine vornehme Gesellschaft, die zu einem luxuriösen Abendessen in der Villa Nobile zusammenkommt. Ganz deutlich arbeitet Bunuel die Unterschiede zwischen den Bediensteten und den Bürgerlichen heraus, für die das Einhalten der Etikette zur Betonung ihres Standes von besonderer Bedeutung ist. Merkwürdigerweise verlassen diesmal die Hausangestellten - bis auf den Butler - die Villa schon vor dem Beginn der Feier, wovon sie die Hausherrin auch mit Drohungen nicht abbringen kann.
Der Übergang bis zu dem endgültigen Bewußtsein, dem Salon nicht mehr entkommen zu können, zeigt Bunuels überragende Meisterschaft in der Entwicklung einer Story. Zuerst wirkt die Unfähigkeit, nicht weggehen zu können wie ein typischer Gruppenzwang. Keiner will der Erste sein, der geht - auch um nichts zu verpassen und nicht als Außenseiter dazustehen. Als dann eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten, ein älterer Dirigent ,sich zur Ruhe legt, verursacht das zwar Verwunderung, zieht aber auch Nachahmung nach sich ,bis letztendlich Alle da bleiben und auch zum Erstaunen der Gastgeber im Salon übernachten wollen. Erst am nächsten Morgen, als nicht wie üblich Lieferungen zum Frühstück eintreffen, muß die Gesellschaft konsterniert feststellen, daß sie nicht in der Lage ist, den Salon durch die geöffnete Tür zu verlassen.
Entsprechend Bunuels politischer Haltung ist der Blick auf die bürgerliche Gesellschaft äußerst böse, auch wenn er keine einzelne Person negativ darstellt. Aber er demontiert die Gruppe, die er mit Hunger, Durst und immer stärker werdender HIlflosigkeit konfrontiert, zu Wesen, die nur noch ums Überleben kämpfen und jegliche Kontenance und Erziehung fallenlassen. Aus dem zeitlichen Kontext gesehen, konfrontiert Bunuel die Abendgesellschaft nur mit dem, was für einen Großteil der Bevölkerung in Mexiko völlig normal war. Und er verdeutlicht damit, daß auch die sogenannte bürgerliche Klasse, die so viel Wert legt auf gutes Benehmen und Umgangsformen und daraus ihre natürliche Überlegenheit begründet, unter lebensbedrohlichen Bedingungen nichts mehr davon aufrecht halten kann.
Aber eine solche Weisheit allein, wäre bei Bunuel viel zu eindimensional. Er zeigt auch auf, daß die bürgerliche Klasse sich durch Konservativität selbst erhalten kann, daß sie nicht im Geringsten lernfähig oder selbstkritisch ist und das sie sich auf die knüppelharten Argumente seiner Polizei verlassen kann. Und dabei bleibt der Mann immer locker und unterhaltend...
Fazit : "Der Würgeengel" ist eine geniale Mischung aus einer horrorartigen Situation, die genregerecht auf die Spitze getrieben wird und einer konsequenten politischen Abrechnung mit der von Bunuel gehassten Bourgeoisie.
Zu Unrecht ist dieser unterhaltende und spannende Film in Vergessenheit geraten, abgesehen davon das er nie die Breite des Publikums erreichte. Dabei gelingt Bunuel hier eine äußerst seltene Kombination - Anspruch und Unterhaltung in seiner besten Form (10/10).