Luis Bunuels "Le journal d'une femme de chambre" weist seinen Schöpfer als linksintellektuellen Ankläger eines alteingesessenen ländlichen Bürgertums aus, dessen polemische Anprangerung im ganzen ein wenig hilflos und flach ausfällt. Dies kann aber nicht über die künstlerische Souveränität und ästhetische Konsequenz hinwegtäuschen, mit der der Film gestaltet wurde. Jeanne Moreau bewährt sich in ihrer ersten Kooperation mit Bunuel hervorragend und wird von weiteren guten Darstellern wie Michel Piccoli oder Georges Géret flankiert.
Auch die Bildsprache, in der sich Bunuel ausdrückt, enttäuscht nicht. Auffällig ist die ausgeprägte Tiersymbolik. Ein kleines Mädchen sammelt Schnecken, ein Schmetterling wird erschossen, eine Gans wird gequält, als Stellvertreter des bösen Joseph rennt ein wilder Eber durch den Wald. Ebenso programmatisch werden die obskuren Fetische der gelangweilten Bourgeoisie ins Bild gerückt, ob es nun Schuhe, Kunsthandwerksgegenstände oder die wollüstig beäugten Frauen selbst sind. Schade, dass das alles nur zu dem altbekannten Zweck eingesetzt wird, das spießige Bürgertum, den Lieblingsfeind vieler Regisseure, als Hort der Perversion hinter einer polierten Fassade darzustellen. Aus einer Sicht, die die Denkstrukturen der 68er überwunden hat oder es zumindest versucht, wirkt diese Art der Darstellung reichlich abgestanden, erscheint als eine billige Rache der Künstlerbohème am verhassten "Establishment".
Während sich in den oberen Stockwerken des Landschlösschens die wohlsituierten Herrschaften langweilen und von ihren Lüsten beherrscht in den Tag hineindämmern, braut sich im Keller das rechtsradikale Unheil zusammen. Joseph, ein totales Scheusal und mutmaßlicher Kindermörder, hetzt zusammen mit dem Küster des Dorfes gegen Juden, Zigeuner und andere Minderheiten. Eine derartige Denkart zu kritisieren, sei Bunuel bzw. seinem Drehbuchautor Carrière sowie Mirbeau, dem Verfasser der im 19. Jahrhundert angesiedelten Romanvorlage, ganz unbenommen, aber muss er zu dem allzu plakativen polemischen Mittel greifen, den Vertreter der verhassten Mentalität ein derart schlimmes Verbrechen wie den Mord an einem Kind begehen zu lassen?
Am Ende bleibt der zwiespältige Eindruck, einen künstlerisch hochwertigen Film gesehen zu haben, der dennoch auf einem sehr platten Niveau politische Polemik betreibt. Die vielerorts zu findenden Höchstwertungen kann ich daher nicht teilen.