Filme aus Deutschland haben bei den Filmfreaks meist leider keinen allzu guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde, gibt es doch bei genauerem Hinsehen auch in Deutschland viele Filmperlen zu entdecken und in anderen Ländern mindestens genauso viele Flops wie hier. Und vor allem in Sachen Drama und Kriminalistik haben die Deutschen durchaus etwas drauf, wie z. Bsp. Filme alla "Jenseits der Stille" in punkto Dramatik oder unterschiedlichste TV-Krimis alla "Tatort" etc. beweisen. Hier haben wir nun "Boran", der eine Mischung aus spannendem Kriminalfilm und packendem Außenseiter-Drama angepriesen wird. Leider kann aber nun gerade dieser Film nichts am angeknacksten Ruf deutscher Filme ändern, denn "Boran" ist, trotz aller spürbarerer Bemühungen, nur unterdurchschnittlich ausgefallen und funktioniert auch nur in einem der beiden Genre.
Dabei wird storymäßig durchaus etwas geboten. Der Einsiedler Boran, der vor vielen Jahren seine Frau und sein Kind bei einem Autounfall verloren hat, tristet ein einsames Leben, mitten im Nirgendwo. Eines Tages erhält er allerdings Post von einem Jugendamt, dass angeblich seine 12 Jährige Enkelin beherbergt. Hin und her gerissen, was denn nun überhaupt wahr ist, macht sich Boran darauf die Wahrheit herauszufinden und "entführt" das Kind aus dem Heim. Doch die Polizei ist ihm schon auf den Fersen. Im Grunde bietet die Story wirklich viel Platz, um ein dramatisches, anrührendes Drama mit spannender Kriminalistik zu vereinen. Die Ansätze sind clever ausgedacht und passen eigentlich auch zu einander. Leider aber ist das Drehbuch nur bei der (geringeren) Krimihandlung wirklich gut.
Der Dramapart ist nämlich über und über klischeehaft ausgefallen und probiert, nicht nur einmal, auf die Tränendrüse zu drücken. Vor allem die Hauptfiguren strotzen nur so vor Klischees oder sind arg fehlerhaft, in ihrer Zeichnung. Clara, das 12 Jährige Straßenkind, ist natürlich böse, rüde, kriminell und hat keinerlei Respekt gegenüber den Erwachsenen, bevor sie sich bei ihrem "Opa", plötzlich, einer wundersamen Wandlung unterzieht und am Ende ein Engel auf Erden ist. Boran, der Opa selbst, ist ein Einsiedler, hat aber irgendwie keinerlei Probleme, sich um das Kind zu kümmern und empfindet ein merkwürdiges Einfühlungsvermögen gegenüber dem Stadtgör, obwohl er doch schon seit über 20 Jahren keine Stadt mehr gesehen hat. Und die Polizisten sind natürlich auch allesamt irgendwie Rüpel mit Herz, die zwar erst einmal einen auf knallhart machen, bevor sie dann doch noch weich werden. (Bis auf einen, dem "Bösewicht" des Films!) Ja, irgendwie hat man solche Figuren schon überall mal gesehen und wirken hier, in dieser Zusammenstellung, einfach nur merkwürdig, unglaubwürdig und eben sehr klischeehaft auf den Zuschauer, so das dieser auch keine Sympathien für sie entwickeln kann.
Dazu dann noch die mächtige Tränendrüsendrückerei, die aber leider mehr als nur aufgesetzt wirkt. Man hat immer wieder irgendwo das Gefühl, dass der Zuschauer unbedingt zum Weinen gebracht werden will. Z. Bsp. werden immer wieder dramatische Flashbacks von Boran gezeigt, die an jene Stellen gar nicht so recht passen wollen und zum Schluss darf natürlich auch nicht auf einige bittere, gedrückt wirkende, Stellen verzichtet werden. Hier wäre weniger "Druck" durchaus mehr gewesen.
Was allerdings wirklich funktioniert ist der Krimipart, der allerdings recht kurz kommt. Die spannende Frage, wer dieses Mädchen nun eigentlich in Wirklichkeit ist, was aus den Eltern wurde und wie es überhaupt an Boran und seine "Adresse" gekommen ist, hält den Zuschauer dann doch mitunter bei Laune und hält auch einen gewissen Spannungsgrad aufrecht, der aber durch den viel zu lang gezogenen und, wie schon erwähnt, alles in allem recht unglaubwürdigen Dramapart, immer wieder kurz davor ist einzubrechen. Die Auflösung ist dagegen dann zwar, vergleichsweise, relativ simpel ausgefallen, kann aber dennoch zufriedenstellen.
Und auch die Inszenierung an sich, darf man als positiv bewerten. Die Einsiedler-Kulissen sind allesamt erstaunlich gut ausgewählt worden und bürgen für eine gewisse Atmosphäre. Nebelschwaden über dem Teich z. Bsp. verfehlen auch hier ihre Wirkung nicht. Dazu eine, in jeder Hinsicht, passende Musikuntermahlung, die stimmig ist und auch noch einen Teil zu Atmosphäre beiträgt. In diesem Punkt braucht man sich jedenfalls nicht zu verstecken.
Die Darstellerleistungen können zudem noch einiges retten, zumindest die der bekannteren Schauspieler. Matthias Habich ist als Einsiedler Boran dann doch recht überzeugend ausgefallen, soweit es seine klischeehafte Figur es eben zulässt. Henry Hübchen ist, als knallhartes Bullenschwein (besser kann man ihn hier nicht beschreiben;)), ebenfalls nicht zu verachten und Mehmet Kurtulus ist, als sein, erst harter dann weicher, Kollege, auch soweit in Ordnung. Nur die kleine Karoline Teska spielt viel zu überzogen und geht einem schnell auf die Nerven. Es mag an ihrem überzogenen Charakter liegen, aber ich denke mal, dass es auch bei einer ausgefeilteren Figur nicht viel besser geklappt hätte. Aber nun gut. Das kann ja noch werden.
Fazit: Leider ziemlich verschenkte Mischung aus Drama und Krimi, die nur an ihren Krimistellen zu guten Leistungen aufläuft, aber ansonsten nicht viel mehr zu bieten hat, als klischeebehaftete Figuren, eine langatmige und wenig überzeugende Drama-Handlung und einem Druck auf die Tränendrüse nach dem Anderen. Nur die tollen Kulissen, die wunderbare Musikuntermahlung und der (meist) überzeugende Cast, können "Boran" vor dem Fall, zur belanglosen 08/15-Schnulze mit Krimianleihen, retten.
Schade eigentlich! Da hätte man viel mehr draus machen können. Auch bei uns!
Wertung: 4/10 Punkte