Hitchcock selbst hatte kaum lobende Worte für „Bei Anruf Mord“ übrig. Für ihn war dies ein Film, den er nur schnell hinter sich bringen wollte, weil er sich gedanklich längst bei seinem nächsten Projekt aufhielt, das „Das Fenster zum Hof“ heißen und seine beste, zehn Jahre währende Karrierephase einläuten sollte. Sehr zur Freude von Hitchcock konnten die Dreharbeiten dann auch flott nach etwas mehr als einem Monat abgeschlossen werden.
Viel Aufwand war auch gar nicht nötig, „Bei Anruf Mord“ ist schließlich nicht viel mehr als ein auf die Leinwand gebrachtes Theaterstück, bei dem die Kamera nur in vereinzelten Momentaufnahmen die Füße vor die Tür setzt (sogar für eine sehr kurze Szene vor Gericht beließ man es dabei, Grace Kelly einfach vor eine Wand zu setzen - auf den Aufbau eines Saals wurde verzichtet). Ein Großteil der Handlung spielt sogar nur in einem einzigen Raum. Die größte technische Herausforderung war für Hitchcock sicherlich die vom Studio aufoktroierte Forderung, den Film in 3D zu drehen, worauf der Regisseur nicht die geringste Lust hatte (und letztlich sollte 3D ja auch lediglich eine äußerst kurze Modeerscheinung bleiben, die so schnell ging, wie sie gekommen war). Er beließ es bei einigen wenigen Einstellungen, in denen er wichtige Gegenstände wie einen Schlüssel oder die berühmte Schere in den Mittelpunkt des Interesses rückte. Auf dem Fernsehbildschirm ist davon natürlich nichts mehr zu bemerken.
Macht aber nichts, schließlich guckt man als Hitchcock-Fan seine Filme, um sich prächtig unterhalten zu lassen, und nicht wegen solcher Effekte – und Hitchcock enttäuscht uns nicht. Mit „Der Fremde im Zug“ und dem wesentlich sperrigeren „Ich beichte“, der folglich auch wenig erfolgreich an der Kinokasse war, hatte er nämlich zurück in die Erfolgsspur gefunden, aus der er zwischenzeitlich für ein paar Jahre herausrutschte, und präsentiert sich hier in ausgezeichneter Verfassung. Seine mangelnde Begeisterung für den Stoff merkt man dem Film an keiner Stelle an: Der ehemalige Tennisspieler Tony (Ray Milland) erpreßt den Kriminellen Lesgate (Anthony Dawson), seine wohlhabende Frau Margot (Grace Kelly) umzubringen. Der Plan mißlingt, Margot kann den Mann in Notwehr töten. In der Folge versucht Tony nun heimlich, die Spuren so zu verwischen, daß die Polizei glaubt, Margot habe den Tod Lesgates genauestens geplant...
Eine für ihn reizlose Geschichte trotzdem in einen Film umzuwandeln, dem der Zuschauer von Anfang bis Ende mit höchster Aufmerksamkeit zu folgen bereit ist, zeigt, daß Hitchcock sich im Vollbesitz seiner Kräfte befand. Diese Fähigkeit sollte ihm in seinen Spätwerken, als er sich bereits auf die 70 zubewegte, abhanden kommen, als seine Lustlosigkeit sich auch überdeutlich auf seine Filme („Topas“, „Der zerrissene Vorhang“) übertrug.
Vielleicht war aber auch die Anwesenheit Grace Kellys der Grund, warum Hitchcock sich am Riemen riß, denn nach Madeleine Carroll und Ingrid Bergman durfte er das dritte Mal mit einer Schauspielerin zusammenarbeiten, die voll und ganz seinem Wunschbild einer Traumfrau entsprach: blond, jung, wunderschön, noch nach seinen Vorstellungen formbar – schlichtweg genau der Typ Frau, der unnahbar erscheint und dem es jederzeit zuzutrauen ist, daß er einem Mann auf den Rücksitz eines Taxis an die Wäsche geht, wie der Master of Suspense einmal erzählte. Akribisch suchte er für die spätere Fürstin von Monaco die Garderobe aus, immer darauf bedacht, sie nur im besten Licht erscheinen zu lassen. In „Bei Anruf Mord“ legte er sein Augenmerk darauf, die Kelly in immer dunklere Kleider zu stecken (von strahlendem Weiß ins dunkle Grau), je länger der Film dauert und je stärker sich die Schlinge um ihren Hals zuzieht – eine nette kleine Spielerei, die im Film jedoch weniger stark auffällt, als es die Häufigkeit, mit der die Anekdote herangezogen wird, vermuten läßt.
„Bei Anruf Mord“ genießt unter Hitchcock-Fans hohe Popularität, und das, obwohl der Film zu den eher unscheinbaren Werken des Regisseurs zählt. Richtig berühmt geworden ist lediglich die Mordsequenz, welche auch völlig zu Recht als absoluter Leckerbissen angesehen wird, weil sie einerseits – wie so oft bei Hitchcock – bis ins kleinste Detail perfekt ausgearbeitet ist, um erhöhten Herzschlag zu verursachen, und uns andererseits wieder einmal Hitchcocks grandiose Manipulationskünste vor Augen führt: Anstatt zu hoffen, Tonys Mordplan möge in die Hose gehen, ertappt sich der Zuschauer dabei, wie er Tony insgeheim die Daumen drückt, als sich ihm unerwartete Hindernisse in den Weg stellen (seine Armbanduhr bleibt stehen, die Telefonzelle ist besetzt, von der aus er Margot Punkt 23 Uhr anrufen möchte, damit Lesgate wie verabredet zur Tat schreiten kann und nicht unverrichteter Dinge wieder abzieht) und die Ausführung des Mordes gefährden.
Ansonsten geizt Hitchcock mit Suspense. Davor und danach liefert er uns stattdessen ein Aufmerksamkeit erforderndes Dialogstück, wie er es schon bei „Rope“ tat, nur daß das beim Publikum 1948 weniger gut ankam, was gewiß nicht nur an der ungewöhnlichen Inszenierung (ein 80-Minuten-Film, der aus nur einer einzigen Einstellung zu bestehen scheint) lag, sondern auch daran, daß viele Zuschauer mit dem sich wie ein roter Faden durch die Handlung ziehenden philosophischen „Mord ist eine Kunst“-Geschwafele schlichtweg nichts anzufangen wußten. Hier hingegen ist es wesentlich leichter, einen Zugang zu finden, denn Tonys Motiv ist ein nachvollziehbareres: Er will an das Geld seiner reichen Frau und sieht Mord als einzigen Ausweg. Und als das nicht funktioniert, muß er halt zu anderen Mitteln greifen, um Margot loszuwerden.
„Bei Anruf Mord“ hält drei große Handlungsabschnitte bereit, die einen gleichsam bei Laune halten. Zunächst einmal wäre das die von Tony sorgfältigst ausgetüftelte Mordplanung: Wie gebannt hängt man knappe 15 Minuten lang an seinen Lippen, als er den unter einem Vorwand in sein Haus eingeladenen Lesgate, über dessen kriminelle Vergangenheit nach monatelanger Beschattung und Recherche er genau informiert ist, nach kurzem Vorgeplänkel süffisant lächelnd zu erpressen beginnt und ihn anschließend Schritt für Schritt in seinen scheinbar lückenlosen Plan einweiht. Am Ende bleibt dem armen Lesgate gar nichts anderes mehr übrig, als sein Okay zu geben.
Wie gesagt geht alles schief, der Täter wird unfreiwillig zum Opfer und das Opfer unfreiwillig zum Täter, der vortrefflich überlegte Mordplan wird in kürzester Zeit über den Haufen geworfen. Man könnte denken, nun werde der Film in ein Loch fallen (wie in „Vertigo“ nach Madeleines Sturz vom Turm oder wie in „Psycho“ nach dem Duschmord), weil alles, worauf er bisher hinarbeitete, mit einem Mal umgestürzt wurde. Pustekuchen: In Nullkommanix arrangiert sich Tony mit der neuen Situation und erstellt einen Alternativplan und beseitigt gewissenhaft alle Spuren, die auf eine Notwehrhandlung Margots hindeuten, wodurch die Spannungskurve nur leicht absackt und immer noch weit genug im oberen Bereich gehalten wird, um das Interesse nicht schwinden zu lassen. Es scheint also plötzlich doch möglich, daß er seine Frau noch los wird, und zwar mittels Hinrichtung.
Sobald er das geschafft hat, ist die Ratespielphase eingeleitet. Natürlich wollen wir nicht, daß Tony damit durchkommt und da auch Margots (vermeintlich) heimlicher Geliebter und Kriminalschriftsteller Mark (Robert Cummings) keine Ruhe gibt – immerhin will er sich nicht damit abfinden, daß Margot eine Mörderin ist – und sich sehr aufdringlich als Nick Knatterton versucht, indem er mögliche Tathergänge konstruiert, wird Spannung aus der Frage gezogen, ob und wenn ja wo Tony einen Denkfehler gemacht haben könnte, der doch noch zu seiner gerechten Überführung führen würde – und tatsächlich hat er einen gemacht, auf den der Erstseher mit etwas Kombinationsgabe selbst kommen kann. Die Ermittlungen führt Inspektor Hubbard (John Williams) durch, der in getreuer Columbo-Manier den Schuft in Sicherheit wiegt, obwohl er frühzeitig mehr Verdacht gegen Tony hegt, als er ihm gegenüber zugibt.
Ray Milland ist großartig und dem Zuschauer sympathischer, als er es verdient hätte (erst will er seine Frau umbringen lassen, und als das nicht klappt, will er sie an den Galgen liefern), Grace Kelly weiß zu überzeugen und wird von Hitchcock immer von ihrer vorteilhaftesten Seite gezeigt, selbst als Hingerichtete in spe, auch wenn sie drehbuchgemäß noch nicht so glamourös rüberkommt wie in „Das Fenster zum Hof“ und vor allem in „Über den Dächern von Nizza“. Anthony Dawson bleibt hauptsächlich wegen der Mordszene und des theatralischen Sturzes auf den Rücken, in dem die Schere steckt (autsch!), in Erinnerung, liefert aber auch sonst eine tadellose Leistung. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Robert Cummings, dem Hauptdarsteller aus „Saboteure“, während John Williams einen humorvollen Inspektor mimt, der die zunehmend ernster werdende Geschichte angenehm gemütlich und entspannend aufpeppt und seinen Teil dazu beiträgt, daß „Bei Anruf Mord“ einer von den Hitchcock-Filmen ist, die man sich immer wieder gern ansieht, gerade wegen des kleinen spielfreudigen Schauspielerensembles.
Ende der 90er folgte ein Remake des Streifens mit Michael Douglas und Gwyneth Paltrow, „Ein perfekter Mord“, das überraschend gut ausgefallen ist, allerdings an seiner kalten Atmosphäre und den wenig sympathischen Figuren leidet. Deshalb ist das Original nach wie vor die erste Wahl, denn es mag sich zwar um einen von Hitchcocks unwichtigeren Filmen handeln, aber Schwamm drüber, dies hier ist und bleibt Unterhaltung in Reinkultur – und nichts anderes hat Hitchcock sich auf die Fahnen geschrieben. 8/10.