Review

Viele gute Regisseuere verschwanden mit der Stillegung der Shaw Brothers Studios 1985 in der Versenkung; sie hörten einfach auf, weil sie nicht mehr wollten, schon zu alt waren und sich zur Ruhe setzten oder weil ihnen keiner mehr das Geld für ihre Projekte gab. Weil sich die Zeiten geändert haben und das Publikum etwas Anderes, Frischeres sehen wollte und sie dass nicht liefern konnten oder nicht beabsichtigten, sich auf die alte Tage noch einmal neu anzupassen. Wenn noch etwas von ihnen erschien, dann hatte es meist weder die Aufmerksamkeit des Publikums noch kam es über eine Mund – zu – Mundpropaganda über gute Kritiken auf den Geheimtippstatus.
Chu Yuan zum Beispiel hatte sicherlich noch Diary of a Big Man vorzuweisen, der allein über seinen Stars Chow Yun Fat, Joey Wong und Sally Yeh lief; aber auch der Film gehört nicht zu denen, die selbst Chow – Fans ihr Eigen nennen. Es folgt noch Bloodstained Tradewinds, den keiner gesehen hat und Sleazy Dizzy, der das gleiche Schicksal trägt. Chu Yuan wechselte also ab 1985 einfach komplett das Metier und wurde plötzlich Schauspieler.
Chang Cheh schuf noch Ninja In Ancient China, Hidden Hero, Slaughter In Xian, Across The River und Great Shanghai 1937; die Meisten der Titel fallen einem wohl kaum automatisch ein, wenn man versucht, sich seine Filmography in Erinnerung zu rufen.
Kuei Chi Hung hörte 1984 nach Misfire auf und setzte sich zum Lebensabend in die USA ab, und da war er keine 50 Jahre alt.

Kuei war in den 70ern einer der Topleute für die modern day crime thriller; seine Regieführung erinnerte von der Wahl der Mittel einige Male an Peckinpah, ohne sicherlich dessen Klasse zu erreichen. Aber die Bedienung der Filme stimmte; oftmals wurden die entsprechenden Geschichten recht reisserisch in Szene gesetzt und so noch zusätzlich aufgeputscht.
Kuei war nicht nur der richtige Man für Exploitationkino wie Bamboo House of Dolls, Killer Snakes oder Killers on Wheels, sondern auch für Actionware der Marke Payment in Blood, The Tea House und seiner Fortsetzung Big Brother Cheng. Wem dieser Stil der überspannten Aufmerksamkeiten gefiel, der konnte sicher gehen, dass man ihn desöfteren geboten bekam: Rauhe Action, durch Zeitlupen noch agitiert. Keine Angst vorm Zeigen von Sex und anderen „moralischen Abgründen“. Einfach zu verstehende Erzählungen, die sich zumeist auf einen speziellen Showdown hinarbeiteten und sich durchaus als Kino der steigernden Höhepunkte benennen liess.
In den letzten Jahren änderte sich das etwas. Er schuf auf einmal Komödien. Die Hex Trilogy hat abgesehen des Erstlings keinen wirklich guten Ruf; und wenn man sich Hex after Hex [ 1982 ] einmal ansieht, weiss man auch schnell, warum.
Gerade der Film ist sehr verkrampft, wirkt unheimlich stark auf lustig und laut und dumm getrimmt und ist dabei nur schmerzverzerrt.
Im gleichen Jahr entstand auch Godfather from Canton. Und was auch immer ihn dabei geritten hat: Auch der Film streift die erste Hälfte stark die Grenze zur Komik. Mal sichtlich mit Absicht. Und was noch schlimmer ist, manchmal scheinbar auch unfreiwillig.

Nun kann man den Film trotzdem gut reden. Schönschreiben. Kuei – Fans werden das sicherlich tun, Andere haben ja keinen Grund dafür [ Mit Ausnahme der Anhänger von Gordon Liu, die aber auch ihre liebe Mühe damit haben werden.]
Man kann sogar sehr vieles Schönschreiben, aber beileibe nicht Alles. Ausser man schliesst die Augen, verdrängt das eben Gesehene und stellt sich einen besseren Film vor. So wie ihn Kuei in den 70ern gemacht hat und man ihn hier auch gerne gesehen hätte.

Die Geschichte in ihren Grundzügen geht soweit in Ordnung; greift aber auch nur die sattsam bekannten Abschnitte heraus. Gangsterfilme waren damals in HK bei weitem noch nicht so gang und gäbe wie Ende der 80er, aber auch in Asien wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Paten – Filme Coppolas ebenso gezeigt wie deren Nachahmer. Ausserdem gab es den Boxer from Shantung [ 1972 ] bereits ein Weilchen genauso wie dessen Plagiatoren. Man war also nicht gänzlich unbefleckt, auch wenn die Erfahrung und Kenntnis lange nicht so präsent war wie später.
Ergo hielt man sich an Traditionen fest und erzählt auch hier den Aufstieg eines Taugenichtses zum Gangboss, wobei er auf dem Weg nach Oben gnadenlos die Konkurrenz ausschaltet und am Ende selber dem Machtkampf zum Opfer fallen wird. Den ganzen Plot handelt man in schnellen 80min ab, was sicherlich nicht viel ist und analog dazu nicht wirklich Zeit für den Aufbau lässt. Man muss sich schon in kurzen, knappen, und trotzdem aussagekräftigen Szenen ergehen, um den Fortgang halbwegs plausibel und nachvollziehbar zu halten; zumindest beim Verstehen der Begebenheiten hat man hierbei keinerlei Probleme. Man sieht, was vor sich geht; nimmt man seine eigene Kenntnis derlei Werke hinzu, kann man sich den weggefallenen Rest denken und hat so seine komplette Handlung. Keine, die einen Jubelschreie oder eine andere Formen der Anerkennung entlockt; aber bei Vielen dieser Filme kommt es sowieso mehr auf die Umsetzung an. Die Inszenierung muss stimmen, der Rest ist Makulatur und benötigt deswegen nur einen Abriss:

Guangzhou, irgendwann in den 20ern, 30ern des letzten Jahrhunderts.
Coolie Lin Si Hai [ Gordon Liu ] verdingt sich zusammen mit seinem behinderten Freund Wai [ Hon Gwok Hoi ] die Penunzen am Hafen. Dort platzt er zufällig in eine Polizeirazzia hinein und rettet dem Gesandten des Generalanwaltes von Peking das Leben. Die Razzia war nämlich eine Falle; die gesamte Stadt ist in allen Schichten von Korruption durchschwemmt. Der Generalanwalt bedankt sich, indem er Lin einen Job in der örtlichen Polizeidienststelle verschaffen möchte; dort wird er aber nur gehänselt und für Putztätigkeiten abkommandiert. Er revanchiert sich, indem er die diversen Parteien gegeneinander ausspielt und so nach und nach aufsteigt. Erst auf der Seite des Gesetzes, was in dem speziellen Fall sowieso nicht viel gilt. Und dann auf der der Kriminellen, weil dort ganz ungeniert mehr Geld zu holen ist. Dabei gerät er in Konflikt mit dem casinobesitzer Jin Tian Fu [ Ku Feng ]...

Bei genauer Betrachtung sind dabei sogar mehrere Elemente gegeben, die Teile des Skriptes gar nicht so unclever halten. Lin kassiert wirklich von allen Seiten. Er sitzt an der Quelle und hat jederzeit ungehindert Verfügung auf die nötigen Informationen, die er an die Gangster weiterreichen kann, gegen Entgelt natürlich. Er kann sie sogar ein zweites Mal schröpfen, da er Ihnen weismacht, auch den koscheren Commisioner Luo Guo Dong [ Tang Ching ] bestechen zu können und das entsprechende Geld selber einsteckt. Aber Luo über einen Umweg zum freiwilligen Stillschweigen verpflichten und seine eigene Beförderung durchsetzen kann, indem er einfach seine Kollegen des Schmiergeldes anzeigt.

Kuei bekommt die Szenen auch hin, aber nicht so, wie man es gerne sehen würde. Er hält sich an die inhaltlichen Vorgaben, aber in der Inszenierung steckt meist ein offener Schalk, teilweise sogar Slapstick, was so gar nicht passt. Oder es wird so immens chargiert und versimpliziert, dass die gesamte Ebene bis auf den Nullpunkt abflacht, sich dafür eklatante Mißstimmung breitmacht und man sich in einem ambivalenten Schmierentheater wähnt.
Dazu würde auch die stark limitierte Bühne passen; die Kulissen wiederholen sich nicht nur, sondern man sieht und fühlt auch richtig die Begrenzung an allen vier Seiten. Fünf, wenn man die Decke mitrechnet, man dreht ja augenscheinlich im Studio. Jede Szene spielt entweder am Pier oder im Revier oder im „Raum“, der für die jeweilige Aufmachung halt anders dekoriert wird. Mal gibt er ein Casino ab, mal ein Hochzeitssaal und mal eine Zeremonienhalle. Von der Stadt Guangzhou sieht man nicht mehr; Ausnahme ist die Einzelaufnahme einer Gasse und des anliegenden Barbiers, aber dort bekommt man fast Platzangst. Auch die anderen drei Örtlichkeiten sind eher klein gehalten; vor allem das Pier ist derartig winzig, dass bei der einleitenden Observation / Razzia sich die Beobachter gar nicht richtig verstecken können und den Beobachtenden fast auf die Füsse treten.

Das soll aber keine Kritik darstellen; die eklatante Surrealität des Ambientes kann nur zum Positiven beitragen, bzw. es ist auch nötig, dass man sich seine bejahenden Einzelheiten wenigstens aus der Location zusammenklauben kann. Der Schauplatz ist also grossartig; auch die häufige Ummantelung der Nachtschwärze gibt dem massiv zusammengedrängten Ablauf zusätzlich willkommenes Klima bei.
Da man sich ja beileibe nicht vollständig auf das Skript setzt, bleibt auch genug Zeit für Action über; wer nun aber patentierte slowmotion – Massaker sehen will, ist erstaunlicherweise auch falsch beraten. Kuei zeigt die Waffen und das Posieren damit zwar bereits im obskuren Vorspann und lässt auch vielmals die Blutpäckchen explodieren, aber hebt die Attentate und Vergeltungsaktionen nicht noch auf anderem Wege explizit hervor. Dabei hätten sich gerade die wahren bullet ballets hierbei geradezu als probates Mittel aufgedrängt.
Die Choreographie hält sich im Zaum; dennoch werden durch die rein mengenmässige Anzahl – ab 25min vor Schluss sprechen nur noch die Kanonen – die materiellen Unzulänglichkeiten beseitigt und das schon so nicht Zeit vergeudende Tempo noch mehr angezogen.

Schnell und räudig, statt intelligent und ausgewogen; auch eine Variante, seinen Film ins Ziel zu bringen. Erfreulich zu sehen, dass man späteres Handwerk der Heroic Bloodsheds bereits anprobiert; aber ausgereift ist es halt wirklich nur im Härtegrad. Als besseren und ebenfalls frühzeitigen Vertreter sollte man mal einen Blick auf den eher unbekannten The Brothers [ 1979 ] legen, der das Genre weitaus ausgewogener verwendet.

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