Truffaut: Ich nehme an, Sie kamen nach Hollywood mit der Absicht, den Film über die Titanic zu drehen. Stattdessen haben Sie „Rebecca“ gemacht. Wie kam es zu der Änderung?
Hitchcock: David O. Selznick teilte mir mit, daß er seine Meinung geändert und die Rechte an „Rebecca“ gekauft hätte. Ich habe dann gesagt: „Gut, machen wir was anderes.“
Truffaut: Ich war der Meinung, Sie hätten selbst die Änderung vorgeschlagen und große Lust gehabt, „Rebecca“ zu verfilmen.
Hitchcock: Ja und nein. Als ich „The Lady Vanishes“ [„Eine Dame verschwindet“] drehte, bot sich mir die Möglichkeit, die Rechte zu kaufen, aber sie waren zu teuer für mich.
Truffaut: Im Vorspann von „Rebecca“, wie bei verschiedenen Ihrer englischen Filme, findet man den Namen Joan Harrison. Hat sie wirklich an der Ausarbeitung des Drehbuchs mitgewirkt, oder firmierten Sie selbst mit diesem Namen im Vorspann?
Hitchcock: Ursprünglich war Joan Sekretärin und machte Notizen, wenn ich an einem Drehbuch arbeitete, zum Beispiel mit Charles Bennett. Nach und nach bekam sie Routine, machte eigene Vorschläge und wurde so Drehbuchautorin.
Truffaut: Sind Sie mit „Rebecca“ zufrieden?
Hitchcock: Das ist kein Hitchcock-Film. Es ist eine Art Märchen, und die Geschichte gehört ins ausgehende neunzehnte Jahrhundert. Es ist eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber „Rebecca“ ist eine Geschichte ohne jeden Humor.
Truffaut: Jedenfalls war sie einfach. Eine junge Gesellschafterin - Joan Fontaine - heiratet einen schönen Lord - Laurence Olivier -, den die Erinnerung an seine erste Frau verfolgt, die auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen ist. In dem riesigen Herrensitz Manderley fühlt sich die junge Frau ihrer neuen Rolle nicht gewachsen, sie hat Angst zu enttäuschen. Die Hausdame, Mrs. Danvers, die immer noch der toten Rebecca ergeben ist, bevormundet sie erst und terrorisiert sie dann, und sie läßt es geschehen. Eine nachträgliche Untersuchung über Rebeccas Mord, der Brand von Manderley und der Tod der Brandstifterin, Mrs. Danvers, setzen den Qualen der Heldin ein Ende.
Waren Sie nicht etwas eingeschüchtert, als Sie mit „Rebecca“ Ihren ersten amerikanischen Film drehten?
Hitchcock: Das kann ich eigentlich nicht sagen, es ist ein britischer Film, vollkommen britisch. Die Geschichte ist englisch, die Schauspieler sind es, ebenso der Regisseur. Eine interessante Frage ist, wie „Rebecca“ geworden wäre, wenn es mit derselben Besetzung, aber in England gedreht worden wäre. Was wäre dann in meinem Kopf vorgegangen? Ich weiß es nicht. Selbstverständlich gibt es in diesem Film einen außerordentlich starken amerikanischen Einfluß, zunächst durch Selznick, dann durch den Theaterautor Robert Sherwood, der das Drehbuch von einem weniger engen Standpunkt aus geschrieben hat, als wir es in England getan hätten.
Truffaut: Es ist ein ausgesprochen romantisches Thema.
Hitchcock: Romantisch, ja. Die Geschichte hat eine ungeheuer weiche Stelle, die unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer, nie bemerkt haben. In der Nacht, in der man das Boot mit der Leiche Rebeccas findet, kommt ein seltsamer Zufall ans Licht. An dem Abend, an dem sie sich ertränkt haben sollte, hatte man die Leiche einer anderen Frau zwei Kilometer entfernt am Strand gefunden, und Laurence Olivier hatte die als seine Frau identifiziert. Das ist eigenartig, niemand hat die Frau sonst erkannt. Hat es denn keine Untersuchung gegeben, als die Leiche gefunden wurde?
Truffaut: Das ist ein Zufall, aber in diesem Film geht die psychologische Situation über alles, und die erklärenden Szenen beachtet man kaum, eben weil sie die Situation im Grunde nicht verändern. Ich habe zum Beispiel bei den Erklärungen am Schluß nie genau zugehört.
Hitchcock: Die Erklärung ist, daß Max de Winter Rebecca nicht getötet hat. Sie hat sich selbst umgebracht, weil sie Krebs hatte.
Truffaut: Ja, das habe ich schon mitbekommen, weil es ja ausdrücklich gesagt wird. Aber Max de Winter, hielt der sich für schuldig oder nicht?
Hitchcock: Nein.
Truffaut: Ah so. Hält sich die Adaptation genau an den Roman?
Hitchcock: Sehr genau. Selznick hatte gerade „Gone With the Wind“ fertiggestellt, und er hatte eine Theorie, derzufolge es die Leute wütend machte, wenn man die Vorlage veränderte. Das galt dann auch für „Rebecca“. Sie kennen doch sicher den Witz von den beiden Ziegen, die die Rollen eines Films auffressen, der nach einem Bestseller gedreht worden ist, worauf die eine Ziege zur anderen sagt: „Mir war das Buch lieber.“
Truffaut: Ja, das ist ein Witz, von dem es viele Variationen gibt. Man muß sagen, wenn man „Rebecca“ heute, nach sechsundzwanzig Jahren, wiedersieht, ist es immer noch ein sehr moderner, solider Film.
Hitchcock: Er hält nach soviel Jahren immer noch stand. Ich frage mich nur, wieso.
Truffaut: Ich glaube, es war sehr gut für Sie, daß Sie den Film drehten, wie eine Herausforderung. Zunächst war Ihnen die Geschichte eigentlich fremd. Es war kein Thriller, es gab keinen Suspense, es war eine psychologische Geschichte. Sie mußten in einen reinen Personenkonflikt den Suspense selbst einführen, und mir scheint, das hat Ihre späteren Filme bereichert, ihnen psychologisches Material geliefert, das Ihnen bei „Rebecca“ durch den Roman aufgenötigt worden war.
Hitchcock: Ja, das ist sehr richtig.
Truffaut: Zum Beispiel die Beziehungen der Heldin - wie hieß sie eigentlich?
Hitchcock: Ihr Name wird nie erwähnt.
Truffaut: Ihre Beziehung zu der Haushälterin, Mrs. Danvers. Das ist etwas Neues in Ihrem Werk. Später findet man das dann oft bei Ihnen wieder, nicht nur im Drehbuch, sondern auch im Bild: Ein unbewegliches Gesicht und ein anderes, das es terrorisiert, das Opfer und sein Henker in einem Bild.
Hitchcock: Eben, das ist etwas, was ich in „Rebecca“ sehr systematisch gemacht habe. Mrs. Danvers ging fast überhaupt nicht, man sah nie, wie sie sich von einem Ort zum anderen bewegte. Zum Beispiel, wenn sie in das Zimmer kam, in dem die Heldin sich aufhielt, dann hörte die ein Geräusch, und schon war Mrs. Danvers da, immer schon da, hoch aufgerichtet, unbewegt. Das war ein Mittel, die Perspektive der Heldin einzunehmen. Sie wußte nie, wo Mrs. Danvers sich befand, und das war so viel schlimmer. Mrs. Danvers gehen zu sehen, das hätte sie vermenschlicht.
Truffaut: Das ist interessant. Man findet das zuweilen in Zeichenfilmen. Sie sagten übrigens, das sei ein Film, dem der Humor fehlte. Wenn man Sie gut kennt, hat man den Eindruck, daß Sie sich ungeheuer amüsiert haben, als Sie das Drehbuch schrieben. Denn im Grunde ist es die Geschichte eines Mädchens, dem ein Patzer nach dem anderen unterläuft. Als ich den Film neulich wiedersah, stellte ich Sie mir vor mit Ihrem Drehbuchautor: „Das ist also die Essensszene. Was macht sie jetzt? Läßt sie die Gabel fallen? Wirft sie ein Glas um? Oder zerbricht sie einen Teller?“ So sind Sie doch sicher vorgegangen.
Hitchcock: Das stimmt, genauso ging es. Wir haben viel Spaß dabei gehabt.
Truffaut: Das Mädchen ist ein wenig so gezeichnet wie der Junge in „Sabotage“. Wenn sie eine kleine Statue hinfallen läßt, versteckt sie die Scherben in einer Schublade und vergißt ganz, daß sie ja die Hausherrin ist. Übrigens, jedesmal, wenn von dem Haus, von der Besitzung Manderley die Rede ist und auch jedesmal, wenn es gezeigt wird, geschieht es auf eine geheimnisvolle Weise, mit Nebel, mit einer suggestiven Musik undsoweiter.
Hitchcock: Ja, weil in gewisser Weise der Film die Geschichte eines Hauses ist. Man könnte auch sagen, das Haus ist eine der drei Hauptpersonen des Films.
Truffaut: Genau das ist es. Und es ist auch der erste Ihrer Filme, der einen an Märchen erinnert.
Hitchcock: Es ist auch ein Märchenfilm, weil es eigentlich ein Kostümfilm ist.
Truffaut: Bei den Märchenmotiven sollten wir einen Augenblick bleiben. Man findet sie häufig in Ihren Filmen. Daß es wichtig ist, die Schlüssel zu einem Haus zu besitzen. Der Schrank, den keiner öffnen darf. Das Zimmer, das nie jemand betritt.
Hitchcock: Das alles war in „Rebecca“ ganz bewußt, ja. Es stimmt, die Märchen und Kindergeschichten sind meistens furchterregend. Zum Beispiel das Grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel, das man den kleinen Deutschen erzählt, in dem die beiden Kinder die alte Frau in den Ofen stoßen. Aber ich habe nie daran gedacht, daß meine Filme Märchen gleichen könnten.
Truffaut: Ich glaube, das trifft auf sehr viele Ihrer Filme zu, weil Ihre Filme mit der Angst zu tun haben und weil alles, was sich auf die Angst bezieht, auf die Kindheit verweist und auch die Kinderbücher, die Märchen eng gebunden sind an Gefühle, vor allem die Angst.
Hitchcock: Das könnte sein. Außerdem, erinnern Sie sich, daß das Haus in „Rebecca“ geographisch gar nicht situiert war, es war völlig isoliert, das gibt es dann wieder in „The Birds“ [„Die Vögel“]. Das habe ich instinktiv gemacht. Ich mußte das Haus von der Welt isolieren, damit man ganz der Angst ausgesetzt ist. Das Haus in „Rebecca“ liegt weit ab von allem, man weiß nicht einmal, zu welchem Ort es gehört. Es kann allerdings sein, daß diese Abstraktion, was Sie die amerikanische Stilisierung nennen, ein Zufall ist, der hier daher rührt, daß wir in Amerika einen englischen Film drehten. Stellen wir uns vor, „Rebecca“ wäre in England gedreht worden. Das Haus hätte dann nicht so isoliert gelegen, die Umgebung wäre zu sehen gewesen und die Wege, die zu dem Haus führen. Die Ankunftsszenen wären realer ausgefallen, und wir hätten das Gefühl einer bestimmten geographischen Situation gehabt. Aber dann hätte es nicht diese Isolierung gegeben.
Truffaut: Hat man eigentlich in England in den Kritiken über diese amerikanischen Aspekte von „Rebecca“ geschrieben?
Hitchcock: Der Film wurde dort eigentlich sehr geschätzt.
Truffaut: Wenn man das Haus ganz sieht, dann ist es doch ein Modell, in Wirklichkeit gab es das doch nicht.
Hitchcock: Ja, das ist ein Modell, auch die Straße, die hinführt.
Truffaut: Die Verwendung von Modellen isoliert den Film bildlich, sie läßt an Stiche denken und verstärkt noch den märchenhaften Aspekt. Im Grunde ist „Rebecca“ eine Aschenbrödel-Geschichte.
Hitchcock: Die Heldin ist Aschenbrödel und Mrs. Danvers eine der bösen Schwestern. Aber dieser Vergleich paßt noch besser auf ein englisches Stück, das älter ist als „Rebecca“. „His House in Order“, von einem Autor namens Pinero. In diesem Stück war das böse Weib nicht die Haushälterin, sondern die Schwester des Hausherrn, also Aschenbrödels Schwägerin. Es ist gut möglich, daß Daphne du Maurier sich davon hat anregen lassen.
Truffaut: Der Mechanismus in „Rebecca“ ist wirklich stark. Daß ein wachsender Druck ausschließlich dadurch bewirkt wird, daß von einer Toten, von einer Leiche gesprochen wird, die man nie sieht. Ich glaube, der Film hat einen Oscar bekommen?
Hitchcock: Ja, als bester Film des Jahres.
Truffaut: Das ist der einzige Oscar, den Sie bekommen haben?
Hitchcock: Ich habe nie einen Oscar bekommen.
Truffaut: Immerhin doch den für „Rebecca“.
Hitchcock: Den hat Mr. Selznick bekommen, als Produzent. Den Oscar für Regie hat in dem Jahr, 1940, John Ford bekommen, für „The Grapes of Wrath“ [„Früchte des Zorns“].
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut