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David O. Selznick und Alfred Hitchcock – das passte einfach nicht zusammen. In den sieben Jahren, in denen Hitchcock für den Produzenten arbeitete, gerieten die beiden in ihrer Arbeitsweise so unterschiedlichen Menschen so häufig aneinander, dass es am Ende fast einer Erlösung gleichkam, als sie schließlich getrennte Wege gingen. „Der Fall Paradin“ hatte alle Beteiligten nicht zuletzt wegen der ausufernden Produktionskosten und der chaotischen Dreharbeiten ausgelaugt und das unbefriedigende Ergebnis, das sich auch in nur mäßigen Publikumszahlen widerspiegelte, erleichterte den Abschied voneinander noch umso mehr.

Am Anfang ihrer Zusammenarbeit stand 1940 allerdings „Rebecca“ nach dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier, der erst zwei Jahre zuvor zum Erstaunen sogar der Autorin selbst zu einem Bestseller wurde. Es ist davon auszugehen, dass sowohl Selznick als auch Hitchcock dem Projekt mit Vorfreude entgegenblickten: hier der Produzent, der gerade erst mit „Vom Winde verweht“ einen vielleicht noch nie dagewesenen Erfolg erzielt hatte und damit kometenhaft einer der mächtigsten Männer Hollywoods wurde, dort der Regisseur, der sich mit seinen vorangegangenen Thrillern endlich gefunden hatte und von den Fesseln der mit einem schwachen Ruf ausgestatteten britischen Filmindustrie befreien und in den USA mit höheren Budgets arbeiten konnte.

Schnell musste Hitchcock aber erkennen, dass die freie Hand, die ihm seine letzten beiden Produzenten Michael Balcon und Edward Black noch gelassen hatten, durch den Kontrollfreak Selznick gesteuert wurde. Sein erster Entwurf zu „Rebecca“ entfernte sich so sehr von der Vorlage, dass er den Ärger seines Vorgesetzten zu spüren bekam, der eine detailgetreue Umsetzung des Romans fast bis aufs i-Tüpfelchen verlangte – und natürlich letztlich am längeren Hebel saß (auch wenn sich Vorlage und Verfilmung letztendlich in vielen Details unterscheiden). Die Folge ist, dass der Film tatsächlich mehr von David O. Selznick in sich trägt als von Alfred Hitchcock, der sich jedoch nicht lumpen ließ und zeigte, warum Selznick ihn haben wollte. Das Ergebnis ist sein bis dato am schönsten auszusehender Film – vermutlich einerseits wenig erstaunlich, weil „Rebecca“ sich in ganz anderen Kostenbereichen bewegte als etwa „Eine Dame verschwindet“, andererseits aber auch nicht selbstverständlich.

Die Geschichte dürfte allgemein bekannt sein: Namenlose junge Frau verliebt sich in den reichen Witwer Maxim de Winter und heiratet ihn Hals über Kopf, um dann in seinem Anwesen Manderley mit dem allgegenwärtigen Schatten der verstorbenen ersten Frau Rebecca konfrontiert zu werden – und mit Mrs. Danvers, der düsteren Haushälterin, die die Tote abgöttisch verehrte und einen kaum verhüllten Groll gegen die Neue an Maxims Seite hegt.

Auch wenn die Hauptrollen von damaligen Größen wie Joan Fontaine und Laurence Olivier ausgefüllt werden, sind nicht sie es, die „Rebecca“ ihren Stempel aufdrücken. Zuerst muss Judith Anderson als Mrs. Danvers genannt werden, die mit ihrer Aura jede Szene an sich reißt, in der sie auftaucht: Mit kaltem Gesichtsausdruck macht sie der scheuen zweiten Mrs. de Winter den Aufenthalt in Manderley so schwer wie möglich, manipuliert sie und treibt sie schließlich an die Schwelle des Selbstmordes. Wie ein Geist bewegt sie sich durch die Szenerie, als wäre sie die Marionette ihrer verstorbenen Herrin, die sie aus dem Jenseits lenkt – eine der besten Antagonisten-Darstellungen in einem Hitchcock überhaupt. Auch George Sanders bleibt in Erinnerung als Rebeccas Liebhaber Jack Favell, der sich als nach außen hin freundlicher Playboy gibt, aber Maxim alsbald mit Freude erpresst – und nicht zu vergessen: Florence Bates als Edythe Van Hopper, die im ersten, noch recht heiteren Viertel in Monte Carlo genussvoll und sehr farbig die Arbeitgeberin der Da-noch-nicht-Mrs. de Winter spielt.

Und dann wäre da noch die Titelfigur Rebecca: Sie bekommt kein Gesicht, und doch ergibt sich mit jeder weiteren Minute mit jeder weiteren Erzählung ein immer klareres Bild von ihr, bis man sie vor ihrem inneren Auge in Fleisch und Blut sehen kann. Die neue Mrs. de Winter fühlt sich nichtig und klein und Rebecca als Nachfolgerin nicht gewachsen. Sie idealisiert sie in ihrer Vorstellung – und umso überraschender kommt es, als sich mehr und mehr herausstellt, dass Rebecca keineswegs die vom Himmel gefallene Göttin ist, als die Mrs. Danvers sie darstellt. Ihr Schatten wabert durchgängig über Manderley, und Hitchcock fängt ihre unsichtbare Präsenz gemeinsam mit Kameramann George Barnes überall am Schauplatz ein. Hier merkt man, wie sehr Hitchcock von den deutschen Filmexpressionisten gelernt hat; nicht selten erzeugt „Rebecca“ wohlige Gruselschauer. Manderley ist von außen opulent, entpuppt sich aber schnell als Gefängnis.

So makellos schön das Schauermelodram auch immer noch aussieht, so herausfordernd und teilweise problematisch geraten aus heutiger Sicht die eigentlichen Hauptfiguren: Laurence Olivier legt seinen Maxim unsympathisch an. Er behandelt die neue Frau an seiner Seite bereits in der Kennenlernphase von oben herab und lässt ihr selbst dann keine Unterstützung zukommen, wenn sie sich in ihrem neuen Zuhause merklich unwohl fühlt. Jedenfalls tut er sehr wenig bis gar nichts dafür, dass es ihr besser geht. In dem Zusammenhang fällt es dann auch schwer, die neue Mrs. de Winter zu verstehen, die sich in einer Tour unterbuttern und einschüchtern lässt. Dass sie dennoch vor Liebe zu ihrem Mann vergeht, lässt nicht selten eher einen Hang zum Masochismus bei ihr vermuten. Oft wünscht man sich, sie würde sich endlich einmal zur Wehr setzen, was sie nur sehr zögerlich tut – bei Maxim eigentlich bis zum Schluss gar nicht. Joan Fontaine verkörpert dabei einen ähnlich frustrierenden Frauentyp wie im nächsten Film „Verdacht“ an der Seite von Cary Grant.

Dieser Punkt vergällt zumindest mir „Rebecca“ das Wiedersehen, aber wenn ich versuche, den Film als Kind seiner Zeit zu akzeptieren, darf man sich an einem sehr interessanten Start von Hitchcock in Hollywood erfreuen, noch sehr geprägt von Selznicks unerbittlich über allem wachende Produzentenhand, nicht auf Suspense, sondern in langsamem Tempo voranschreitend auf Überraschungen setzend und dadurch auch öfter das Genre wechselnd (vom amüsanten Liebesfilm zum Gruselmelodram bis hin zum Gerichtskrimi), ausgesprochen stimmungsvoll, wenn auch aufgrund besagter Unzugänglichkeit zum Liebespaar vermutlich weniger romantisch als beabsichtigt. Trotzdem ein alles in allem hervorragendes Gesamtpaket. 8/10.

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