Wenn sich Meister Hitchcock ein zweites Mal an eines seiner eigenen Werke wagt, dann bedeutet dies schon was. Sagte Hitchcock selber einmal in dem berühmten Interview mit Truffaut, dass sein englisches Original das Werk eines talentierten Dilletanten war, der 56er "Der Mann, der zuviel wußte", jedoch das Werk eines echten Profis.
Harte Selbsteinschätzung, zumal gerade am Finale kaum etwas verändert wurde. Die großen Variationen treten in der ersten Hälfte des Filmes auf. Doch allein schon die traumhafte Besetzung verändert die Grundstimmung des Stoffes. Der emotionale James Stewart legt wieder einmal eine völlig überzeugende Performance hin, und Doris Day darf endlich mal beweisen, dass sie schauspielern kann (zuvor war sie eher als Sängern, denn als Schauspielerin bekannt). Die Geschichte ist folgende: Während eines Marrokko-Urlaubs gerät der amerikanische Arzt Ben McKenna (Stewart) in eine Verschwörung, die in der Ermordung eines wichtigen Staatsmannes in London gipfeln soll. Er und seine Frau Jo (Day) können nicht die Polizei informieren, da die Attentäter ihren kleinen Sohn Hank gekidnappt haben, und drohen, diesen umzubringen, sollten die McKennas den Plan an die Öffentlichkeit bringen.
Wieder einmal inszeniert Hitchcock mit einem Höchstmaß an Raffinesse, weiss die Suspense wohl zu dosieren, und streut immer wieder verstohlen humorvolle Szenen ein. Einige der Szenerien sind wirklich klassisch. Man denke nur an die Ermordung Bernards, bei der sich Stewart an dessen Gesicht festklammert, er aber an dem indischen Makeup abrutscht, und sich weiße Schlieren auf dem Gesicht bilden. Oder die suggestive Red-Hering-Szene mit dem Präparator Ambrose Chappel, in der Hitchcock eine völlig in die Irre führende, mysteriöse Stimmung aufbaut. Der unzweifelhafte Höhepunkt ist schließlich die zwölfminütige Szene während des Konzerts in der Royal Albert Hall. Ohne Dialog und mit über 100 Schnitten fesselt Hitchcock die Zuschauer an die Partitur des Stückes - denn beim verhängnisvollen Beckenschlag soll der Mord an den Botschafter begangen werden. Der herrlich unsympathische Reggie Nalder spielt den Attentäter grandios.
Sicherlich, "Der Mann, der zuviel wußte" hat einige Schwachstellen. Alle Szenen nach der bombastischen Konzertsequenz wirken langatmig und etwas gestelzt. Das urplötzliche Ende ist dann zwar eine nette Schlußpointe, aber so richtig fesseln kann das Finale hier nicht. Der Film ist ein recht ausgewogener Thriller, der nur am Ende schwächelt, die fabelhaften Darsteller entschädigen aber für jede nicht so gelungene Minute. "Der Mann, der zuviel wußte" ist ein guter Hitchcock-Film - kein Klassiker oder Meisterwerk - einfach nur ein guter Thriller.