Schon zu dieser Zeit waren Remakes eine völlig normale Sache, natürlich im Ausmaß noch sehr begrenzt, da die Filmwelt noch vor Ideen strotzte. "Der Mann, der zuviel wusste" ist Alfred Hitchcocks (Psycho, Das Fenster zum Hof) neunzehnte Regiearbeit, richtig zufrieden war er damit nicht. So ließ er John Michael Hayes (Nevada Smith, Über den Dächern von Nizza) das Skript noch einmal überarbeiten und in den Schlüsselszenen auch tatsächlich verbessern. Dennoch zählt die Neuauflage nicht zu seinen herausragenden Werken, nicht nur weil der Zahn der Zeit ein wenig seine Spuren hinterlässt, sondern auch aufgrund der Lauflänge von knapp zwei Stunden.
Dr. Benjamin McKenna (James Stewart) macht mit seiner Frau Josephine (Doris Day) und seinem kleinen Sohn Hank (Christopher Olsen) Urlaub in Marrakesch. Dabei lernen sie nicht nur den dubiosen Geschäftsmann Louis Bernard (Daniel Gélin), sondern auch das englische Ehepaar Lucy (Brenda De Banzie) und Edward Drayton (Bernard Miles) kennen. Doch als Louis am nächsten Tag auf dem Markt in Benjamins Armen stirbt und ihm vorher noch etwas von einem Attentat ins Ohr flüstert, beginnt der ganze Ärger. Benjamin wird von der Polizei verdächtigt und Hank plötzlich entführt. Die Spur führt nach London, jedoch können die McKennas nicht mit Inspector Buchanan (Ralph Truman) kooperieren, da die Entführer mit der Ermordung von Hank gedroht haben. So machen sich Benjamin und Josephine in London auf eine gefährliche Suche. Sie werden bald fündig, doch sollen sie wirklich das Attentat auf den Premieminister verhindern und so das Leben ihres Sohnes aufs Spiel zu setzen?
Es ist typisch für Hitchcock, den völlig ahnungslosen Zuschauer mitten in eine teilweise verschachtelte Story zu katapultieren, in der man sich Teile des Puzzles selbst zusammenreihmen muss. So haben wir hier die 50er Jahre Bilderbuchfamilie, Benjamin ist ein angesehener Arzt, Josephine war eine erfolgreiche Sängerin und Sohn Hank ist schon ein kleiner Gentleman, der mit Mama gerne "Qué Será, Será" singt. Genau dieses Lied spielt gegen Ende noch eine ausschlaggebende Rolle, die berühmte Szene mit Doris Day blieb vielen im Gedächtnis. Auch hat man beim Kennenlernen von Louis Bernard gleich ein ungutes Gefühl, denn geschickt weicht er einigen Fragen aus, die sich besonders auf seine derzeitige Tätigkeit beziehen. Das Ehepaar Drayton hingegen sorgt für eine bitterböse Überraschung. Jedoch lässt sich Hitchcock erst Zeit für seine Figuren, der Zuschauer soll die Familie McKenna lieb gewinnen, so funktioniert hinterher das Mitfiebern leichter. Dabei kommt man auch in den Genuss hübscher und altmodischer Bilder, auch wurde dabei an Originalschauplätzen gedreht. Dennoch sollte man ein wenig Geduld mitbringen und hier kristallisiert sich das Hauptproblem von "Der Mann, der zuviel wusste" heraus. Trotz der guten und wendungsreichen Story schleichen sich doch kleinere Längen ein, auch fragt man sich manchmal wie das Ehepaar McKenna in gewissen Situationen so gelassen bleibt, beispielsweise wenn Josephines Freunde in London plötzlich auftauchen.
Dennoch ist Hitchcock eine packende Suche gelungen, sogar mit ulkigen Momenten. Wenn Benjamin einem völlig falschen Hinweis nachgeht und plötzlich bei einem Tierpräparator landet und sich dort eine kleine Keilerei liefert. Diese Szenen beißen sich keineswegs mit der ernsten Situation, jedoch hätte man genauer auf das Verhältnis zwischen Edward und dem US-Botschafter in London eingehen müssen. Hier gibt es kleine Unstimmigkeiten mit den Gründen zur Beseitigung des Premieministers. Doch ansonsten zieht uns das Geschehen völlig in seinen Bann, besonders weil die McKennas völlig auf sich allein gestellt sind. Da sie gewisse Informationen nicht preisgeben dürfen, ohne Hank in Gefahr zu bringen, sind auch der Polizei und Buchanan die Hände gebunden. Und auch wenn Benjamin und Josephine ihren Sohn schnell gefunden haben, so will es ihnen nicht gelingen ihn aus den Händen der Entführer zu befreien. Dabei entpuppt sich die Infiltration der Kirche als ziemlich spannend, doch den Höhepunkt setzt Hitchcock im Finale. Dazu zählt auch das Attentat beim Paukenschlag, aber besonders Josephines verzweifelter Versuch ihren Sohn mit Hilfe ihres Gesangs zu finden. James Stewart (Die Glen Miller Story, Die Uhr ist abgelaufen) und Doris Day (Spion in Spitzenhöschen, Mitternachtsspitzen) geben dabei ein tolles Paar ab, aber es fehlt ein richtig fieser Gegenspieler. Bernard Miles (Tiger im Nebel, Es begann in Moskau) ist kein Meister wenn es darum geht, einen waschechten Fiesling zu verkörpern.
Ein spannender Thriller ist "Der Mann, der zuviel wusste" allemal, aber einige Längen und Erklärungslücken lassen ihn im Gegensatz zu einigen von Hitchcocks Meisterwerken doch abfallen. Trotzdem ist dieser Film toll fotografiert, während James Stewart und Doris Day glaubwürdig agieren. Dennoch wären kleinere Dialogkürzungen nicht negativ ausgefallen, knappe zwei Stunden sind doch ein wenig zuviel des Guten.