Review

"Königreich der Himmel" oder doch eher "Königreich der Langeweile"? Nein, zumindest in der vorliegenden Kinofassung hat Ridley Scott sich und zugleich dem erwartungsfrohen Publikum keinen Bärendienst erwiesen und bleibt doch in einer ganzen Reihe von Punkten teils deutlich hinter den gesteckten Erwartungen zurück, die er durch seinen eigenen "Gladiator" selbst definiert hat.

Interessant ist zweifelsohne die unverbrauchte Kreuzzug-Thematik, wenig interessant ist jedoch, was dabei letztlich herauskam: Ein sehr eindimensionales, teilsweise äußerst langatmiges und innovationsloses Stück Edelkino. "Königreich der Himmel" überrascht den Zuschauer zunächst mit der Tatsache, daß es keinen einleitenden Stimulus in Form einer Schlacht nach Gladiator-Vorbild gibt. Ein fast schon verheerender Minuspunkt gleich zum Auftakt, denn über die ersten zwei Drittel von Scotts Streifen passiert praktisch nichts und man folgt dem frisch geschlagenen Kreizritter Balian (Orlando Bloom) auf seiner langen Reise über Messina ins heilige Jerusalem, dessen Verteidigung gegen ein 200000 Mann starkes Muslimenheer schließlich ihm allein obliegt.
Historischer Background wird in diesem ausgedehnten Teil der Handlung mit Ausnahme zweiter knapper Texttafeln zu Beginn praktisch nicht geliefert, ebenso bleiben die Charaktere nicht nur flach sondern zu allem Übel auch weitgehend unsympathisch.

Orlando Bloom mag vielleicht einen Legolas glaubhaft verkörpern aber zu einem gestandenen Kreuzritter fehlt dem Milchgesicht schlicht das Charisma und zudem die imposante Erscheinung beispielsweise eines Russell Crowe. Beinahe peinlich wirds, wenn er dann auf den Spuren von "Herr der Ringe"-Aragorn und König Theoden wandelnd flammende Apelle an seine Untergebenen richtet oder gar einem zweiten Messias ähnlich das ihm zugefallene Wüstenland zu einer fruchtbaren Oase macht (Anmerkung: völlig unwichtig für die weitere Handlung).
Das schauspielerische Elend setzt sich in Person von Diane Krug.. äh Eva Green alias "Sibylla" fort. Man könnte glatt meinen, daß Scott hier von Krugers ewig traurig und verschlossen dreinschauender "Troja"-Leistung derart beeindruckt war, daß er genau diese Rolle auch exakt in dieser Weise in seinem "Königreich der Himmel" untergebracht haben wollte. Die äußere Ähnlichkeit und das eisblockartiges Agieren sind jedenfalls mitunter verblüffend...
Gut gefiel mir hingegen Liam Neeson in väterlicher Rolle, auch wenn er leider handlungsbedingt nur wenig Screentime inne hat. Edward Norton widerum bekommt man als solchen garnicht zu Gesicht. Er verbirgt sich hinter einer vor Blicken schützenden Maske und wird einzig zu seinem Tode kurz derer entledigt, wobei es aber nur ein entstelltes Etwas mit menschlichen Gesichtskonturen zu sehen gibt. Für einen eher peinlichen Moment hats während des Abschieds von seiner Filmschwester Sibylla dennoch gereicht. Evenfalls schwach bleibt Marton Csokas als "Guy de Lusignan" und Muslimeführer Ghassan Massoud gleicht doch verdächtig Osama Bin Ladens geheimem Zwillingsbruder. Vielleicht eine versteckte Botschaft im Hinblick auf Ereignisse der jüngsten Weltgeschichte? Wer weiss das schon, vielleicht hatte ja das filmfördernde US-Militär mal wieder seine Wichsgriffel im Spiel und stellte Hightech-Katapulte und Sturmleitern...

Kommen wir nun endlich zu dem, was den wankenden Film doch noch ins gehobene Mittelmaß zu hiefen vermag: Den Aspekten Technik und Effekte. Regisseur Ridley Scott liefert ohne Zweifel wieder mal sehr ansehliche Bilder, die auch gebetsmühlenartig brav seine weithin bekannten Stilmerkmale vom düster wehenden Schilf über Alah preisende Moslems (Hallo Black Hawk Down!) bis hin zu blaugefiltertem Schneegestöber abklappert. Die epische Faszination eines "Gladiator" erreicht Scott jedoch trotz abwechslunsgreicher Landschaften und zahlreichen Zeitlupen nicht.
Verlässlichstes Zeichen für eine solche Faszination sind normalerweise die kleinen Schauer, die einem ab und an über den Rücken huschen - diese konnte ich leider hier zu keinem Zeitpunkt an mir feststellen. Der Hund liegt wohl nicht zuletzt in den schwachen Charakteren, ihren unglücklich gecasteten Darstellern und der zähen Story begraben - aber leider Gottes auch im eigentlichen Highlight des "Königreich der Himmel", den glorreichen Schlachten im Namen des Christentums.

Abgesehen von der großen Belagerung Jerusalems mit allerlei Katapulten und reichlichem Öleinsatz herrscht nämlich zur allgemeinen Überraschung ziemliche Funkstille. Entweder wird das zünftige Gemetzel in letzter Sekunde noch abgewendet oder es bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Ja und selbst von der finalen Schlacht um die Stadt der Städte hat man eigentlich im (viel zu ausführlichen) Trailer schon das Wichtigste, nämlich die spektakuläre nächtliche Beschiessung der selben, gesehen - kurios! Die Kämpfe Mann gegen Mann sind quantitativ wie qualitativ vernachlässigbar da kameratechnisch ziemlich verwackelt und insgesamt auch trotz R-Ratings zu harmlos.
Der plötzliche Abbruch dieser zugegebenermaßen beeindruckenden aber nicht allzu langen Schlacht und die folgende Übergabe der heiligen Mauern an die überlegenen Moslems wirkt auf mich in dieser Hinsicht fast schon wie eine persönliche Kapitulation Scotts vor seinem so potentialbehafteten Filmstoff. Ebenso seltsam wirkt schließlich der übermäßig schlichte Filmausklang im Zusammenspiel mit dem gleichsam trägen Auftakt. Normalerweise würde Scotts Maßnahme in epischer Hinsicht ja irgendwo funktionieren, hier aber bleibt ein fader Beigeschmack des Versatzstückhaften. Hat sich der gute Ridley hier womöglich tatsächlich übernommen...!?

Gemessen an den Erwartungshaltungen ist "Königreich der Himmel" definitv eine mittlere Enttäuschung. Das letzte Wort ist zwar noch nicht gesprochen - eine Extended-Fassung ist oh Wunder bereits angekündigt - Scott müsste sich aber schon gewaltig an den Schneidetisch kleben um hier noch einen echten Kracher herauszukitzeln. Mehr Tempo und Dynamik für die erste Filmhälfte, Handlungskürzungen von mindestens 30 Minuten - Die Landkultivierungsaktion schreit förmlich danach - und am besten auch ein komplett neuer Soundtrack (langsam kann ich die ewig gleichen Black Hawk Down-Melodien nicht mehr hören) - dann könnte das Königreich der Himmel tatsächlich noch zu einem solchen auf Erden werden...

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