Aufwendiges Historienepos mit bombastischer Optik mit dem Ridley Scott seinen eigenen „Gladiator“ leider nicht toppen kann.
Balian (Orlando Bloom) ist Schmied und vom Schicksal gezeichnet: Sein Kind stirbt, seine Frau begeht darauf Selbstmord. Genau zu diesem Zeitpunkt tritt der Baron Godfrey von Ibelin (Liam Neeson) in sein Leben und eröffnet Balian, dass er sein Vater ist. Er bittet Balian mit ihm auf einen Kreuzzug zu kommen, doch Balian lehnt vorerst ab. Als er jedoch den schmierigen Dorfpfarrer im Zorn dahinmetzelt, muss er fliehen. Die Auftaktsequenz verspricht viel, denn sie bietet genau das Maß an Epik, dass man sich bei Ridley Scotts neuem Werk erhofft.
Kurz darauf beweist der Regiealtmeister, dass er auch das Inszenieren von Actionszenen nicht verlernt hat: Balian schließt sich der Kreuzfahrertruppe seines Vaters an, doch Gesandte des Bischofs erscheinen an deren Lagerplatz und fordern Balians Herausgabe. Godfreys Mannen verweigern diese und es kommt zu einem furios inszenierten Kampf, in dem Godfreys Trupp siegt, aber Verluste erleidet. Auch Godfrey selbst wird schwer verletzt.
Die kleine Gruppe zieht weiter ins heilige Land, Richtung Jerusalem. Dies befindet sich seit 100 Jahren in christlicher Hand und der Herrscher hat einen Friedenspakt mit den Sarazenen geschlossen. Doch der Frieden ist bröckelig und Godfrey will dort sein, um die Christen in der Stadt zu schützen. Zuvor erliegt er allerdings seiner Verletzung, jedoch nicht ohne Balian vorher zum Ritter (und somit neuem Baron von Ibelin) zu schlagen. Auch hier kann Scott wieder für das wohlige Gänsehautfeeling eines echten Epos sorgen.
Balian und seine Mannen setzen nach Ende ihrer Trauer den Weg nach Jerusalem fort. Ein Schiffbruch trennt sie vorerst, doch Balian schafft es dennoch zur heiligen Stadt zu gelangen. Doch toben Intrigen, die den Frieden zwischen Christen und Muslimen ständig bedrohen…
„Kingdom of Heaven“ fängt fantastisch an und scheint tatsächlich einen würdigen Nachfolger zu „Gladiator“ abzugeben, doch nach Balians Ankunft in Jerusalem baut der Film ab. Dabei ist die Rahmenhandlung gar nicht mal uninteressant: In der heiligen Stadt wird von den Templerorden intrigiert und der Frieden bedroht, denn die Tempelritter möchten einen Krieg – selbst wenn dieser die eigene Auslöschung bedeutet. Das bildet einen spannenden Rahmen, der sich auch kritisch mit falsch verstandener Auslegung des Christentums und politischem Dünkel auseinandersetzt.
Leider füllt Ridley Scott diesen Rahmen nicht mit genug Leben, sondern lässt den Film vor sich hin plätschern: Balian erbt die Ländereien seines Vaters, verwaltet sie und entwickelt sich langsam zum würdigen Baron. Doch anstatt sich auf Balians Entwicklung zu konzentrieren und zu schildern, wie aus dem Hufschmied ein gewiefter Feldherr wird, dichtet das Drehbuch eine der sinnlosesten Liebesgeschichten der Filmgeschichte: Balian und Sibylla (Eva Green), die Schwester des Herrschers von Jerusalem und Frau des Tempelritters Guy de Lusignan (Marton Csokas), verlieben sich einander (nachdem sie sich ein paar Tage kennen und man null Anziehung spürt) und landen auch prompt in der Kiste. Das sind schon mal schlimme Klischees, die man in Liebesfilmen noch toleriert, aber andere Epen wie „Gladiator“ und „Last Samurai“ kamen auch mit der Andeutung von Gefühlen und ohne sinnlose Bettszenen aus.
Schlimmer noch ist allerdings die Tatsache, dass die Liebesgeschichte fast keine Bedeutung für die Handlung hat, noch nicht mal wirkliche Eifersucht bei dem miesen Guy hervorruft. So fällt die Zeit, die man für Charakterentwicklung hätte nutzen sollen (es wirkt am Ende etwas unglaubwürdig, dass sich Balian zum Supertaktiker entwickelt hat) für sinnloses Geplänkel über Bord geworfen. Zudem bleiben ein paar Charaktere im Mittelteil blass: Guy und Reynald (Brendan Gleeson), der Anführer der Tempelritter, sind reine Klischeefieslinge, bilden aber glücklicherweise die Ausnahme, denn der Rest der Charaktere erlangt deutlich mehr Tiefe wie z.B. der des Kämpfens müde Ritteranführer Tiberias (Jeremy Irons).
Erst in den letzten 40 Minuten kann Ridley Scott wieder Dramatik aufbauen, denn hier eskaliert das Ränkespiel dann. Es folgt ein sehr gut inszenierter aufwendiger Showdown mit Belagerung und einigen Kampfszenen, die Ridley Scott gewohnt toll inszeniert, der sich ja mit „Gladiator“ und „Black Hawk Down“ als Fachmann für furioses Schlachtengetümmel erwies. Gleiches gilt auch für die anderen Kampfszenen zuvor (vor allem Überfall auf Godfrey am Anfang und der Kampf gegen die Tempelritter am Brunnen sind echte Highlights), aber die Actionmenge fällt enttäuschend gering aus. Dabei ist die Inszenierung wie gesagt top, was sich auch auf den gesamten Film übertragen lässt: Die Optik ist schick und das Jerusalem des Mittelalters kommt sehr plastisch rüber. Leider will sich nach dem gelungen Auftakt aber kaum noch das epische Gänsehautfeeling, das man bei einem Epos erwartet, einstellen.
Schauspielerisch ist der Film hingegen top, wobei vor allem Orlando Bloom eine unerwartet gute Leistung erbringt. Selbst die Raserei als er sich ohne Schwert, lediglich mit einem Stein bewaffnet gegen Angreifer zur Wehr setzt, kauft man ihm ab, obwohl er sonst ja oft wie ein Milchbubi wirkt. Jeremy Irons und Liam Neeson sind wie gewohnt große Klasse, Marton Csokas und Brendan Gleeson holen aus ihren etwas klischeehaften Rollen heraus, was sie können. Die unterbeschäftigte Eva Green wirkt leider weniger überzeugend, während die recht prominente Nebendarstellerriege (unter anderem Martin Sheen sowie Edward Norton, dessen Gesicht man aber nie sieht) durch die Bank weg gute Leistungen erbringt.
„Kingdom of Heaven“ ist ein von Ridley Scott gewohnt toll inszenierter Historienfilm, mit zu wenigen, aber sehr gut gemachten Kampfszenen, aber leider weitaus weniger fesselnd als erwartet. Da hatte ich von Ridley Scott nach seinen letzten Epen deutlich mehr erwartet.