Ridley Scott setzte mit „Gladiator“ neue Maßstäbe im Bereich der Historienfilme. Bis dato scheiterten selbst wahre Regisseur-Größen wie Oliver Stone an Scotts imposanter Vermittlung von Blut, Schweiß und Tränen. Das Geheimnis von „Gladiator“ ist eigentlich ziemlich simpel. Neben den zweifelsohne optischen und akustischen Finessen war es vor allem der Verzicht auf die dokumentarische Wiedergabe historischer Geschehnisse. Allenfalls die Rahmenbedingungen wurden authentisch vermittelt. Das Ergebnis jener Darstellung war, dass selbst Kritiker kein Haar in der Suppe finden konnten, weil Scott sich nicht anmaßte detailgetreu die Geschichte zu reflektieren. Darüber hinaus fixierte sich Scott auf eine Person, einem fiktiven Helden, dessen Darsteller, Russell Crowe zweifelsohne ein Glücksgriff war, weil er Charisma und Glaubwürdigkeit vereinte.
Mit „Kingdom of Heaven“ versucht Ridley Scott den Unterhaltungswert auf andere Art und Weise herbeizuführen.
Eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte, die Kreuzzüge, sollten so detailgetreu wie möglich übermittelt werden. Trotzdem sollte die Nähe an der Historie keine signifikanten „Gladiator“-Elemente wie beispielsweise überwältigende Bilder sowie mitreißende Dramaturgie kaschieren.
Angekündigt wurde im Voraus, dass die Kreuzzüge an sich mehr im Mittelpunkt des Films stehen und der Fokus nicht auf eine Person gerichtet ist.
Der erste Teil des Films mag diese Behauptung zwar einerseits belegen, aber andererseits wird deutlich, dass Orlando Bloom als Balian of Ibelin für den weiteren Verlauf eine zentrale Rolle hat. Als Balian seine Frau verloren hat, die aufgrund einer Fehlgeburt Selbstmord beging, überraschte ihn urplötzlich seine bisher unbekannter Vater, Godfrey, Baron von Ibelin (Liam Neeson), indem er Balian bittet ihn nach Jerusalem zu begleiten.
An dieser Stelle distanziert sich Scott mit zwei fiktiven Charakteren, nämlich Balian und Godfrey von der Historie und bietet den Kritikern wenig Angriffsfläche bei der Darstellung historischer Persönlichkeiten. Obwohl der historische Kontext um Balian existiert, wurde er vom Regisseur bewusst vernachlässigt, so dass man getrost von einem fiktiven Charakter sprechen und die Vorgehensweise nicht als Kritikpunkt werten kann. Trotz allem ist der Beginn alles andere als zufrieden stellend, denn der eigentliche Plot beginnt erst in Jerusalem, die Einleitung ist eher der forcierte Anlass die Geschichte in die „Heilige Stadt“ zu verfrachteten. Schade ist hierbei vor allem der Verlust von Godfrey, weil Liam Neeson in seiner Rolle glänzt und die Person an sich sehr interessant ist. Der Baron von Ibelin unterstützt seit Jahren den Kurs des amtierenden Königs von Jerusalem, Baldwin IV. (Edward Norton), der seit Jahren eine Annäherung zwischen Moslems und Christen erreichen möchte.
Erst in Jerusalem erhält die Geschichte den notwendigen Reiz und Drive.
Balian verliert seinen Glauben, als er an dem Todesort Jesu seine Sünden reinwaschen möchte, aber keine Antworten erhält. Fortan tritt er das Erbe seines Vaters an und versucht dessen Hab und Gut zu verwalten, wobei er seine Arbeiter religionsneutral schätzt.
Progressiv werden interessante Charaktere in die Geschichte integriert, wobei vor allem der Unterschied hinsichtlich der Mentalitäten äußerst interessant ist, speziell, weil die Geschichte der Kreuzzüge den meisten eher unbekannt ist. Innerhalb der Christen existieren unterschiedliche Gruppierungen, deren Ansichten unterschiedlicher nicht sein könnten. Während die Templer unter Anführer Reynard (Bernard Gleeson) stets den Krieg zwischen Sarazenen und Christen befürworten, bekennen sich die Anhänger des amtierenden Königs Baldwin IV. (Edward Norton) zu einem offenen Dialog mit den Muslimen und versuchen ein konfliktfreies Zusammenleben in und außerhalb Jerusalems zu ermöglichen.
Da der König allerdings an Lepra erkrankt ist, sorgt er sich um seine Nachfolge bzw. um die weitere Entwicklung Jerusalems. Seine Schwester Sibylla (Eva Green), potenzielle Königin, ist mit einem Templer unglücklich verheiratet und die Konsequenzen seines Todes wären für das Volk und für die Stadt Jerusalem katastrophal, da die Sarazenen unter Anführer Saladin (Ghassan Massoud) deutlich Truppenstärker sind.
Deshalb versucht er Balian, dessen Vater Godfrey von ihm und seiner Schwester Sibylla geschätzt wurden, die Thronfolge zu übertragen.
Balian lehnt allerdings ab, weil er innere Zweifel hat und ein ehrenvoller Ritter sein möchte.
Die Konsequenzen nach dem Ableben des amtierenden Königs sind wie erwartet verhängnisvoll, denn die Templer provozieren nicht nur den Krieg, sie ziehen aussichtslos gegen die überlegenen Sarazenen in dem Krieg.
Als die Niederlage eingeleitet war und der Verlust von Jerusalem drohte, übernimmt Balian die Führung der stark geschwächten Armee und versucht der Belagerung durch die Sarazenen abzuwehren.
In diesem Teil des Films entfaltet „Kindom of Heaven“ seine Stärken, denn hier entwickelt sich sukzessiv eine fesselnde Geschichte, getragen von hervorragenden, interessanten Charakteren. Balian durchlebt offensichtlich einen inneren Konflikt, verliert den Glauben und lehnt ein Angebot des Königs ab und stürzt deshalb das Volk und die „heilige Stadt“ in ein Desaster. Er unterdrückt seine Liebe zu Sibylla aus fragwürdigen, ehrenhaften Motiven. Den introvertiertern, von Selbstzweifel geplagten Mann kann Orlando Bloom durchaus überzeugend darstellen, auch wenn er nicht das Charisma hat, um den Film auf seinen Händen zu tragen, wie seinerzeit Russell Crowe in „Gladiator“. Als Heerführer verblassen seine an sich sehr unkonventionellen Reden ein wenig, weil er nicht das nötige Charisma hat, um die Wirkung bis tief in die Knochen gleiten zu lassen.
Des Weiteren überzeugen nahezu alle Nebendarsteller in ihren Rollen. Liam Neeson hätte man gerne noch mehr Zeit gegönnt, weil sein Charakter sehr interessant war und er selten so motiviert zu Werke ging. Selbst Jeremy Irons lässt Ridley Scott von den Toten auferstehen. Als königlicher Berater Tiberias brilliert er endlich wieder einmal, indem er dem weisen Charakter die nötige tiefe verleiht. Edward Norton ist zwar optisch nicht zu erkennen, aber spätestens im Dialog und im Agieren spiegelt sich die großartige Darstellkunst von ihm wider. Seine filmische Schwester Sybilla alias Eva Green ist nicht nur optisch ein Highlight, ihr weinerliches, verzweifeltes Dasein motiviert nicht nur Balian zu Taten, auch den Betrachter tangiert das Leiden der Königin.
Auch auf arabischer Seite verstehst es Ridley Scott, wie gewohnt, die Darsteller zu motivieren, allen voran Ghassan Massoud als Anführer der Sarazenen vermag vollends zu überzeugen, da er den intelligenten Führer als jenen zu jederzeit überzeugend darstellt.
Im Übrigen ist die politische Note an dem Film offensichtlich, auch wenn es angeblich nicht beabsichtigt wurde. Alleine der Vermerk gegen Ende, dass der Krieg im „heiligen“ Land immer noch andauert, ist ein eindeutiges Indiz dafür. Den Hinweis war gar nicht notwendig gewesen, um die unterschwellige Botschaft zu verstehen. Scott stellt die Absurdität der Kreuzzüge mit Hilfe von verschiedenen Charakteren und Gruppierungen dar und ermöglicht immer wieder Assoziationen zu den gegenwärtigen Konflikten. Vor allem der fiktive Charakter Balian dient oftmals zur Übermittlung politischer Botschaften, beispielsweise als er verkündet, dass er Jerusalem nicht wegen der heiligen Stätten, sondern wegen der Menschen verteidigt. Daraufhin bemerkt ein Priester, derartiges Gedankengut sei Blasphemie.
Trotz allem ist die Kritik an dem Christentum keinesfalls universell, er werden nur jene Leute an den Pranger gestellt, die den Glauben falsch auslegen und für heilige Stätten im nichtchristlichen Sinn Morden und Kriege provozieren. Erfreulich ist die Darstellung der Sarazenen, die alles andere als klischeebehaftet ist, im Gegenteil, in der Person des Saladin spiegelt sich zwar ein kühler Taktiker wider, aber auch ein Mensch, der in punkto Glauben differenzieren kann bzw. anderen Religionen den nötigen Respekt gewährt.
Optisch erreicht „Kindom of Heaven“ erwartungsgemäß ein hohes Niveau.
Das Gesamtbild überzeugt im wahrsten Sinne des Wortes, wenn Computereffekte mit naturalistischen Aufnahmen verschmelzen. Das bläuliche an den Bildern ähnelt den Digitalaufnahmen von Michael Manns „Collateral“; die daraus resultierende Klarheit ist äußert beeindruckend. Bei dem Aufmarsch der Truppen manifestiert sogar etwas wie Ehrfurcht, denn die Aufnahmen wirken zeitweise fast schon dokumentarisch und erzeugen eine fesselnde Atmosphäre.
Hinsichtlich der Kämpfe ergeben sich zwei unterschiedliche Eindrücke. Während die Fernkämpfe mit Pfeil und Bogen, Katapulten und ähnlicher Kriegsmaschinerie in jeder Hinsicht gelungen dargestellt sind, sind die Nahkämpfe ein einziges, hektisches Geruckel, lediglich Blutfontänen sind klar zu erkennen. Authentizität erreicht man dadurch jedenfalls nicht, eher ein Schwindelgefühl.
Obwohl die Optik in vielerlei Hinsicht der von „Gladiator“ gleicht, bleibt die gleiche tief greifende Wirkung trotzdem verwehrt, was auf den Score basiert. Statt der gewohnt, innovativ, subtilen Hans Zimmer Klänge bietet Harry Gregson-Williams allenfalls eine altbekannte Mischung an. Die perfekte Abstimmung mit der Optik funktioniert leider nur selten.
Mit „Kindom of Heaven“ weicht Ridley Scott von seinem Erfolgskonzept aus „Gladiator“ ab. Er möchte nicht nur Unterhaltung bieten, sondern auch historische Nähe und eine politische Botschaft, oftmals mit Hilfe fiktiver Charaktere, vermitteln. Haupt- und Nebendarsteller konnte Scott wiederum zu angemessenen Leistungen motivieren, was bei Orlando Bloom nicht unbedingt zu erwarten war.
Typisch gelungene Elemente aus „Gladiator“ wirken teilweise nicht mehr so fesselnd, was vor allem auf den Score basiert. Das Drehbuch wirkt zu Beginn ein wenig unausgegoren, aber spätestens im „heiligen Land“ kann Scott sein Anliegen realisieren, auch wenn ihm seine eigenen Vorhaben teilweise überfordern und er letztendlich eine Mischung, die durchaus mehr Potenzial gehabt hätte, präsentiert. Trotzdem gelingt ein guter Historienfilm, der über weite Strecken unterhält und interessante, zeitgemäße Botschaften vermittelt. (7/10)