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Als Ridley Scott im Jahre 2000 mit „Gladiator“ einen beeindruckenden sowie Oscar-prämierten Erfolgsfilm vorlegte, schöpfte Hollywood neuen Mut, das bis dato nahezu tot geglaubte „Historienepos“-Subgenre erneut ins Augenmerk zu fassen – doch nach den finanziell enttäuschenden Großproduktionen „Alexander“, „Troy“ und „King Arthur“ (wobei letztere wenigstens international in die schwarzen Zahlen gelangten), schienen Werke dieser Art in die Kategorie „äußerst risikoreich“ zurückzufallen, zumal das Publikum inzwischen von den „Lord of the Rings“-Meisterwerken auf ähnlichem Terrain verwöhnt worden war. Die Erwartungen ruhten also ein weiteres Mal auf den Schultern von Regisseur Scott, der mit „Kingdom of Heaven“ in das von ihm wieder belebte Genre zurückkehrte – einer filmischen Umsetzung der Belagerung Jerusalems am Ende des 12.Jahrhunderts, welche als entscheidendes Ereignis der damaligen christlichen Kreuzzüge gilt…

Erzählt wird die (fiktive) Geschichte des französischen Hufschmieds Balian (Orlando Bloom), der gleich zu Beginn Frau und Kind verliert. Am Tage ihrer Bestattung (!) tritt jedoch ein Fremder an ihn heran: Godfrey of Ibelin (Liam Neeson), sein bis dato unbekannter Vater, unterbreitet ihm zur Wiedergutmachung das Angebot, gemeinsam nach Jerusalem in die „neue Welt“ zu reiten. Anfangs lehnt er ab, doch nachdem er in Folge eines Wutanfalls den örtlichen Priester tötet, schließt er sich Godfrey an. Bei einem späteren Versuch von Kirchenvertretern, Balian wegen des Mordes zu verhaften, kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei welcher sein Vater tödlich verwundet wird. Vor seinem Ableben schlägt er ihn jedoch noch zum Ritter und weist ihn an, dem König von Jerusalem zu dienen sowie „den Frieden und die Menschen mit dem eigenen Leben zu schützen“.
Nach einer stürmischen Überfahrt muss unser junger Held jedoch feststellen, dass der Frieden in der von Christen eroberten heiligen Stadt fern von gesichert ist: König Baldwin IV (Edward Norton), von Lepra schwer gezeichnet, weshalb er sein entstelltes Gesicht hinter einer Maske verbirgt, wird zunehmend schwächer – das Schicksal Jerusalems scheint unmittelbar mit seinem Leben gekoppelt, denn kriegslüsterne Elemente am Hofe (wie die Ritter Reynald (Brendan Gleeson) oder Guy de Lusignan (Marton Csokas)) warten nur auf jenen Tag, um gegen die muslimischen Feinde im Namen Gottes zu Felde zu rücken. Die gesamte Lage wird für Balian zudem von der Tatsache verkompliziert, dass er sich ausgerechnet in Sybilla (Eva Green), die Schwester des Königs, verliebt, welche aber mit dem machhungrigen Guy liiert ist…
Auf den klärenden Vorschlag des königlichen Beraters Tiberius (Jeremy Irons), Guy aus dem Weg zu räumen und Sybilla so zur Frau nehmen zu können, geht der aufrechte Balian aber nicht ein – und so wird Guy nach dem Tode Baldwins schließlich König und zieht in eine aussichtslose Schlacht, welche von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Währenddessen folgt Balian seinem Eid und organisiert die Verteidigung Jerusalems, wobei es ihm tatsächlich gelingt, mit seinem kleinen Heer aus Bauern und Dienern die Stadt einige Tage lang zu halten – doch auf Dauer ist der Kampf angesichts der immensen Übermacht einfach nicht zu gewinnen…

Filme, bei denen es um auf den jeweiligen Glauben gestützte Auseinandersetzungen zwischen Christen und Moslems geht, hatten schon immer einen schwierigen Stand – vor allem nach 9/11. Regisseur Scott und sein Drehbuchautor William Monahan (ein ehemaliger Journalist der „NY-Times“) mussten daher besonders sensibel vorgehen, was man dem Werk auch ansieht: Es wird nie Partei ergriffen – beide Seiten sind weder „gut“ noch „schlecht“. Unser Held (ein freier Denker) ist Christ, wie auch Guy, der den eigentlichen Gegenspieler darstellt: Diese Rolle ist ziemlich eindimensional geraten – er verkörpert die negativen Elemente innerhalb der eigenen Religion. Der muslimische Anführer Saladin (Ghassan Massoud) wird hingegen als weise, ehrenwerte Persönlichkeit präsentiert, so wie die Araber allgemein. Da der Fokus hauptsächlich auf Christen mit unterschiedlichen Anschauungen gerichtet wurde, dürften keine empörten Stimmen bestimmter Gruppierungen zu erwarten sein…

Während das Skript diese Aspekte überzeugend vermitteln kann, hapert es leider an anderen Stellen – etwa beim Einstieg, bei dem man (in meinen Augen) ein nicht so glückliches Händchen bewies: Es vergeht recht viel Zeit, bis Balian endlich nach Jerusalem gelangt. Man hätte jenen vorangehenden Abschnitt, trotz der einführenden Inhalte, knapper halten können. Es verwundert auch, dass man dem Publikum keinen größeren „Appetitanreger“ (wie die Schlacht in den Wäldern bei „Gladiator“) bietet. Allgemein ist die Action eher dünn gesät und beschränkt sich auf einige knappe Auseinandersetzungen vor dem furiosen Finale, mit dem der Trailer so ausgiebig geworben hat. Ein weiteres Problem stellt die Entwicklung Balians vom einfachen Schmied zum grandiosen Taktiker dar: Trotz einiger Sequenzen zwischendurch, die seine Fähigkeiten veranschaulichen sollen (wie sein Geschick beim Aufbau eines Bewässerungssystems), wirkt der Übergang teils unglaubwürdig. Mal sehen, was die angekündigte Langfassung (mehr als eine Stunde länger) da noch richten kann.
Bezüglich der Kreuzzüge sowie deren geschichtlichen Hintergründe verfüge ich leider über zu wenig gesichertes Wissen, doch trotz der Beteuerungen Monahans, sich größtenteils an Fakten gehalten zu haben, setzt die Handlung im Jahre 1186 ein – 1 Jahr nach dem tatsächlichen Todesdatum von Baldwin IV…

Ridley Scott ist ein Filmemacher, der ganze Welten erschaffen kann – und so verwundert es nicht, dass man sich problemlos in jene Zeit zurückversetzt fühlt. Neben Sci-Fi-Klassikern wie „Alien“ oder „Blade Runner“ konnte Scott bis heute in den unterschiedlichsten Genres auftrumpfen: Ob „Thelma & Louise“ (Drama), „Hannibal“ (Thriller) „Black Hawk Down“ (Krieg) oder „Matchstick Men“ (Komödie), seine Werke sind nicht nur unter eingefleischten Fans anerkannt. Bei „Kingdom of Heaven“ bewegt sich seine Inszenierung entlang (vom ihm) gewohnten Pfaden: Die Optik (dunkle Farbfilter etc) kennt man aus „Gladiator“, wie auch die Art der Action-Entfaltung (Handkamera direkt im Zentrum des Geschehens). Der musikalische Score von Harry Gregson-Williams („Shrek“) erinnert zudem stark an Kompositionen von Hans Zimmer („Black Hawk Down“).
Vor allem die bildgewaltige Optik von Kameramann John Mathieson überzeugt: Die Angriffe zu Pferd sind allesamt dynamisch, die Belagerung (inklusive Schlachtgetümmel) atemberaubend sowie von ungeheuerer Kraft. CGI-F/X vermischen sich übergangslos mit echten, aufwändig arrangierten Aufnahmen. Erstaunlich, vor allem wenn man bedenkt, dass die Produktion „nur“ 130 Millionen Dollar gekostet hat (sowohl „Troy“ als auch „Alexander“ waren wesentlich teuerer) – eine Summe, die man letztendlich sehr gut genutzt auf der Leinwand sieht.

Hauptdarsteller Orlando Bloom (“Pirates of the Caribbean“) spielt hier zwar deutlich besser als in „Troy“, wirkt aber trotz antrainierten 20 Pfund Muskeln noch immer nicht kernig genug, um seine Figur vollkommen überzeugend verkörpern zu können. Die Szenen, in denen er die Massen in Form von Ansprachen mobilisiert, nimmt man ihm nicht wirklich ab. Als Schmied stellt man sich auch eher jemanden wie Russell Crowe vor…
Ihm zur Seite stehen eine ganze Reihe erfahrener Darsteller: Vor allem Jeremy Irons („Dead Ringers“) meldet sich nach seinem Karriere-Knick eindrucksvoll zurück. Neben David Thewlis („7 Years in Tibet“) ist Liam Neeson ebenfalls (trotz seiner begrenzen Screen-Time) stark, sollte aber langsam nicht mehr die ewige Mentor-/Vaterrolle (“Star Wars EP1“ oder „Batman begins“) übernehmen. Brendan Gleeson („MI:2“) übertreibt es hingegen etwas und Eva Green („the Dreamers“) ist zwar wunderschön, gerät jedoch im Verlauf zu sehr in den Hintergrund. Und dann wäre da noch der großartige Edward Norton („Fight Club“) als König, dessen Gesicht man nie zu sehen bekommt: Seine Gesten sind perfekt gesetzt, die Szenen, in denen er sich kaum auf den Beinen halten kann, versprühen tragische Größe.

Balian träumt von Jerusalem als ein „Königreich der Himmel“, in welchem Christen und Moslems gemeinsam leben und ihren Glauben ausüben können – und tatsächlich lebten sie zeitweise vor den Kriegen friedlich zusammen. Er selbst fühlt sich von Gott verlassen, da dieser am Tempelberg nicht zu ihm spricht. So ist es absolut nachvollziehbar, dass ihm die Tempel und Gebäude nichts bedeuten, sondern nur die Menschen innerhalb der Stadtmauern.
Was ist Jerusalem wert? Nichts. Alles. Damals, so wie heute – fern des Friedens. Im Endeffekt kann man den Film als Allegorie aktueller religiöser Konflikte betrachten. Er ist pure Unterhaltung, jedoch mit provokanten Ansätzen bestückt: Wie lässt sich blutiges Vorgehen rechtfertigen, während man von der Freiheit des Friedens spricht sowie diese mit jenen Mitteln erreichen will…?

Fazit: „Kingdom of Heaven“ ist großes, bildgewaltiges Kino. Aufgrund einiger Schwächen hält er einem direkten Vergleich mit „Gladiator“ zwar nicht ganz stand, schafft es aber, vergleichbare Werke der letzten Zeit zu übertreffen. Hinzu kommt noch, dass das Themengebiet der Kreuzzüge nahezu unverbraucht ist sowie interessant aufgearbeitet wurde, weshalb es von mir knappe „8 von 10“ für diesen (größtenteils) überzeugenden Film gibt.

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